Born to run

Die „Bourne”-Trilogie hat den Agentenfilm am Beginn des 21. Jahrhunderts geerdet und mit Matt Damon einen interessanten ’ordinary man’-Actionhelden etabliert. Jetzt tritt Jeremy Renner in „Das Bourne Vermächtnis“, ab 13.9. im Kino, dessen Nachfolge an. Auch wenn er seine Sache gut macht – das ’Bourne’-Franchise scheint ermüdet.

Jeremy Renner, der neue Bourne, der jetzt Aaron Cross heißt

In der Kälte der Einsamkeit

Ein Mann streift durch die Wildnis Alaskas, ausgerüstet mit Survival-Gepäck, einem Hightech-Gewehr und dem aufmerksamen, gleichwohl versunkenen Blick eines Menschen, der zwar eine Mission, doch schon lange keine Passion mehr hat. Während er Schnee, Bergen und Wölfen trotzt, herrscht in Washington Alarmstimmung. ’Traidstone’, aus den ’Bourne’-Vorgängerfilmen bekannt, war offenbar nicht das einzigste geheime CIA-Projekt zur Ausbildung speziell befähigter Agenten. Noch übler ist ’Operation Outcome’, bei der sogar Drogen und durch Viren hervorgerufene Genmanipulationen eingesetzt werden, um aus Spionen erstklassige Krieger zu schaffen.

Dummerweise droht das Programm im Zuge der ’Bourne’-Affäre aufzufliegen, weshalb Eric Byer (Edward Norton), Direktor der zuständigen Geheimbehörde, beschließt, es zu retten, indem er es opfert. Dazu müssen sämtliche Beteiligten zum Schweigen gebracht werden.

Auch Aaron Cross (Jeremy Renner), jenen Mann aus der Einsamkeit Alaskas und eines der sechs ’Outcome-Versuchskaninchen’, soll es treffen. Doch er läßt sich nicht so einfach zum Opfer einer weitreichenden Verschwörung unter Polit- und Militär-Prinzipalen machen.

Nachdem er dem Anschlag durch eine Bombendrohne entkommen ist, rettet er auch Dr. Marta Shearing (Rachel Weisz), einer der an ’Outcome’ beteiligten Ärztin, das von der CIA als nicht mehr nützlich eingestufte Leben und flieht mit ihr gen Manila. Man kann sagen, was man will: Diese Agenten mögen ein beschwerliches Dasein führen, aber ihre Reiseziele …

Im Labyrinth des Mythos

„Hire and Fire“: Das war in den ’Bourne’-Filmen stets das Schicksal der Special-Agents. Anders als Maschinen, die sie eigentlich sein sollten, nehmen sie es aber keineswegs klaglos hin. Befand sich Jason Bourne damals auf Identitätssuche und später auf Rachekurs, will Aaron Cross heute vor allem an die Drogen herankommen, die ihn, einst nur unterdurchschnittlich intelligent, physisch wie psychisch gestärkt haben. Höchst löblich zwar, wenn sich ein Elitesoldat Gedanken um seinen Geisteszustand macht; als Motiv für eine wilde Jagd durch die halbe Welt mag das indes kaum überzeugen.

Ohnehin merkt man dem Drehbuch von Tony und Dan Gilroy an, daß der ’Bourne’-Mythos längst zu Ende erzählt ist. Mühsam wird sich an die alte Story gehängt, und noch viel mühsamer eine neue konstruiert. Überkomplizierte Verwicklungen innerhalb der CIA sollen Komplexität vortäuschen, ausgedehnte Gesprächspassagen die nicht vorhandene Tiefgründigkeit. 

Solche offensichtlichen Schwächen von „Das Bourne Vermächtnis“ auf dessen Franchise-Charakter zurückzuführen, wäre zu kurz gedacht. Ohne Zweifel ist Hollywoods Fixierung auf bereits erfolgreiche Konzepte für viel Langeweile im gegenwärtigen Blockbuster-Kino verantwortlich. Andererseits haben die ’Bourne’-Fortsetzungen die Langlebigkeit einer guten Geschichte bewiesen. Von deren Qualitäten – geradlinige Narration, authentische Hauptfigur, schnörkellose Inszenierung, direkte Spannung – ist im aktuellen Teil leider wenig erhalten geblieben. Zwar setzt die Dramaturgie immer noch auf eine gewisse Unmittelbarkeit, freilich keineswegs mehr in der einst bewunderten Konsequenz.

