Das Ende des Happy-Ends

„To send me blue valentines / Like half forgotten dreams / Like a pebble in my shoe / As I walk these streets / And the ghost of your memory / Is the thistle in the kiss“ (Tom Waits, Blue Valentine)
– Blue Valentine läuft ab dem 4. August in den deutschen Kinos –

© Senator

Wie es beginnt

Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling) stehen am Ende ihrer kurzen Ehe. Gefühle sind noch da, aber entweder falsche oder schwache, also jene, die aus Leidenschaft Leere machen. Um der monotonen Tristesse zu entfliehen und sich vielleicht noch die längst verpasste Chance zu geben, liefern sie Töchterchen Frankie (Faith Wladyka) beim Opa ab, um allein in ein obskures Hotel zu fahren. Die Nacht dort besiegelt endgültig den Ruin ihrer Beziehung.

Szenenwechsel: Cindy und Dean stehen am Anfang ihrer Liebesgeschichte. In einem Altenheim haben sie sich kennengelernt, während sie ihre Oma besuchte und er einen Umzugsjob erledigte. Kein Ort verträumter Romantik, doch die holen sie später nach, wenn er ihr auf nächtlicher Straße ein Ukulele-Ständchen bringt und sie dazu in hellerleuchteten Geschäftseingängen steppt. Ein bißchen verrückt, ein bißchen verspielt, ein bißchen verliebt. Da kann mehr daraus werden, wird es schließlich auch schneller als gedacht. Als Cindy ungewollt ein Kind erwartet, dessen Vater entweder Dean oder ihr Ex-Freund sein könnte, erweist sich Dean als Halt. Gemeinsam wird der Schritt Richtung Kleinfamilie gewagt.

Wie es endet

Ein Paar, eine Geschichte, aus zwei gegensätzlichen Richtungen – vom Ende bzw. vom Anfang her – erzählt. Schon hat man zwei Paare und zwei Geschichten, die ebensowenig zusammenzupassen scheinen wie sie ohne einander nicht möglich wären. Eben diese eigentümliche Kombination aus Divergenz und Konvergenz nimmt Regisseur und Co-Autor Derek Cianfrance als dramaturgischen Ansatzpunkt, um das Auf- sowie Ausglühen der Liebe zu inszenieren. Er beginnt mit dem desolaten Schluß, das heißt den letzten miteinander verbrachten 24 Stunden von Cindy und Dean, läßt diese narrativ auf Rückblenden vom verheißungsvollen Beginn prallen, bis sich langsam die Bilder zu ergänzen scheinen: Die Tränen während der Trauung mischen sich mit den Tränen beim Abschied, innige Umarmungen werden zum verkrampften Festhalten des/am anderen.

Das einstige juvenile Entwicklungsstadium ist überwunden, an dem Dean gerne festgehalten hätte und das Cindy wiederum auf Dauer nicht genug sein kann. Sie selbst, die Medizin studieren wollte, arbeitet jetzt als Krankenschwester, ihr Mann als Anstreicher. Sein musikalisches Talent bleibt derweil unausgeschöpft. Anspruchslosigkeit als Verrat am eigenen Potential, so sieht es wenigstens Cindy. Dean hingegen versucht das Dasein leicht zu nehmen, ohne freilich noch die Leichtigkeit der Jugend zu besitzen und läuft deswegen Gefahr, sich an die Stupidität zu verlieren. Liebe war für ihn, wie er einmal anmerkt, eine Art Musik, die zum Tanzen nötigt. Nicht nachdenken, nur mittanzen, das versucht er noch heute.

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Wie es war

Voll glaubwürdiger inszenatorischer Akkuratesse wird in szenischen Flashbacks die Annäherung zweier Menschen geschildert, deren sich von luftiger Vertrautheit zu aufrechter Verbundenheit ändernde Gefühlslage, wobei offen bleibt, ob ihre Liebe nicht von Anfang an ein Mißverständnis war oder doch das große, gleichwohl zeitlich limitierte Lebensglück. An der Echtheit der Emotionen beider Charaktere besteht kein Zweifel, allerdings an deren Tiefgründigkeit; zumindest haben sie nur wenige Jahre gehalten, um dann im Edelstahl-Horror eines billigen Mottohotels endgültig zu versickern.

