Das Jahr der Mohnblüte

Das Jahr 2014 beinhaltet ein ganz besonderes ‚Jubiläum‘ – 100 Jahre sind seit Beginn des ersten Weltkriegs vergangen. Auch wenn heutzutage hauptsächlich über den zweiten Weltkrieg gesprochen hat, war es der erste, der die Welt am Fundamentalsten verändert hat. Ein passender Zeitpunkt, um sich dem Thema aus der literarischen Sicht zuzuwenden.

„Über den Feldern“ ist kein kompliziertes Epos über einen Krieg, sondern eine ansehnliche Sammlung literarischer Werke. Namen wie Ernest Hemingway, Franz Kafka, Virgina Woolf, Jaroslav Hašek, William Faulkner, Akutagawa Ryunosuke und Alexei Tolstoi geben sich die Ehre und steuern mal zwei kurze Seiten bei, ein anderes Mal bis zu 15 Seiten. So international wie der Krieg sind auch die versammelten Autoren: Österreich, USA, Polen, Japan, Deutschland, damaliges russisches Reich, Frankreich und mehr. Das spiegelt sich in den Sichtweisen und Blinkwinkeln der Essays wider und macht die Sammlung zu einem unwiderstehlichen Spiegelkabinett der Literatur.

Kinder, die spielerisch und dennoch ehrlich und hart mit dem Thema umgehen (Das Friedensspielzeug von Saki), die Brutalität in Menschen, die bis dato in ihrem Umfeld eigentlich als äußerst friedvoll galten (Mary Postgate von Rudyard Kipling). Die Erzählung rund um die russische Magd, deren Liebhaber in den Krieg muss und sich darüber mit Jesus zerstreitet (Isaak Babel) könnte glatt schon als Vorläufer der Fantasy gelten.

100 Jahre ist es her, dass die Menschen innerhalb dieser fiktiven Erzählungen ihrem Tagewerk nachgegangen sind. Mancher mag sich „Damals war alles anders.“ denken. Dennoch ähneln die Menschen von ‚damals‘ uns in jeder Facette und man muss sich schon wundern, wann wir das nächste Mal derart übereinander herfallen werden. Eine Literatursammlung also, die unterhält und nachdenklich macht. 

Wie es bei Manesse-Büchern quasi Standard ist, besticht aber nicht nur der Inhalt des Buchs. Von dem Titel, der innerhalb eines Fadenkreuzes geprägt (!) ist, zum stilvollen Stoffeinband des Buchs hin zu den Mohnfeldern, die als Hintergrundbild angedeutet werden. Die Mohnblüte als das weltweit bekannte Symbol für den ersten Weltkrieg, das sich natürlich auf das Gedicht der Gedichte dieser Zeit bezieht: In Flanders Fields, das allerdings nicht im Buch gefunden werden kann. Ein Fehlen, das kein Faux-pas, sondern wohltuend abwechslungsreich ist. Dafür findet der aufmerksame Leser auf einer der letzten Einbandseiten ein anderes Gedicht von  Ivo Andric.

Nicht zuletzt erlauben es die Kurzgeschichten, zwischen den einzelnen Werken hin und her zu springen. Ergänzt werden die Werke durch eine Sammlung von den Lebensläufen der Autoren, die glücklicherweise recht kurz gehalten sind. 


Bettina Riedel (academicworld.net)

Über den Feldern. Horst Lauinger (Hrsg.)
Manesse Verlag. 29,99 Euro.

P.S.: Für Kurzentschlossene gibt es am Donnerstad, den 5. Juni, eine Buchpräsentation der Manesse-Anthologie im Münchner Literaturhaus. Weitere Informationen findet ihr hier.

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