„Cowboys & Aliens“: Im Weste(r)n was Neues

Westerner und Außerirdischer – zwei Archetypen des Kinos treffen aufeinander, um den finalen Kampf um die Erde auszutragen. Das mag sich krude anhören, läßt sich jedoch derart gut anschauen, daß man den Spaß an Eventmovies zurückgewinnt. Es geht also doch: ein Blockbuster von Format!

Weit im Südwesten und jenseits der Galaxie

Der markante Establishing-Shot, eine Totale, ist zugleich räumliche wie zeitliche Genre-Verortung. Derart kahle Berge, so viel staubige Prärie und diesen weiten Himmel gibt es nur im amerikanischen, irgendwann im späten 19. Jahrhundert spielenden Western. Und so coole Loner, die mitten in der Einöde ohne Gedächtnis aufwachen, aber unverzüglich drei vorbeireitende Schufte überwältigen können, ebenfalls. Etwas eigenartig wirkt nur, daß der Namenlose (Daniel Craig) am linken Handgelenk eine nicht abzulösende Metallmanschette trägt, deren Funktion ihm vorerst schleierhaft bleibt. Erst als er im heruntergekommenen Städtchen Absolution, Arizona eintrifft, enthüllen sich ihm einige unangenehme Wahrheiten. Er selbst ist Jake Lonergan, ein gesuchter Revolverheld und Räuber, das Band eine futuristische Waffe, die schon bald zum spektakulären Einsatz kommt.

So weit, so klassisch. Bevor auch nur ein Alien vorbeischaut, ist die Story längst im ’Wilden Westen’ heimisch geworden, atmosphärisch gestützt durch die konzentrierte, die Landschaft vorzüglich integrierende Kamera von Matthew Libatique und den respektablen Score von Harry Gregson-Williams, der mit der musikalischen Western-Tradition harmonisiert. Obwohl da gelegentlich düstere E-Gitarren-Klänge aufblitzen, quasi als Vorboten einer unbekannten Bedrohung. Während eines nächtlichen Alien-Angriffes nimmt letztere Gestalt an. Lichtformationen zerteilen den dunklen Horizont, rücken immer näher, bis über der Stadt ein Inferno losbricht aus heftigsten Feuersalven, grellen Scheinwerfersäulen und sich blitzschnell um die Bewohner windenden Schlingen, von denen sie zu den hinwegjagenden Flugobjekten emporgeschleudert werden. Die Cowboys sind dagegen machtlos, nur Jakes sich urplötzlich aktivierender Kampfarmreifen kann einen der Jets abschießen. Am nächsten Tag macht sich ein kleiner mutiger Suchtrupp unter Führung des grimmigen Viehbarons Colonel Woodrow Dolarhyde (Harrison Ford) auf, um das abgestürzte Wesen – man vermutet zunächst eine Art Dämon – zu verfolgen und die verschleppten Menschen zu retten.

 

 
Die gute alte Westernmentalität

Hellhörig mag machen, daß „Cowboys & Aliens“ auf einer Graphic Novel von Scott Mitchell Rosenberg beruht. Immerhin erbringen die seit geraumer Zeit inflationären Comicverfilmungen häufig den Beweis, daß Papier, also die statische Illustration, einen offeneren Toleranzrahmen für Phantastik besitzt als die Leinwand mit ihren bewegten Bildern. So einige Superhelden haben sich im Kino schon als Superunsinn entpuppt. „Cowboys & Aliens“ hingegen erweist sich als positives, solides Gegenbeispiel. Eine der Ursachen hierfür ist die klare Stildefinition des künstlerischen Originals, die Regisseur Jon Favreau konsequent ernsthaft adaptiert. Er inszeniert einen schauträchtigen Actionfilm, in dem es zwar zahlreiche Science-Fiction-Elemente gibt, der aber zu keinem wüsten Trash-Genremix mutiert, sondern trotz Crossover-Ambition in seiner cineastischen Seele immer ein Western bleibt. Und den will Favreau weder neu erfinden noch umdeuten noch in postmoderne Selbstironie überführen. Stattdessen übernimmt er typische Standardsituationen, vertraute Charaktere, überhaupt die Western-Ikonographie, um sie im Angesicht einer Alien-Offensive frisch aufzupolieren.

Das funktioniert bestens, weil sowieso in den meisten Storys ein bißchen Western-Geist steckt. Freiheit, Leben, Bodenschätze – ob man das nun gegen menschliche oder außerirdische Banditen verteidigt, macht kaum mehr einen Unterschied, zumal die Fremdlinge, amphibienhafte, schleimgraue Orkverschnitte mit Gigers Alien in der Ahnenreihe, absolut gefährliche Widersacher darstellen. Sie sind nur die Vorhut einer geplanten Invasion, wollen Gold schürfen und nebenbei die Schwächen der Menschen ergründen, um demnächst die gesamte Erde zu überfallen. Auch wenn solche Horrorwesen besonders gut im Halbdunkeln wirken, vor allem in kopfüber in der Wüste gestrandeten Schaufelraddampfern (!), ist ihr CGI-Design durchaus achtbar, weswegen sie sich selbst am hellichten Tage blicken lassen können.

