Bruhns: Meines Vaters Land

Diese Wibke Bruhns und ihr Buch sind schon etwas Besonderes. Sie war die erste Frau die Anfang der 70er die Heute-Nachrichten im deutschen Fernsehen präsentieren durfte und die durch ihre offene Art schnell bei ihrem Publikum beliebt wurde.

Sie ist aber nicht nur die Frau die Nachrichten einfach so vorliest. Später ging sie für den STERN als Korrespondentin nach Israel und in die USA. Der Vater, der sie gezeugt hat, den hat sie nie gehabt. Die Autorin ist eines jener Kriegskinder die ihre Väter nie kennen gelernt haben.

Wiedersehen

Doch eines Abends wird das völlig anders. Ausgerechnet aus Israel kommend, setzt sie sich in ihrer Hamburger Wohnung in den Sessel und schaltet den Fernseher ein. Dort entdeckt sie ihren Vater. Die Nazis stellten den Abwehroffizier Hans Georg Klamroth vor Gericht. Wibke Bruhns schaut wie gespannt in den Fernseher, hört sogar die Stimme ihres Vaters in dieser Reportage. Das Urteil in diesem Schauprozess ist lange vor der Urteilsverkündung klar. Als einer der Verschwörer des 20. Juli wird der Angeklagte als Hochverräter hingerichtet.

Da sitzt nun die Tochter, Jahrzehnte später in ihrer Hamburger Wohnung. Der Anblick ihres Vaters hält sie wie gebannt, lässt sie nicht mehr los. Sie beginnt ihn zu suchen.

Sie befragt Menschen die ihn selbst noch kannten. Sie stößt immer wieder auf eine Mauer des Schweigens. Für viele ist dieses Thema längst keines mehr. Aber Wibke Bruhns will ihren Vater finden und sicher mit ihm auch ihre Wurzeln.

Rekonstruktion

Dabei kommt ihr das umfangreiche Familienarchiv zu gute. Beide Elternteile und auch andere Familiemitglieder haben über Jahre hinweg Tagebücher geschrieben, ja sogar 16 mm Filme findet sie noch. Längst hat sie ihre Spur aufgenommen.

Wie in einem sehr einfühlsamen Kriminalroman beginnt nun die Recherche. Dabei setzt sie mit dem I. Weltkrieg ein. Ihr Vater macht ein Notabitur. Er erschießt einen Soldaten. Eine Tat die ihn sein Leben lang nicht mehr loslässt. Er gründet eine Familie die Höhen und Tiefen erlebt. Dann rückt dieser 20. Juli unaufhaltsam näher. Die Tochter die ihren Vater sucht, erfährt aus erster Hand, wie es zur Tat des Vaters kam, was ihn antrieb mitzumachen.

Dieses Buch ist der Versuch der politischen Aufarbeitung, aber noch viel mehr ist es die verzweifelte Suche eines Mädchens nach ihrem Vater. Wer war dieser Mann? Wie war die Zeit wirklich in der er lebte? Deutlich erkenne ich wo Geschichtsbücher an ihre Grenzen stoßen. Und an dieser Stelle ändert das Buch seine Richtung. An dieser Stelle endet quasi der Krimi. Wibke Bruhns hat ihren Vater gefunden. Die Chronistin wird zur Tochter.

Mehr als Geschichte

An einigen Stellen wirft Wibke Bruhns nun Zwischenbemerkungen ein. Eigene Gefühle, wie Unverständnis oder Wut werden deutlich. Sie möchte die Augen manchmal verschließen, glücklicherweise tut sie es nicht. So beschönigt sie nichts, schreibt alles auf, nennt die Dinge beim Namen und das oft sehr deutlich in einer sehr gut lesbaren Sprache. Sie zeichnet ein aussagekräftiges Bild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Selbst Leser die den Krieg nicht selbst miterlebt haben, werden beim lesen spüren, dieses Buch ist viel mehr als ein Geschichtsbuch, es ist auch mehr als nur eine Familiengeschichte. Es ist eine gelungene Zusammenführung von Geschichte und Zukunft. Denn dies scheint mir sehr wichtig. Das Buch bleibt nicht dort stehen wo die Autorin ihren Vater gefunden hat. Das Buch reicht bis in die Gegenwart und selbst auch in die Zukunft.

Literarisch sehr gut hat die Autorin klar gemacht: Als sie Anfing ihren Vater zu suchen war sie das Mädchen, dass sich nach ihrem Vater sehnte. Als sie den Großteil der Suche geschafft hat ist sie eine Frau, die endlich über ihren Vater bescheid weiß und auch über die Zeit die ganz Europa nahe an den Abgrund führte.

Für mich als Leser war es ein schwerer Lesestoff, der nicht wieder loslässt. Einmal angefangen muss dieses Buch zu Ende gelesen werden. Die einfache, klare Ausdrucksweise der Autorin erleichtert dem Leser ungemein die Aufnahme des vielschichtigen Lesestoffes.

Einzelschicksale, wie dieser junge Hans Georg Klamroth berühren uns viel mehr als ein noch so gutes Geschichtsbuch. Sie können auch die Zeit und das Lebensgefühl der zurückliegenden Zeit wesentlich besser einfangen, weil sie so authentisch beschreiben sind.

Alle die sich für die Geschichte Deutschlands interessieren, sollten sich für dieses Buch Zeit nehmen.

Christian  Döring

Wibke Bruhns
Meines Vaters Land
387 Seiten
9,95 Euro

Ullstein Taschenbuch

Stand Dezember 2009
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