Charles Darwin – Das Lesebuch

Die Beagle an der Einfahrt zum Beagle-Kanal in Feuerland. Darstellung von Conrad Martens (1833)/Wikipedia.org

Der Name Charles Darwin ist unauslöschlich mit dem Begriff der Evolution verbunden. 2009 feiert die Welt den 200. Geburtstag des britischen Naturforschers. Von den vielen tausend Seiten seiner Notizen und Veröffentlichungen haben es nun weniger als 500 in ein spezielles Werk geschafft: Das Charles Darwin Lesebuch.

In chronologische Kapitel unterteilt und stets mit einer kurzen Einleitung der Herausgeberin Julia Voss versehen, bietet Charles Darwin – Das Lesebuch dem Leser eine Auswahl der interessantesten und bedeutendsten Schriften – öffentliche wie private – des Erfinders der Evolutionstheorie. Von seinen ersten Aufzeichnungen während der Fahrt der „Beagle“ (1831-1836) bis hin zu seinen retrospektivischen Betrachtungen über sein Leben, die er bis zu seinem Tod immer wieder ergänzt hat, halten alle wichtigen Schriftstücke Darwins Einzug in das Lesebuch.

Die Fahrt der Beagle

Besonders beeindruckend sind die Schilderungen über die erste Begegnung des Naturforschers mit dem Archipel, das für seine spätere Evolutionstheorie von so unglaublicher Bedeutung war: Den Galápagosinseln. Darwin beschreibt, wie er zum ersten  Mal jene Lebewesen mit Bewunderung bestaunte, die sich auf so konsequente Weise von anderen Tieren derselben Art unterschieden. Man kann verfolgen, wie bereits diese ersten Aufeinandertreffen eine wissenschaftliche Unruhe, den Hang zur Neugierde und weiteren Hinterfragung in dem Forscher auslösten. Von geradezu konservatorischem Wert ist seine Beschreibung der Bewohner von Feuerland am südlichen Zipfel Lateinamerikas. Nicht nur waren bis zu diesem Kontakt 1832 nur relativ wenige Europäer in Kontakt mit diesen, sondern war das Volk hundert Jahre später bereits völlig verschwunden.

Die Evolution der Evolutionstheorie

Das Faszinierende an diesem Lesebuch ist, dass man als Leser nachempfinden kann, dass auch Darwins große Theorie von der Entstehung der Art selbst eine Evolution durchmachen musste. In zwei Essays von 1842 und 1844 hatte er jeweils Grundzüge seine Theorie abgeändert und erweitert. In endgültiger Fassung erschien seine Vorstellung von der Anpassung und natürlichen Selektion der Arten, die Darwin auf ewig einen Platz unter den großen Naturforschern eingebracht hat, im Jahr 1859.

Notizen, Briefe, Studien

Daneben enthält Das Lesebuch auch zahlreiche Exzerpte über Darwins zoologische und botanische Betrachtungen. Die wichtigsten Aspekte seiner Abstammung des Menschen von 1871 bieten einen ebenso tiefen Einblick nicht nur in die Forschung, sondern auch in das Leben und die Ansichten Darwins, wie seine persönlichen Briefe, so zum Beispiel seine Konversation mit Alexander von Humboldt.

Charles Darwin – Das Lesebuch hilft, die Evolutionstheorie zu verstehen, indem man begreift, welche Betrachtungen Darwin bei der Manifestation dieser halfen. Der Leser begreift, dass es sich bei diesem Naturforscher, der sein ganzes Leben dem Beobachten und anschließenden Schlussfolgerungen gewidmet hat, um eine ganz außergewöhnliche Person gehandelt hat. Die Zusammenfassung, beziehungsweise einleitenden Worte von Julia Voss sind dabei für den Leser ein wichtiger roter Faden, da selbst der geneigteste Leser nach einem Labyrinth von dreißig oder mehr Seiten Abstammungslehre englischer Brieftauben nicht mehr genau weiß, worauf man eigentlich hinaus wollte, beziehungsweise wo sich der Ausgangspunkt befand.

Das Buch überzeugt vor allem da, wo Darwin über sich selbst, seine Ideen und seine Zweifel, oder den Kontakt mit anderen Menschen schreibt. So ist es ganz bestimmt wichtig zu wissen, dass Darwins Evolutionstheorie für sich nicht die spätere Perversion dieser in nationalsozialistischer Herrenrassen- und Antisemitismusideologie bedingte. Es ist aber ebenso bedeutend zu sehen, dass Charles Darwin selbst den Konventionen seiner Zeit – einer Zeit in der Pseudowissenschaften wie etwa Phränologie Konjunktur hatten – in manchen Belangen eben nicht voraus war. Er selbst war überzeugt, dass „Wilde“ von Natur aus dem gebildeten Europäer unterlegen waren. Wenn er auch nicht der Meinung war, dass Menschen in einer Position der Servilität gehalten werden sollten, so stellte er doch fest, dass es grundlegende Unterschiede in der geistigen Kompetenz der Menschen – je nach Lebensort und wohl auch Hautfarbe – unter ihnen gäbe. Und dass sollte man bei all der wissenschaftlichen Magnifizenz eines Charles Darwin dennoch nie vergessen.

fj

Juliane Voss (Hg.)
Charles Darwin – Das Lesebuch
480 Seiten
12,00 Euro

Fischer

Stand Januar 2009

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