 

Quelle: C&A Website
Erdlinge? Harrison Ford und Daniel Craig

Ernst geht es zu im Wilden Westen

Tatsächlich besticht „Cowboys & Aliens“ mit einem fabelhaften Look, in dem das Traditionelle des ’Good Old West’ ebenso überzeugt wie sich das Futuristische einfügt und gleichzeitig abhebt. Beispielsweise haben die Aliens ihr turmartiges Mutterschiff in einem Canyon ’geparkt’, getarnt als weitere Klippe. Dank solcher visueller Qualität findet die geradlinige, in ihrer Naivität konventionelle Western-Story bereits eine gewisse Bodenhaftung, welche von der aufmerksam-straffen Inszenierung mit ihren präzise angewendeten Erzählmitteln akzentuiert wird. Klar, die dünne Geschichte steckt voller Stereotypen, doch wen stört’s? Immerhin dominiert narrative Klarheit; dramaturgische Gemessenheit bestimmt den filmischen Duktus, freilich nie zu Lasten der Spannung, die sich immer wieder in phänomenalen Actionsequenzen voll physischer Vibration entlädt. Daß dabei der Humor untergeht, fällt im allgemeinen Trubel nicht ins Gewicht. „Cowboys & Aliens“ ist eben ein Eventfilm für Erwachsene, die nicht ständig herumprusten müssen, um sich gut unterhalten zu fühlen.

Ohnehin ist der Rettungsschar um Dolarhyde, dessen Sohn Percy (Paul Dano) von den Aliens gekidnapped wurde, kaum zum Lachen zumute. Der schüchterne Saloonbesitzer Doc (Sam Rockwell) etwa will seine geliebte Frau befreien, wofür er sogar während des Ritts das Schießen lernt, Emmett (Noah Ringer) wiederum, Enkel des Sheriffs, bangt um seinen entführten Großvater, während Outlaw Jake Lonergan nur in den Reihen der Gerechten geduldet wird, weil er die einzige effektive Waffe besitzt. Welche Pläne wiederum die schöne, geheimnisvolle Ella (Olivia Wilde) hegt, bleibt lange im Dunkeln. Sicher ist nur, daß alle auf der gleichen, nämlich humanen Seite kämpfen, wobei sich erneut eine Kinoweisheit bestätigt: Es braucht nur ein paar Alien-Attacken, und schon wird das Beste aus den Menschen herausgeholt, wobei selbst Schranken zwischen Generationen oder Völkern fallen. Das Gefecht mit Außerirdischen als pazifistischer Workshop!

 
Der Westerner als echter Mann

Natürlich ist „Cowboys & Aliens“ neben seinem Blockbuster-Status auch ein Film über Männer, über Role Models und Westerner-Klischees. Bis in die Nebenrollen hinein (Keith Carradine als Sheriff, Clancy Brown als Priester) treten rauhe Typen auf, die nie ein Wort zuviel sagen, das aber mit markig-dunkler Stimme. Da wird ein Knurren zum philosophischen Statement.

Angeführt wird diese Parade strapazierfähiger Kerle von zwei der besten ihrer Art. Auf wunderbare Weise ergänzen sich Daniel Craig in seiner locker-angespannten Physis und Harrison Ford mit autoritärer Gelassenheit zum ausgereift kantigen Westerngespann, das als Feinde aufeinandertrifft und als Freunde scheidet. Von wegen: Indiana Jones meets James Bond. Jenseits dieser in Bezug auf den Film überstrapazierten, gleichwohl verzichtbaren Phrase entwickeln beide Schauspieler energetische, kräftig-robuste Charaktere, deren zähe Entschlossenheit ein sensibles Gemüt verbirgt. Solche Männer machen sich selbst dann nicht lächerlich, wenn sie einen Sterbenden in den Arm nehmen oder im Gedenken an die tote Geliebte Blumen niederlegen.

Vielmehr können solche Männer den kompletten ’Wild West’ retten, hinterher noch kernig gucken und schließlich dem Horizont entgegenreiten. Oder wie Harrison Ford ein schiefes Lächeln andeuten, das demnächst vielleicht vollendet wird. Darauf werden wir, werde ich immer wieder gerne warten.

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Cowboys & Aliens

Regie: Jon Favreau
Produktion: Dennis L. Stewart, Damon Lindelof, Alex Kurtzman,
Brian Grazer, Steven Spielberg
Darsteller: Daniel Craig, Olivia Wilde, Harrison Ford, Sam Rockwell, Noah Ringer, Paul Dano, Ana de la Reguera, Clancy Brown, u.a.
 
Deutscher Kinostart: 25. August 2011
Im Verleih von Paramount Pictures Germany

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