Buchprojekt: Skandal!

Die Journalisten suchen ihn, das Publikum liebt ihn, die Mächtigen fürchten ihn: den Skandal. Seit jeher füllt er die Schlagzeilen. Welche Ereignisse lösen öffentliche Empörung aus? Welche nicht? Wem nutzt, wem schadet der Eklat? Und wozu führt er? Lassen sich Skandale bewusst produzieren und kontrollieren? Wie wehrt man sich dagegen, an den Pranger gestellt zu werden? 

Diesen Fragen sind Studierende des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg nachgegangen. Angeleitet wurden sie von Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen (ehemals Universität Hamburg), und Jens Bergmann, Geschäftsführender Redakteur es Wirtschaftsmagazins brand eins. Die Studierenden haben Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Sphären im In- und Ausland interviewt. Viele sprechen aus eigener, schmerzlicher Erfahrung über das Thema.

Ziele von Skandal!

Ina Almeroth

Ina Almeroth, Studentin der Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg, arbeitete an dem Buchprojekt mit und führte Interviews mit dem ehemaligen Stern-Reporter Gerd Heidemann, der die angeblichen Hitler-Tagebücher entdeckt hat, und Jürgen Todenhöfer, der für die Recherche seiner Bücher über den Irakkrieg, mehrmals in die Krisenregion gereist ist. Die Ziele des Buches Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung umreißt die 24jährige folgender Maßen: „Das Buch untersucht ein Phänomen der Mediengesellschaft aus nächster Nähe. Wir wollten mit den Gesprächen das Phänomen Skandal anhand aussagekräftiger Beispiele aus möglichst vielen Perspektiven beleuchten, ohne aber die jeweiligen Skandale in voyeuristischer Absicht zu verdoppeln.“

Prominente erzählen von ihren Skandalen

So berichtet das Entführungsopfer Natascha Kampusch, wie es seine Privatsphäre gegen Übergriffe der Boulevardpresse verteidigt. Der Undercover-Reporter Günter Wallraff beschreibt die Kunst  Missständen Namen und Gesicht zu geben. Der Radrennfahrer Patrik Sinkewitz gibt Auskunft über die Folgen seiner Doping-Beichte und systematische Manipulationen im Leistungssport. Der Ex- Terrorist Peter-Jürgen Boock redet über seine Verbrechen, seine Lügen und die Medienstrategie der RAF.

Die Politikerin Gabriele Pauli enthüllt die gnadenlosen Machtkämpfe in ihrer ehemaligen Partei, der CSU. Der Soziologe Ulrich Beck spricht über das kulturelle Nervenkostüm der Gesellschaft und die befreiende Wirkung des Skandals. Der Lyriker Sascha Anderson redet über seine Stasi- Vergangenheit, die ihn nicht mehr loslässt. Der ehemalige Spiegel- Chef Erich Böhme rekonstruiert den Fall Barschel; der inzwischen mittellose ehemalige Stern-Reporter Gerd Heidemann erklärt, wie es zum Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher kommen konnte; der Boulevard-Journalist Udo Röbel beschreibt seine Rolle im Gladbecker Geiseldrama.

Weil Menschen, die in Skandale verwickelt waren, oft Narben davontragen, war viel Überzeugungsarbeit nötig, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Mancher Versuch scheiterte; einige Interviews wurden mehrfach und in Gegenwart von Anwälten geführt. Die Studierenden ließen sich von solchen Widerständen nicht entmutigen, zeigten sie doch, dass man auf der richtigen Spur war.

Hilfe und Unterstützung für das Buchprojekt

Aber sie erhielten auch von vielen Seiten Unterstützung. So öffnete beispielsweise der Chefredakteur von Spiegel Online, Rüdiger Ditz, das Redaktionsarchiv und stellte es den Studierenden für die Recherche zur Verfügung. Die Forschungs- und Wissenschaftsförderung der Universität Hamburg stand dem Projekt ebenso bei, wie die Hannoversche Allgemeine Zeitung.

Das Ergebnis ihrer Recherchen sind 29 sehr persönliche Einschätzungen, eine Phänomenologie des Skandals: subjektiv, emotional, widersprüchlich – und gerade deshalb erhellend. Die Gespräche sind nachzulesen in dem Band Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Das Buch vermittelt in leicht lesbarer Form erstaunliche Einsichten in die Logik und die Macht öffentlicher Empörung.

Jens Bergmann/Bernhard Pörksen
Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung
352 Seiten
18 Euro
Herbert von Halem Verlag


Stand Januar 2009

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