Sowieso erweist sich Cindy und Deans wohl letzter gemeinsamer Ausflug als Trip in den Ehe-Hades. Das retro-futuristisch ausgestattete, klägliche Hotelzimmer bildet mit seiner Neonbeleuchtung die grässlich-perfekte Kulisse für den finalen Akt ihrer Beziehung, als nichts mehr gut läuft: weder Kommunikation noch Verstehen, weder Zärtlichkeit noch Sex. Im blaukalten Kunstlicht offenbart sich eine greifbare, wenn auch unausgesprochene Verzweiflung, die zu implodieren droht, bevor sie im Alkohol ertränkt wird.

Derweil rückt die strapaziöse Kamera von Andrij Parekh den Figuren eng auf den Leib, kreiert um sie herum einen emotional wie architektonisch klaustrophobischen Raum der Enttäuschung. Eingepfercht zwischen fadem Alltag und kraftlosen Gefühlen werden sie quasi auf sich selbst und ihre Beziehungslethargie zurückgeworfen, um so mit den Konsequenzen von falschen Lebensentscheidungen konfrontiert zu sein.

Wie es ist

Daß das quälende Beziehungsdrama „Blue Valentine“, jene sich zur emotionalen Abwärtsspirale wandelnde Liebesgeschichte im Rückwärtslauf, überzeugt, ist primär den beiden Hauptdarstellern Michelle Williams und Ryan Gosling als junges, schon verlorenes Paar zu verdanken. Ebenso wie sie durch ihre hübsche, unbekümmerte Verliebtheit aufblühen, sinken sie in das spätere Gefühlsdesaster ein, irrlichtern durch eine havarierte Beziehung, die mehr Fortune verdient hätte, aber offenbar nicht mehr Format besessen hat.

An was sich genau ihre Liebe erschöpfte, klammert die Handlung indes aus, nämlich jene wenigen entscheidenden Jahre zwischen Hochzeit und Trennung. Zwar werden Gründe angedeutet, beispielsweise stammen beide aus dysfunktionalen Familien, aber sie spielen eine psychologisch eher untergeordnete Rolle. Das mag als Schwäche, gleichzeitig Stärke des Films gelten, dessen Schwerpunkt auf Ouvertüre und Finale der Liebe liegt, nicht auf ihrem Verlauf. Zweifellos mit erzählerischer Absicht: Was als Sehnsucht nach völliger Nähe beginnt und mit dem Wunsch nach totalem Abstand endet, läßt wohl eher die Erinnerung an das ‚Wie‘ einer Liaison zurück als an das ‚Warum‘.

Mit einem Straßenfeuerwerk endet der Film, fast als wollte er etwas äußeren Glanz schaffen angesichts der ernüchternden emotionalen Misere. Doch gleich sich wandelnden Gefühlen glühen die Leuchtraketen nur auf, um wieder zu erlöschen und die Welt etwas dunkler zurückzulassen. Warum wendet der Mensch sich der Helligkeit, der Liebe zu, wenn sie ihn ohnehin verläßt? Darauf gibt es keine Antwort; was bleibt, ist rauher Schmerz: „And the burgler that can break a roses neck / It’s the tatooed broken promise / That I hide beneath my sleeve / And I see you every time I turn my back.“

 

Regie: Derek Cianfrance

Drehbuch: Derek Cianfrance, Camo Delavigne, Joey Curtis

Darsteller: Michelle Williams, Ryan Gosling, Mary-Ann Plunkett, Mike Vogel, John Doman

 

(Nathalie Mispagel, academicworld.net-Kinoexpertin)

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