Burn. Out.

Kennen Sie das neuste Element von “Pimp your Lebenslauf”? Es ist Burnout. Wer es nicht schon hatte oder zumindest kurz davor steht, kann überhaupt nicht mehr mitreden, in der deutsch-anglizistischen Leistungsgemeinschaft!

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Die schwammige Diagnose „Burn-out“ wird heute schnell und häufig erteilt (besonders von den Betroffenen selbst), wenn ein Mensch aus der Mitte der Leistungsgesellschaft zusammenklappt und nicht mehr kann. Deshalb ist Burnout ein schickes Leiden, dass von „Unentbehrlichkeit“ und „Wichtigkeit“ zeugt, von „Gründlichkeit“ und „Gewissenhaftigkeit“ und „Perfektion bis zu Selbstaufgabe“. Am Rande bemerkt: Insofern steht dieses Leiden in der christlichen Tradition, nach der ein Mensch auf Erden sich quälen muss, um dann irgendwann Anerkennung / Paradies zu finden.

Die klinisch korrekte Diagnose für die Modekrankheit „Burnout“ wäre eigentlich in den meisten Fällen: Erschöpfungsdepression. Burnout ist also eigentlich nur ein Etikettenschwindel ohne wissenschaftlichen Konsens. Ursprünglich war es eine metaphorische Umschreibung für den früher gängigen Begriff: „Am Randes des Nervenzusammenbruchs“.

Dennoch stehen dahinter ernstzunehmende psychische Probleme: Depressionen, gefolgt von Angststörungen, Panikattacken, ein starker Realitätsverlust und Wahnvorstellungen. Doch die soziale Akzeptanz von diesen beim wirklichen Namen genannten psychischen Erkrankungen ist gleich Null und mit dem Makel des Losers und Versagers und sozialen Abstiegs behaftet. Burnout klingt da harmloser bzw. ist in unserer Erfolgsgesellschaft salonfähig (sogar bei Männern), denn damit hat man den Nachweis erbracht, ein funktionierendes, tragendes Rädchen in der Arbeitsmaschinerie zu sein. Denn der Begriff Burnout impliziert, dass die Betroffenen sich besonders verausgabt und überdurchschnittliches Engagement im Job gezeigt hätten.

Leider hilft die ganze Schönfärberei aber nicht bei der Lösung des Problems – sofern man wirklich eine Erschöpfungsdepression hat. Denn anhaltend lässt sich nur durch eine komplette Veränderung der eigenen Lebensführung und Neu-Bewertung von Wichtigem und Erstrebenswertem wirklich etwas an diesem z.T. lebensbedrohlichen Zustand ändern. Nur eine Umwertung des eigenen Selbstwertes und aller sozialen Beziehung und der Werteordnung in der Gesellschaft kann dauerhaft etwas gegen diesen Zustand der Totalerschöpfung bewirken.

Die Krankheit verursacht Kosten für Pharmaka im Millionenbereich. Zweifelhafte Stresskuren werden teuer angeboten. Unsere westliche Gesellschaft schlägt also Profit aus dem Arbeitspensum bis zur Erschöpfung und aus deren Heilung dann auch noch.

Burnout betrifft Menschen, die vom Perfektionismus getrieben sind, die sich keine Fehler erlauben, Rückschläge als persönliches Total-Versagen empfinden, sich nicht abzugrenzen können (indem sie ständig erreichbar sind, sich für alles zuständig fühlen und generell an einem geringen Selbstwertgefühl leiden). Sie haben keinen eigenen Selbstschutz mehr und keinerlei Auszeiten. Burnout ist die Bezeichnung für das Scheitern einer trügerischen, neurotischen, einseitigen Werteordnung – und der Menschen, die sich an ihr festhalten. Sie verdienen unser Mitgefühl, aber nicht weil sie so fleißig waren. 

Scheitern ist der erste Schritt zur Heilung. Und immerhin macht diese „annehmbare Diagnose“ wieder darauf aufmerksam, dass wir Menschen Seelenwesen sind. Nur bitte: Loben Sie keinen Burnout-Patienten, sondern weisen Sie ihn auf seine Eigenverantwortung hin. Wir müssen alle etwas dazu beitragen, dass sich unsere aus dem Ruder gelaufene, kapitale Werteordnung ändert – und sei es durch Faulsein!

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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