 

 

Aaron Cross im Glück: Mit Dr. Marta Shearing (Rachel Weisz) geht es nach Manila.

Im Dickicht der Genre-Konventionen

Regisseur Tony Gilroy verwaltet das ’Bourne’-Vermächtnis mit Umsicht, aber ohne Fortune. Selbst in den Actionsequenzen hat er wenig Frisches zu bieten. Filmische Energie, das ist Kinetik multipliziert mit Raum. Hier allerdings beschränkt sich Dynamik nur auf die Schnelligkeit von Geschehnis, Schnittsequenz und Kamera. Hat Robert Elswit zu Beginn noch mit epischem Anflug die weiten Landschaften Alaskas photographiert, hetzt er später mit fahrigem Blick durch die Gassen Manilas. Die finale Verfolgungsszene, ein Wahnsinn zu Fuß und auf Motorrädern, wird so zu einem Spektakel ohne Raumpoetik und Atmosphäre, das überall spielen könnte. Ob auf den Philippinen oder anderswo.

Die Exotik bleibt behauptet, der Plot in seiner Voraussehbarkeit farblos, die moralische Problematik nur angerissen. Die Vorgängerfilme fesselten mit selbstbewußter Abgeklärtheit, die sie aus ihrer professionell-plausiblen Anwendung, gleichwohl aufregenden Variation der Genre-Gesetze zogen – man denke nur an das packende, unerwartet respektvolle Duell zwischen Bourne und seinem Auftragsmörder im ersten Teil. Der vierte Film verlegt sich hingegen auf die langatmige Repetition von Action- und Spionagekino-Konventionen. 

Im Angesicht von Fremden

Immerhin wird von einem allzu schlichten Gut-/Böse-Schema Abstand genommen. Aaron Cross selbst, unerbittlicher Nahkampfexperte und Meister der Perzeption, kann zwar mit tödlicher Präzision zuschlagen, ist deswegen aber noch lange kein grausamer Killer. Auf der Gegenseite wiederum sind die politischen, wirtschaftlichen bzw. militärischen Interessen derart unübersichtlich und die Beteiligten so zahlreich, daß zwar einzelne Drahtzieher, dafür keine omnipräsenten Schurken mehr ausgemacht werden können. 

Dieses realistische Konstrukt einer Welt im Zustand kalkulierter Verwicklung findet ihren dramaturgischen Widerhall, wenn das entmenschlichte System der CIA als Computer- und Überwachungs-Irrwitz präsentiert wird. Dagegen kann man sich nicht wehren, davor kann man nur wegrennen. Biologische Physis schlägt elektronische Paranoia, wenigstens dieses eine Mal.

Ansonsten wäre den Menschen, Filmcharakteren wie Schauspielern, mehr Aufmerksamkeit seitens Regie und Drehbuch zu wünschen gewesen. Doch die Zeichnung der Figuren, ihre Beziehung untereinander und ihre Motivation ist zu rudimentär, als daß sie über ihre reine Funktion innerhalb der stetig vorwärtsdrängenden Handlung hinausreichen würde. 

Sie bleiben Fremde, für sich und für den Zuschauer. In solch limitierten Rollen kann auch eine gestandene, ausgesprochen elitär-illustre Darstellerriege keine Glanzleistungen vollbringen. Dabei würde man doch so gerne mehr sehen in Edward Norton als nur den eiskalten, skrupellosen CIA-Koordinator, in der aparten Rachel Weisz mehr als die humane, widerstandsfähige Ärztin und explizit in Jeremy Renner mehr als einen gehetzten, verzweifelten Mann im Dauerlauf. 

Konnte Bourne trotz der Geheimdienste im Nacken immer auch ein wenig über Tempo und Richtung der Jagd bestimmen, rutscht Cross eher in die passive, reagierende Position. Seine Flucht hat vielleicht noch ein Ziel, aber keinen emotionalen Fokus mehr. Hierin gleichen sich Held und Film.

(Nathalie Mispagel)

DAS BOURNE VERMÄCHTNIS

Regie: Tony Gilroy

Darsteller: Jeremy Renner, Rachel Weisz, Edward Norton, Albert Finney, Joan Allen, Scott Glenn, Stacy Keach, Oscar Isaac, David Strathairn

Kinostart: 13. September 2012

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