„Das Buch im Laden zu sehen, fühlt sich großartig an“

Alles, was man normalerweise im Studium fabriziert, verschwindet hinter dicken akademischen Wänden – oder interessiert keine Sau. Nicht so in Tübingen. Dort haben 23 Studenten mit prominenten politischen Persönlichkeiten gesprochen und unter der Regie ihres Professors jetzt ein Buch herausgebracht. Wir sprachen mit Jessica Nowak, die Medienwissenschaft an der Uni Tübingen studiert, über das Projekt und wie sie ihre Interviewpartner erlebt hat.

Jessica Nowak (achte von links) inmitten des Projektteams

Wie kam das Buchprojekt zustande – aus Sicht von euch Studenten? 

Unser Projektleiter, Professor Bernhard Pörksen, hatte vor einigen Jahren die Idee, eine wissenschaftliche Fragestellung mit einer publizistischen Leistung zu verbinden. Die journalistische Darstellungsform des Interviews bot dafür die ideale Möglichkeit, Phänomene der Mediengesellschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten und dabei trotzdem unterhaltsam zu bleiben. Auf diese Weise entstanden über die Jahre hinweg bereits vier Gesprächsbände, für die Studierende Prominente zu einem Leitthema interviewten.

Das nötige Handwerkszeug dazu vermittelt unser Professor in einem intensiven Projektseminar, für das sich engagierte Studierende aller Fakultäten bewerben konnten. In unserem gerade erschienen Band „Die gehetzte Politik“ gehen wir dieses Mal der Frage nach, warum sich die heutige Politik permanent auf der Überholspur zu bewegen scheint und was dieses enorme Tempo mit den Menschen macht.

Jessica Nowak interviewte Sahra Wagenknecht und Rainer Langhans. Foto: Christoph Püschner / Zeitenspiegel

Wie wurden die Interviewpartner ausgewählt? Und war man frei in der Entscheidung, mit wem man sie führt?

Es war uns wichtig, die verschiedenen Dimensionen des beschleunigten Politikbetriebes sichtbar zu machen. Darum haben wir alle gemeinsam im Seminar beraten, wen wir gerne für unser Buch interviewen würden. Herausgekommen ist eine Auswahl von Interviewpartnern, die ganz unterschiedliche Positionen im politischen Prozess bekleiden oder diesen beeinflussen – Menschen, die hetzen oder die gehetzt werden. Wie bei allen Projekten kommt es auch hier auf eine sehr gute Teamarbeit an und das beginnt schon bei der Verteilung der Interviewpartner. 

Selbstverständlich durften wir unsere Wunschkandidaten angeben und hatten auch gute Chancen, diese zugeteilt zu bekommen. Aber wenn es doch einmal anders kam, dann haben wir es alle sportlich gesehen. Spätestens bei der intensiven Beschäftigung mit den Interviewpartnern war dann für jeden von uns klar: mein Gesprächspartner ist sowieso der spannendste (lacht).

Du hast mit Sahra Wagenknecht und Rainer Langhans gesprochen. Wie waren deine Erwartungen vor dem Gespräch – und inwiefern waren die beiden vielleicht ganz anders als erwartet?

Mit Sahra Wagenknecht und Rainer Langhans hatte ich zwei Gesprächspartner, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Natürlich hatten meine Teamkollegin und ich durch die intensive Recherche und Vorbereitung auf das Interview schon ein gewisses Bild von den beiden vor Augen, das sich überwiegend bestätigte: Sie wirkt sehr kontrolliert und redet nahezu druckreif, während er sehr locker ist und schier endlos über die Welt sinnieren kann. Dass sich Rainer Langhans beispielsweise während des Gesprächs einen Bio-Algen-Drink bestellte, hat uns daher kaum verwundert. 

Und dennoch gab es auch überraschende Momente, beispielsweise als die disziplinierte Sahra Wagenknecht langsam auftaute und gestand, dass auch ihr die Hektik in der Politik gelegentlich zu schaffen macht. Und am Ende konnte ich sogar doch noch eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Interviewpartnern entdecken: ihr unerschütterlicher Glaube an eine bessere, gerechtere Welt. Und so viel Idealismus finde ich schon sehr bewundernswert, unabhängig davon, ob man nun ihre Gesinnungen teilt oder nicht.

Normalerweise muss im Journalismus alles schnell gehen, Themen verlieren ihre Aktualität, ein Abgabetermin sitzt im Nacken. Eine gründliche Recherche, die gezielte Vorbereitung auf einen Gesprächspartner, bleibt oft auf der Strecke. Wie war das bei euch?

Wir befanden uns diesbezüglich in einer richtigen Luxussituation, denn wir haben uns fast ein Jahr Zeit genommen, um intensiv an diesem Buch zu arbeiten. Dieser besondere Umstand ist jedoch auch dem Medium „Buch“ geschuldet, weil es wie kein anderes Medium eine tiefgängige Betrachtung und Reflexion ermöglicht. Dafür bleibt im Radio oder Fernsehen leider oft nur wenig Zeit. Und das wissen auch die Politiker, sodass viele von ihnen offenbar nur noch in Längen von „einer Minute 30“ reden können. Dies ist ein klassisches Beispiel für die Anpassung des Politikbetriebs an den Takt der Medien. Mit unserem Buch wollten wir quasi Sand ins hektische Berliner Getriebe streuen. 

Und siehst du es als Privileg, solche Interviews führen zu können – inklusive der Umstände – und mit Veröffentlichungsgarantie?

Das fertige Buch nun in den Läden stehen zu sehen, fühlt sich einfach großartig an! Das ist eine Erfahrung, die nur wenige schon in jungen Jahren machen dürfen. 

Im klassischen Lehrbetrieb einer Universität sind solche zeit- und kostenintensiven Projekte normalerweise nicht vorgesehen. Aber wir haben bewiesen, dass es auch anders geht. Unsere Begeisterung für unser Projekt hat auch andere angesteckt und so haben wir hochkarätige Interviewpartner, namhafte Sponsoren und einen wunderbaren Verlag für uns gewinnen können. Dies empfinde ich schon als Privileg. 

Aber auch unser Buch muss sich wie jedes andere populärwissenschaftliche Sachbuch den schwierigen Bedingungen des Marktes stellen. Und dass es auch hier so gut anläuft, bestärkt uns in unserer Arbeit und ermutigt viele von uns, den Weg in den Journalismus weiterzugehen.


Das Buch

Gemeinsam mit Prof. Bernhard Pörksen (Medienwissenschaft, Universität Tübingen) und Dr. Wolfgang Krischke (Journalist, Sprachwissenschaftler) haben Tübinger Studierende das Gesprächsbuch „Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte“ verfasst. Sie haben prominente Politiker interviewt, einflussreiche Journalisten und desillusionierte Skandalopfer befragt, mit PR-Beratern, Netzaktivisten und Kulturkritikern gesprochen. Zu Wort kommen: Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Bestsellerautor Thilo Sarrazin, der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, der Empört-Euch-Aktivist Stéphane Hessel, die Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler, die Linke Sahra Wagenknecht, der Alt-Kommunarde Rainer Langhans, die Piraten-Politikerin Marina Weisband, der Philosoph Richard David Precht, der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Fernsehjournalisten Marietta Slomka und Ulrich Deppendorf, der Unternehmer Carsten Maschmeyer und viele mehr. 

Share.