Buchrezension – „Triffst du Buddha, töte ihn!“

„Entweder man lebt, oder man ist konsequent“ (Erich Kästner). Es braucht reichlich Erfahrung, um zu dieser Wahrheit durchzudringen. Und es erfordert noch mehr Mut, sie zu ignorieren. Einer, der sich hartnäckig jedem Daseinskompromiss verweigert und stattdessen eine tosend-intensive Existenz ohne Restriktionen einfordert, ist Andreas Altmann: Reisender aus Lebenssucht, Schriftsteller aus Sprachpassion.

Lebensgierig und lesehungrig

Andreas Altmann irritiert – nicht nur, weil er reist, um zu leben. Andere reisen vielleicht der Erholung, Abwechslung, Unterhaltung wegen; er jedoch saugt das Leben in der Fremde geradezu auf, lässt sich mit derart radikaler Intensität auf seine Begegnungen ein, dass es einem ebenso Respekt wie ungläubiges Staunen abnötigt. Seine wahnwitzig subjektiven Auslandsreportagen (etwa für GEO oder Focus) bzw. seine Reisebücher vermitteln weniger etwas über Land oder Kultur, vielmehr über Alltag und Atmosphäre, Mentalität und Manien, einzelne Individuen und deren private Schicksale. Andreas Altmann sucht die Menschen, ihre Geschichten, will das vitale Dasein in allen Facetten kennenlernen, bestaunen, erfahren, ausprobieren. Sein größter Horror ist die unaufrichtig-feige, fremdbestimmte Wohlfühl-Existenz, zu Tode berieselt von den Medien, sozial abgesichert bis zum Stillstand, bürokratisch verwaltet, gesellschaftlich auf Norm gebracht, verdammt zum öden Stumpfsinn. „Das Normale bringt mich um“, soll er einmal gesagt haben.

Fest steht, dass er ein Unangepasster ist, ein Besessener, und zwar besessen vom Leben und von Sprache, wobei er letztere in der Tat meisterlich beherrscht. Seine dynamische Schreibkunst mit ihrer traumwandlerischen stilistischen Verve und dem herrlich reichen Wortschatz reißt den Leser mitten ins Geschehen, ins Fühlen und ins Erleben und lässt ihn an Erfahrungen aus inzwischen über 100 Ländern teilnehmen. Trotz jahrelanger Tätigkeit als Reporter ist Altmann, übrigens ein Lesehungriger, bis heute überraschenderweise neugierig, tollkühn, wissensdurstig und lebensgierig geblieben, einer, der sich gegen geistige Infantilisierung ebenso wehrt wie gegen seelische Verrohung. Nie will er im seichten Abgrund der Banalität enden. Und deshalb kämpft er unbeirrt für (s)ein bewusst ausgekostetes Dasein, hingebungsvoll der Unbequemlichkeit verpflichtet.

Weltsüchtig und waghalsig

Das ist nicht nur für ihn anstrengend, sondern ebenfalls für den Leser, zumal Altmann, immerhin Jahrgang 1949, nie seiner Rebellenpose überdrüssig wird. Weil sie eben keine Pose, sondern Überzeugung ist. Tatsächlich bleibt ihm stets bewusst, welchen Mut es bedeutet, vor allem welche kräftezehrenden Strapazen eine Existenz jenseits des Mittelmaßes bereit hält, sowohl körperlich als auch mental und emotional. Dass rein intellektuell hierzu viele Menschen nicht fähig, ja schon beim Nachdenken darüber schlichtweg überfordert sind, vergisst er beizeiten in seinem kritikfreudig-mahnenden Überschwang. Während seine Botschaft bisweilen aufdringlich wirkt, bleibt er selbst ein aufrichtiger Mensch. Zwar ist sein Ego schon erstaunlich, aber er, der Neo-Romantiker, riskiert auch viel, investiert seine gesamten Kräfte. Immer wieder erweist er sich als überaus exakter Beobachter, als feinfühlig kluger Erzähler und als konzentriert leiser Zuseher/-hörer mit einzigartiger Achtung vor dem Leben. Dieses zelebriert und beschreibt er leidenschaftlich in großen Worten: lebenswach und getrieben von Weltsucht.

