Bissiger Bergurlaub

Ein Vater/Sohn- sowie ein Mutter/Tochtergespann lernen einander während eines weihnachtlichen Bergurlaubs kennen und nehmen den Leser mit zu verschiedenen winterlichen Unternehmungen. Dabei entrollen sie auf knapp 80 Seiten Smalltalk ihre Persönlichkeiten und tief verankertes Schubladendenken.

Um dem Weihnachtsstress zu entgehen, entscheiden sich zwei Patchworkfamilien, das Weihnachtsfest fernab des Alltags bei einem Bergurlaub zu verbringen. Das sind auf der einen Seite die Döhrings, bestehend aus Vater und Sohn und auf der anderen Seite die Nehrings, Mutter und Tochter. Am Beginn des Urlaubs lernen sich die beiden Parteien kennen und beginnen eine seltsame Form der Sympathie zu entwickeln. Obwohl sie sich die meiste Zeit gegenüber im Spaß anfeinden, ist die gegenseitige Anziehungskraft nicht von der Hand zu weisen.

In den Bergen erleben die beiden Familien kleine Abenteuer. Das geht von der Notoperation an einem niedergefahrenen Schneemann, über die Vereitelung eines Handtaschendiebstahls bis zur Lawinengefahr beim Besuch einer Schnee-Bar.  Keines dieser Ereignisse ist aber wirklich dramatisch und verliert sich in Harmlosigkeit. Anders dagegen die Gespräche zwischen den vier Hauptfiguren: Die Charaktere ergehen sich in andauernden Frotzeleien. Wobei jegliche Stichelei immer oberflächlich weggelacht wird, zeigt Bodmar doch, wie sehr die Konflikte zwischen Generationen und Geschlechtern in unserem Smalltalkverhalten verankert sind. Die Figuren sind deswegen so alarmierend, weil es sich eigentlich um gebildete Durchschnittsmenschen handelt, deren Denken allerdings altbacken, unzeitgemäß und absolut durchgegendert ist.

Trotz ihrer Alltäglichkeit gelingt es nicht, sich mit den Charakteren zu identifizieren. Sie wirken künstlich und kitschig überdreht. Wenn Sie sich mal nicht im Spaße anfeinden, so biedern sie einander an. Die hysterische Übersteigerung der Figuren erinnert an die Protagonisten aus „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas oder Schillers „Die Räuber“. Nur dass dieses pompöse Gehabe eben nicht recht zu den vier Weihnachtsurlaubern passen will. Es wirkt aufgesetzt und erzwungen.

Bodmars Dezemberreise zeigt das Aufeinandertreffen von zwei Halbfamilien, die dem Weihnachtsstress mit aller Kraft aus dem Weg gehen will. Die Hauptcharaktere spielen heile Welt, und obwohl sie selbst nicht ohne Schatten sind, wird doch krampfhaft jedes tiefgründige Gespräch vermieden. Stattdessen praktizieren die Charaktere permanente Koketterie und Stichelei, zugegeben nicht ohne Wortgewandtheit. Dauernd verschieben sich dabei die Fronten: Die Alten verbünden sich gegen die Jungen, dann die Frauen gegen die Männer. Das zu lesen ist beinahe so anstrengend, wie selbst dabei zu sein.

Der Autor spielt sich mit der Erwartung des Lesers eine Romanze vorzufinden. Und obschon die Figuren nicht aus ihrer Haut können, erkennt man, dass sie einander näherkommen und sich im Grunde nicht unsympathisch sind. Die Auflösung der Geschichte ist interessant und auf ihre Art und Weise harmlos und skandalös zugleich. Bodmars Erzählung ist kurz, erhält aber durch die geistlosen Dialoge und das Klischeedenken der Protagonisten etwas so Langatmiges, dass man froh ist, wenn man von Döhrings und Nehrings nach der gemeinsamen Dezemberreise wieder Abschied nehmen kann.

Florian Deichl (academicworld.net)

Dezemberreise zu viert oder Der doppelte Tannenbaum. Klaus Joachim Bodmar.

Schardt. 10,00 €.

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