CoLiSy (Cool Life Syndrome)

In TriBeCa sind nur die Babys fett. Selbstgefällig hängen sie dickbauchig in den Sitzen ihrer hochgetunten Kinderwägen und sind das Produkt einer langen Reihe von Bemühungen ihrer Eltern ein perfektes cooles Leben zu führen. Diese Grundarroganz und Selbstgefälligkeit von Kindern und Eltern speziell in diesem Stadtteil New Yorks, aber auch überall sonst in Manhattan, geht einem zuverlässig nach 2-3 Wochen hier gehörig auf den Nerv.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Vielleicht ist es nur deshalb, weil man bald wieder abreisen muss und eben kein echter New Yorker sondern nur maximal  ein Teilzeit New Yorker ist und man somit einen Grund braucht, um wieder einigermaßen selbstzufrieden in seine graue, langweilige, deutsche Welt zurück zu kehren.  Vielleicht ist es aber auch so, dass man als psychologisch geschulter Mensch einfach weiß, dass alle Menschen, selbst die von Downtown Manhattan, die gleiche Grundkonstellation von Gefühlen haben (e-motions, wie der Psychologe und Hirnforscher Jaak Panksepp sie nennt: elemantary emotions) oder zu Deutsch: You have to sit when you shit. D.h. sie bleiben eben Menschen, da können sie noch so sehr in TriBeCa wohnen oder in SoHo oder NoHo, und selbst wenn sie sich am ganz oberen Ende der menschlichen Werteskala wähnen, es bleibt eben die menschliche Werteskala.

Der Hirnforscher Antonio Damasio behauptet sehr überzeugend, allem, was wir tun, geht ein (durch Gefühle bewerteter) Einschätzungsvorgang in unseren Hirn voraus: Was ist das Beste für diesen Körper, in diesem Zustand, in dieser Umgebung. Lebenssteuerung nennt er das: Alles bekommt seinen biologischen menschlichen Überlebenswert. Da ließe sich dann fragen, warum kommt jemand auf die Idee einen Stadtteil TriBeCa (Triangle below Canal Street) zu nennen oder Soho (South Houston Street oder NoHo (na, wer errät es!) North Houston Street?! War das besonders abwertend (hey, Ihr seit so unwichtig da unten im Arbeiterviertel, dass ihr nicht mal einen schönen Namen verdient) und dann wurde dieses Underdog-Image hip und deshalb müssen sich seine Bewohner, besonders Sonntags morgens, wie die allerletzten Underdog-Nerds in teuren zerrissenen Klamotten zeigen mit zerlatschten Schuhen für 600 Dollar und ausnehmend häßlichen Dogs unten an einer Leine?

Auf jeden Fall geht einen das besonders coole Getue, diese herablassende Art, mit der sie mit Doppelkinderwagen und Hund an langer Leine ständig den Eingang zum Coffeeshop versperren und -von wegen amerikanischer Freundlichkeit – weg schauen, wenn ihre Kinder auf dich mit irgendeinem DesignerHolzSpielzeug einschlagen (auch hier ist die Natur mittlerweile wieder als „gut“ gebrandmarkt, leider nicht die einer instinktiv einschränkenden Erziehung).  Und was besonders beruhigend-beunruhigend ist: Es gibt hier eine Menge Menschen mit Beziehungsproblemen und die scheinen sie ab 40 nicht mehr richtig hinter ihrem coolen Lifestyle verstecken zu können. Selbst die „Perfekt-Family-People“ haben diesen ausgebrannten Ton in der Stimme, wenn sie ihr völlig überdrehtes Kind im Kinderwagen mit Getränkehalter müde zurechtweisen“ Honey, please sit down, you will hurt you…“. Im Subtext meint man zu hören: „How long will I stand this perfect life stress anymore…?!“ oder “Where the hell is the door to the life I was so shure to find here…”

Wir haben 4 Grundgefühle: SEARCH, FEAR, PANIC, ANGER – Suchen (was als oberstes und erstes Lebensgefühl steht), Angst, Panik (bei Abgetrenntheit von geliebten Schutzpersonen), Wut aufgrund andauernder Frustrierung durch die anderen Gefühle. Es geht uns gut wenn wir erfolgreich suchen, Angst und Panik und damit auch Wut ausbleiben, wir uns also eingebunden in eine liebevolle Gemeinschaft selbst verwirklichen können. Die Suche hier in New York aber dämmt alle anderen Grundgefühle vollkommen ein. Und wenn man sich mit den Leuten unterhält, so wie ich es letztes und dieses Jahr oft und lange getan habe, merkt man, dass sie letztlich die Tür suchen, raus aus den  anderen 3 Gefühlen der Angst, Verlassenheit und Wut, die sich in ihrer Coolness findet. Oder wie es ein New Yorker zu mir neulich sagte: „Ich glaube nicht mehr daran, dass irgendeine Beziehung hält.“ Na ja, aber immerhin sind sie in New York und da fühlt es sich doch nur noch halb so schlimm an, bei all der Suche und all den fiktiven Möglichkeiten des Findens…

PS: Ich muss hier in alter New Yorker Erfolgs Such-Manier mal Werbung machen für mein neues Buch, wo all die Gespräche mit den New Yorkern auch verzeichnet sind und was am 17. September erscheint (man kann es auf Amazon schon vorbestellen): „Mr. Right. Von der Kunst den Richtigen zu finden. Und zu behalten.“ Es ist aber genauso für die Suche nach Mrs. Right geeignet: Denn Männer UND Frauen haben nur 4 E-Motions. Der Krieg gegeneinander ist demnach hausgemacht…. 

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