Waghalsigkeit, und zwar psychisch wie physisch, ist sein Lebenselixier, ließ ihn jedoch keineswegs zu einem Adrenalin-Junkie mutieren, sondern zu einem unerwartet sensiblen Daseinsbestauner werden. Er will alles, ist freilich auch bereit, alles zu geben, um auf ewig ein Grenzgänger zu bleiben. Und der Leser, der nicht davor zurückschreckt, muss mit durch ein Gestrüpp aus häufig sehr privaten, sehr intimen, sehr schonungslosen Erlebnissen. Brav sein darf man wieder nach der Lektüre. So geht es, wenn man sich auf einen einlässt, der so vieles ist: Flüchtender (vor der Bürgerlichkeit), Schreiber (verstrickt in ein ebenso feuriges wie inniges Liebesverhältnis mit der Sprache), Suchender (nach noch mehr existenziellen Begegnungen), Tabuloser (zweifelsohne mit exhibitionistischer Neigung, aber keineswegs schamlos-primitiv), ein Rastloser, der das Leben für unaufschiebbar hält (und von ständiger Unruhe angetrieben wird), Lover (verliebt ins Leben, in die Frauen, in Worte, ins Abenteuer), Neugieriger (der die Normalität mit delikater Hingabe umschifft), Gauner (mit einem sehr flexiblen Gewissen, was Legalität betrifft) – und nicht zu vergessen: ein Naiver, weil er tatsächlich an die Absolutheit des Daseins als unwiederbringliches Geschenk glaubt.

Wach und wahrhaftig

Im Hinblick auf sein bisheriges Werk dürfte Andreas Altmanns aktuellstes Buch „Triffst du Buddha, töte ihn!- Ein Selbstversuch“ sein reifstes sein. Immerhin gelingt es ihm, 255 dringliche, hochspannende Seiten gewissermaßen über „nichts“ zu schreiben, nämlich schweigsames Meditieren. 2009 in einem Meditationszentrum von S.N. Goenka in Varanasi, Indien, hat er, der schon Jahrzehnte mit dem Buddhismus liebäugelt, an einem zehntägigen Vipassana-Kurs teilgenommen, bei dem man stundenlang auf einem Kissen sitzt, schweigt und sich derweil in absolut ablenkungsfreier Meditation übt. Rein äußerlich muss also jeder Action entsagt werden, dafür schildert Altmann seine Eindrücke von dieser schwierigen Kunst, überdenkt derweil sein Leben, lässt an plötzlich auftretenden Erinnerungen und Assoziationen teilhaben, erkundet seine Gefühle, philosophiert vor sich hin. Wohlgemerkt: Er ist allein an Spiritualität interessiert, nie an Religion, gleich welche, da er unterschiedslos alle höhnisch belächelt, weil sie seiner Ansicht nach den Menschen vom Selbst-Denken, Selbst-Handeln und von Selbst-Verantwortung, kurz, von freier Selbst-Bestimmung abhalten würden.

Apropos: Der Untertitel „Ein Selbstversuch“ sollte wörtlich genommen werden, denn es handelt sich hier primär um ein persönliches Erleben, das allerdings viel über die Konfrontation eines westlichen Menschen mit einer östlichen Meditationstechnik und Lebenshaltung aussagt. Altmanns intelligente Reflektionen erweitern seinen von der subjektiven Erfahrung ausgehenden Blickwinkel zu einem Zustandsbericht von der Welt, die weniger Ego und mehr Empathie vertragen könnte. Neu ist das nicht, aber deshalb nicht weniger relevant. Mit Vipassana, Buddhas Meditationstechnik, versucht Altmann, seinen ganz bescheidenen Beitrag zu leisten, um zwar nicht in Ichlosigkeit aufzugehen (was das buddhistische Ziel wäre), sondern mehr Wachheit, Wärme, Wahrhaftigkeit, letztlich mehr Intensität in sein Leben zu bringen. Zuletzt schreibt er: „Ich will den Schweiß und den Swing. Und zwischen den beiden will ich still stehen, still sitzen, will mich versenken. Ins Innerste. Damit mir die Kräfte nicht schwinden, und nicht Neugier, nicht diese fiebrige Lebensfreude.“

