Die Consultingbranche – ein Sektor mit Zukunft

Den Nimbus des elitären Beraters haben die Consultingfirmen in den letzten Jahren verloren.


Den Nimbus des unfehlbaren, elitären Beraters, der für schwächelnde Unternehmenslenker die Lösungen nur so aus den Ärmeln schütteln kann und die wichtigen Entwicklungen sicher prognostiziert, haben die Consultingfirmen gerade in den letzten Jahren allerdings tendenziell verloren. Die Finanzkrise hat viele Strategieberater ebenso unerwartet getroffen wie ihre Kunden. Dies wird sich in der Branche auf mindestens zwei Gebieten deutlich zeigen. Zum einen dürfte der Markt für die Unternehmen der Strategieberatung nicht mehr so stark wachsen wie in der Vergangenheit. Gründe hierfür sind unter anderem die fehlende Bereitschaft von Klienten in unsicheren Zeiten und unter hohem Kostendruck die Beratungsbudgets auszuweiten sowie die deutlich kritischere Einstellung gegenüber den Strategieberatern, die einen Einbruch wie die Finanzkrise nicht vorhergesehen haben. Das bedeutet, dass sich ein dramatischer Verdrängungswettbewerb unter den Strategieberatern um die verbleibenden Kundenbudgets einstellen wird.  

Diese Tendenz wird dazu führen, dass die großen Strategie- und Full- Serviceberater auf andere Aufgabengebiete, wie zum Beispiel die spezialisierte Beratung der Kategorie (b) ausweichen werden. Dies dürfte zu einer erheblichen Konkurrenz und sinkenden Preisen für die Beratungsleistungen in vielen Segmenten und in der Konsequenz auch zu mindestens stagnierenden Gehältern für die Consultants führen. In Anbetracht der absoluten Gehaltshöhe werden die Beratungsunternehmen aber für Berufseinsteiger immer noch attraktiv bleiben.

Eine weitere Auswirkung der aktuellen Entwicklung besteht darin, dass die Kunden sich den Beratungsunternehmen gegenüber deutlich selbstbewusster verhalten werden. Zum einen hat die Finanzkrise die Fehlbarkeit der Berater aufgezeigt. Zum anderen ist das Kostenbewusstsein der Klienten im Verhältnis zum Wert der Beratungsleistung gestiegen.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass die zu beratenden Unternehmen selbst in den vergangenen Jahren enorme Erfahrungen im Umgang mit Managementproblemen gesammelt haben. Es ist zu erwarten, dass Auftraggeber – noch viel mehr als in der Vergangenheit – selbst klare Vorstellungen entwickeln werden, wie sie ihre Unternehmen gestalten wollen. Beratungsunternehmen werden sich dann vom eher globalen Lenker und Ratgeber zum Ausführer und Umsetzer wandeln müssen.

Das erfordert in der Konsequenz auch von den zukünftigen Beratern neue Herangehensweisen. Während man in der Vergangenheit die Klienten mit herausragenden akademischen Qualifikationen und standardisierten Referenzprojekten beeindrucken konnte, werden nun eher branchenspezifische, ökonomische und psychologische Detailkenntnisse, das Eingehen auf das oft komplexe Kundenumfeld und die Entwicklung von individuellen Lösungen gefordert werden. An dieser Stelle sollen aktuelle Problemfelder wie Nachhaltigkeit, Mitarbeitermotivation und -entwicklung, Wertorientierung, Komplexitätsmanagement und Prozessmanagement genannt werden, die derzeit von Unternehmen nachgefragte Kompetenzfelder für erfolgreiche Beratungen darstellen.

Durch die individuelle Kundenproblematik sind Fähigkeiten im Umgang mit Komplexität gefordert.

Für potenzielle Einsteiger in die Beratungsbranche wird der Beruf des Consultants durch diese Veränderungen sicherlich nicht weniger attraktiv. Allerdings verlangt ein anderes Umfeld auch veränderte fachliche und persönliche Kompetenzen. Das verstärkte Eingehen auf die individuelle Kundenproblematik fordert erweiterte Fähigkeiten im Umgang mit Komplexität. Hier muss bereits bei der Hochschulausbildung angesetzt werden, die den Begriff der Komplexität sowohl theoretisch als auch praktisch in das Curriculum aufnehmen sollte. 

Im Programm „Business Consulting“ an der Hochschule Harz wird dies beispielsweise umgesetzt, indem gezielt und unter ökonomischen sowie psychologischen Gesichtspunkten die Ansätze und Tools zum rationalen Umgang mit kom- plexen Problemen trainiert werden. Zeit- und Kostendruck – als ständige Begleiter von Unternehmensberatern – werden nicht nur theoretisch gelehrt, sondern während des gesamten Studiums bewusst provoziert. Hierin liegt auch der Grund für den hohen Aufwand, den die Hochschule bei diesem Programm für das Auswahlverfahren bei 15 Studienplätzen betreibt: Die zukünftigen Berater sollen für das anspruchsvolle Studium und das Berufsleben ausreichend stressresistent sein.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Magazin high potential, Ausgabe Mai/Juni 2012


Prof. Dr. Georg Westermann ist als Studiengangskoordinator unter anderem für den Masterstudiengang „Business Consulting“ an der Hochschule Harz verantwortlich. Darüber hinaus ist er Partner und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Dienstleistungs- und Prozessmanagement GmbH, einem Beratungsunternehmen, welches sich auf die Beratung von Dienstleistungsunternehmen spezialisiert hat. Im April 2012 erscheint seine Fachpublikation „Kosten-Nutzen-Analyse – Einführung und Fallstudien“ im Erich Schmidt Verlag.

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