Das Ende einer Ära

Mit dem Ersten Weltkrieg zerbrechen nicht nur Regierungs- und Gesellschaftssysteme, sondern auch Geisteshaltungen und Moralvorstellungen. Die Miniserie „Parade’s End“ – eine Co-Produktion von BBC und HBO – fängt diese Zerfallsprozesse in der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ford Madox Ford ganz wunderbar ein.

Das Ende einer Ära
Mit seiner Ehefrau Sylvia hat Christopher nicht gerade das große Los gezogen. © Polyband

Unterkühlt bis zum Ersticken 

Ein echter englischer Gentleman zeigt NIEMALS seine Gefühle. Diese Maßregel hat Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) zutiefst verinnerlicht. Nur ein einziges Mal hat er alle Vorsicht fahren lassen und sich auf ein kurzes Abenteuer mit der schönen Sylvia (Rebecca Hall) eingelassen. Dafür aber hat er teuer bezahlt. Aus Ehrgefühl hat er die im Anschluss schwangere Schöne geheiratet, obwohl er nicht sicher sein kann, dass das Kind das seine ist. Seither machen die beiden sich das Leben zur Hölle. Sylvia hatte ihren Gatten sogar schon kurzfristig verlassen. Als sie aber zurückwill, nimmt er sie wieder auf. Um sie fortan allerdings nach Möglichkeit zu ignorieren. Denn: Mittlerweile gehört sein Herz einer anderen. Der couragierten und unschuldigen Suffragette Valentine Wannop (Adelaide Clemens). Leben kann er diese Liebe natürlich nicht. Das wäre mit seinem Wertekanon in keinster Weise vereinbar. 

Das Ende einer Ära
Wenn er könnte, wie er wollte, wäre er ohnehin lieber mit ihr zusammen: Valentine. © Polyband

Halt geben ihm die Zahlen in seinem Beruf als Statistiker für die britische Regierung. Als er die aber zu Recht biegen soll, damit sie besser in die politische Lage passen, kündigt er kurzerhand und flüchtet sich – mitten im Ersten Weltkrieg – zur Armee. Das macht freilich nichts besser. Auch hier kommen nur die Wenigsten mit dem stets überkorrekten Aristokraten zurecht. Zu Hause schießen derweil wüste Gerüchte ins Kraut. Er soll es sein, der seine Frau betrügt. So gut hat er deren Fehltritte verborgen. Langsam aber sicher wird klar: Anstand oder Gefühl, Tietjens muss sich entscheiden! Oder machen die Schrecken des Krieges ohnehin alles andere belanglos?

Alles andere als beschaulich

Im Gegensatz zur erfolgreichen BBC-Serie „Downton Abbey“, die in einem ähnlichen Zeitraum spielt, geht es in Parade’s End weit weniger geruhsam zu. Und vor allem zeigt sich hier nicht nur die Brüchigkeit von gesellschaftlichen und moralischen Idealen, sondern auch die von traditionellen Familienstrukturen. Regisseurin Susanna White findet wunderbare Bilder um diese Zeit des Umbruchs zu fassen. Besonders die Idee der dreieckigen Spiegelungen (Schon im Vorspann), die das Beziehungsdreieck zwischen Christopher, Sylvia und Valentine widerspiegeln sind sehr wirkungsvoll.

Neben dem wunderbaren Bildaufbau tragen natürlich auch die Schauspieler ihren Teil dazu bei, dass diese ruhig erzählte Geschichte so eindringlich auf den Zuschauer wirkt. Rebecca Hall macht aus ihrer Sylvia bisweilen eine Urgewalt und stellt dabei noch einmal klar, warum die Beziehung mit dem still vor sich hinleidenden Ehrenmann Tietjens nicht klappen kann. Cumberbatch hat ja schon häufiger hinlänglich bewiesen, wie gut er die unscheinbaren Helden auf die Leinwand bringen kann. Da macht Christopher, der schon mal in seiner Freizeit die Encyclopædia Britannica korrigiert, keine Ausnahme. 

Das Ende einer Ära

Gisela Stummer (academicworld.net)

Parade’s End. Der letzte Gentleman

Regie: Susanna White
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Rebecca Hall, Adelaide Clemens, Rupert Everett

Im Vertrieb von Polyband/WVG
 

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