© Karin Lange

Klarsichtig und kritisch

Nun, wer schon mehrere Bücher Altmanns gelesen hat, fragt sich unwillkürlich, welche Aufregungen, Emphasen, Schocks, Erschütterungen, welch` Sturm und Taumel er denn noch erwartet, um ein befriedigendes Ausmaß an Leben zu erreichen. Und falls man zu latentem Zynismus neigt, darf man ebenfalls in Frage stellen, ob das menschliche Dasein auf dieser mal netten, mal unerträglichen Welt de facto ein unendliches Reservoir für immer wieder neu entflammbare Leidenschaft, für fiebrige Ergriffenheit bietet. Oder ob Andreas Altmann nicht doch einem etwas schlichten, wirklichkeitsfernen Ideal von heißblütiger Begeisterung und glutvoller Lebensgier huldigt. Er, der keine Berührungsängste kennt und offen für (beinahe) alles ist, setzt auf Eskapaden – doch wann ist die Grenze zum Eskapismus überschritten? Wie auch immer, seine totale Hingabe an das Leben beeindruckt, ebenso sein schriftstellerisches Talent, diese mitreißend zu schildern. Er nimmt das Dasein eben verdammt (übermäßig?) ernst, weshalb er zwar Humor besitzt, allerdings keine coole, das Leben auf Distanz haltende Selbstironie, genauso wenig, wie er nie zu akademischer Betrachtungsweise neigt. Empirie ist alles, Theorie nichts.

Weil Altmann aber nicht allein gegen eine monotone All Inclusive-Komfortexistenz wettert, sondern mit geradezu aufopferndem, nie versiegendem Engagement die alltägliche Verdummung, ebenso Denkfaulheit, Apathie bzw. Phlegma kritisiert, bleibt er stets auf der Höhe seiner Zeit. Mit erschreckender Klarsicht lässt er den Leser von seiner Empörung wissen, wobei man sich keineswegs genervt abwendet, sondern aus dem Nicken kaum noch herauskommt und zuletzt wieder ein bisschen wacher ist für die Zumutungen von Schwätzern, Aufdringlichen, Langweilern, Geistlosen und Stupiden, ob in der persönlichen Begegnung oder in den Medien. Andreas Altmanns Meinungsfreudigkeit erschlägt nicht, macht vielmehr nachdenklich, sensibilisiert für Zwischentöne.

Radikal und risikofreudig

„Triffst du Buddha, töte ihn! – Ein Selbstversuch“ könnte eine Art Essenz von Altmanns bisherigem Leben sein, weil es Erfahrungen neben Erwartungen stellt, Überzeugungen neben Einsichten, Erlebtes neben Gedachtes, Wissen neben Ahnungen, alles vereint im Kontext der Meditationsübungen. Dabei duldet Vipassana eigentlich keine Ablenkungen, setzt vielmehr auf Isolierung. Schon zu Beginn des Kurses sollen alle Teilnehmer, die in einfachen Zellen mit fließend kaltem Wasser wohnen, Dinge wie technisches Equipment, Schreibwaren oder Tabak abgeben, um sich ganz auf die im Trainingscamp gewünschte „Noble Silence“ und das eigene Ich zu konzentrieren. In der „Dhamma Hall“, dem Meditationsraum, ist die Konzentration dann ausschließlich auf die Atmung zu richten, ohne gedankliches Abschweifen, ohne emotionales Abschätzen, ohne körperlichen Abbau. Das hört sich nicht allein außergewöhnlich an, sondern ist auch außergewöhnlich schwierig, wobei die darin verborgene Radikalität einem wie Andreas Altmann durchaus zupass kommt. Nur an das Schreib- bzw. Leseverbot hält er sich nicht, weil er sonst geistig zu verhungern droht.

Von Vipassana hat er sich neben neuer Stärke bzw. zarter Befreiungsschläge für Seele und Geist ebenfalls Klarheit versprochen und wohl auch erhalten. Jedenfalls weiß er mit virtuoser Prägnanz, ehrlich und ohne Esoterikhysterie von den inneren Prozessen beim Meditieren zu berichten, von den physischen wie psychischen Anstrengungen, von den winzigen, ihre Wirkung erst allmählich offenbarenden Veränderungen, von der Bereicherung und Inspiration. Mit etwas mehr Kraft, Gelassenheit, Souveränität, Leichtigkeit sowie Menschenfreundlichkeit kehrt er in seine Pariser Wohnung zurück, ist ein bisschen mehr im Augenblick angekommen. Buddhistischen Gleichmut hat er nie gesucht, er will weiter dem Übermut frönen. Immerhin ist der auffällige Buchtitel so zu deuten, dass man Lernen als Wegweisung verstehen soll, um sich schließlich von dem Gelernten bewusst zu distanzieren und das Risiko eines selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Daseins mit allen Konsequenzen einzugehen. Die Maxime aller Hardcore-Existenzler.

Nathalie Mispagel

Andreas Altmann, „Triffst du Buddha, töte ihn! – Ein Selbstversuch“, 18,95 Euro, DUMONT


Stand Mai 2010

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