Böse Banalität im Ego-Netzwerk

Es hieß einmal, das Internet würde die Welt verändern. Und wenn die Menschen von der Welt reden, meinen sie immer ihre menschliche Welt.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Ich glaube nicht, dass das Internet die Welt verändert hat. Wie sollte es auch? Es kann ja nicht die menschlichen Veranlagungen verändern.  Es macht nur umfangreich die menschlichen Schwächen sichtbar. Und leider lässt es sich nicht genauso gut für die menschlichen Stärken einsetzen. So steht jedem Shitstorm  vergleichsweise wenig  gerechte Revolution gegenüber. Wie oft sind Menschen im Internet schon von der Masse oder Einzelnen zu Unrecht verurteilt worden?! Wie selten gelingt es dagegen die Übeltaten großer Firmen aufzudecken oder Diktaturen zu stürzen?!

Da der Mensch im Internet jede Form der Verantwortung für seine dort möglichen Taten leicht umgehen kann, läd diese Schwachstelle massenhaft ein, Schwächen auszuleben,(die normalerweise von der Gemeinschaft und dem Rechtsstaat geahndet würde, wär der Übeltäter als Person greifbar). Und wir wissen, was passiert, wenn unreife, infantile Wesenszüge des Menschen nicht bestraft werden: Der Mensch wird in 66% der Fälle zu dem, was wir auch gerne als Monster bezeichnen (siehe Milgram-Experiment). Natürlich gibt es im Netz auch die etwas harmloseren Mitläufer. Nicht jeder wird zum Stalker, Konsument von Kinderpornographie oder verbrecherischem Hacker. Ein paar nichtbezahlte Daten machen noch keinen zum Monster – aber doch immerhin zu jemandem, der seinen eigenen Vorteil auf illegale Weise ohne Verantwortung selbstsüchtig erweitert, der seine unreifen psychischen Anteile ungestraft auslebt, weil er es kann. 

Aber das Netz bietet noch für ganz andere menschliche Niederungen einen gefundenen Spielplatz. Es bietet  eine große Bühne für jede Form von Dummheit, leeres Gequatsche und narzisstisch-gestörtes Wichtiggetue, besonders in den sozialen Netzwerken (die eigentlich eher die egomanen Netzwerke heißen sollten). Darüber hinaus hat der ständige Konsum genau dieser Dinge eine nachhaltige Wirkung auf die vielen Dauer-Konsumenten: Unruhe, Unhöflichkeit durch ständigen Smartphone-Gebrauch (selbst in Zweiergesprächen), völliger Konzentrationsmangel. Das Netz verführt auch zu Ehebruch (viel besser und geheimer zu organisieren als früher), zu übler Nachrede, Konsumrausch. Oder zum zunehmenden Unvermögen, wichtige Dingen und Strukturen zu erfassen.

Aha, denken Sie jetzt vielleicht. Wieder einmal jemand der vor dem bösen Internet warnt. Ich glaube aber, der Mensch wird nicht schlechter durchs Internet. Er war schon immer so: Man bekommt es durch das Netz nur häufiger und deutlicher mit. Früher haben solche Gedanken wie: „Schick mir Nacktfotos!“ oder „Lust auf einen Sex-Chat?“ die Hirne der Schwachmaten einfach nicht verlassen (oder wenn, dann gab es direkt Haue). Heute bekommt man sie als Nachrichten auf Facebook. Früher haben unsichere Mädchen ihre dummen Gedanken beim Frisörbesuch einfach für sich behalten müssen. Und ihr Gefühl unwichtig zu sein hat irgendwann (wenn der Leidensdruck genug war) auf die Couch geführt und nicht dazu, sich beim Zähneputzen zu fotografieren und das Bild sofort online zu stellen. 

Die böse Banalität. Selten wurde sie so offensichtlich, wurde sie so hervorgelockt, wie durch das Internet. Und oft genug wird sie dann leider sogar zur Banalität des Bösen. 

Immer hofft der Mensch irgendwie durch irgendwas doch ins goldene Zeitalter zu gelangen. Und auch das Netz hat diese Hoffnung wiedermal eine Zeit lang befeuert. Und immer zeigt genau dieser Wunsch, wie unmöglich dem Menschen das ist in seinem Konflikt zwischen Egoismus und Bindungswillen.

Das Internet hat die Welt also nicht verändert, wie allseits versprochen. Sondern nur besonders deutlich sichtbar gemacht. 

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