Betäubende Wachheit

New York, die Stadt der Faszination. Wie viele Menschen kommen immer noch dort hin, um hip, cool und sozial akzeptiert zu werden? Das ist nicht neu und wird auch immer so sein. Findet zumindest Edith Wharton. Aber ist ihr Roman wirklich noch so zeitgemäß?

Pauline steht mitten im bewegten Leben: Als Teil der New Yorker Gesellschaft sprintet sie vom Treffen mit dem Mahatma zum Emfpang in der Met zum Abendessen mit Freunden zum Cocktail mit Geschäftspartnern ihres Mannes … Es ist immer was los. Und selbst das Entspannen ist bis auf die Minute durchgetaktet. Da bahnt sich allmählich ein kleines Gewitter auf dem Horizont an – die Ehefrau ihres Sohnes liebäugelt mit Hollywood. Ihr mann liebäugelt mit der Frau …

Die Kritik

Vorab der Leseindruck: Seltsam dahinplätschernd ohne großartigen Höhepunkt ist die Handlung. Das macht es nicht ganz einfach, wirklich durchzuhalten. Es ist quasi eine Erzählung, die irgendwann einfach aufhört? Seltsam, wirklich.

Das Buch ist nun wirklich nicht neu und entsprechend gibt es viele Meinungen dazu. Der Konsens geht wohl zu „Kritik an den weiblichen Hauptpersonen“, die die Autorin live und in Farbe in ihrem eigenen Leben erlebt hat. Die Gesellschaft und darin speziell die Frauen der gehobenen bis oberen Klasse haben ein durchgetaktetes und hektisches Leben. Das soll dazu dienen, sich und seiner Existenz selbst einen Sinn zu verleihen. Wo der Mann arbeiten geht und dort Erfüllung findet, perfektionieren die Damen ihr Dasein und die vemeintliche „Leere“ durch Hyper-Engagement und einem aus allen Nähten platzenden Stundenplan – willkommen in Paulines Leben. Das Gegenteil zu ihr bildet Manford, besagter Ehemann.

Davon ausgehend, dass Pauline das Symbol der kritisierten Personas ist, steht Manford dann für den Lebensstil, den Edith Wharton vorschlägt? Aber was will die Autorin damit sagen, wenn der Ehemann sich von seiner Frau abwendet, weil sie zu beschäftigt ist? Nur, weil er ein simpleres Leben leben möchte? Was wäre denn dann, wenn sie auch arbeiten würde und darin ihre Erfüllung findet, statt darin, sein schimmerndes Schmuckstück zu sein? Darin zeigt sich ein mindestens ebenso veraltetes Weltbild: Die Dame des Hauses ist dazu da, den Mann glücklich zu machen. Vielleicht mag Pauline ihr Leben so, wie es ist.

Ob das nun der Autorin passt oder ihren fiktiven Charaktern, darf beiden Parteien doch allerherzlichst egal sein. Was ist daran so schlimm? Schlimm ist es, wenn man ein Weltbild kritisiert und das eigene als Ideal darstellt. Wo kämen wir da hin? Ach richtig, da waren mal Weltkriege und andere Konflikte bis in die Moderne. Verbringen Frauen wie Pauline ihr Leben wirklich im Dämmerschlaf oder ist der Lebensstil nur nicht der richtige für Mrs. Wharton? Zum Glück sind wir da heutzutage noch einen Schritt weiter gekommen.

Nun denn: In diesem Sinne ist dieser Roman in Teilen immer noch aktuell, denn er lässt sich auf eine neue Zielgruppe anwenden: Single-Frauen, zumeist in Großstädten, wo sie sich zu tummeln und zu sammeln scheinen. Was tun am Feierabend oder WE, wenn niemand mit feiern geht, andere sich um Maus, Mann und Haus kümmern? Wir füllen unsere Stunden mit anderen Aufgaben. Damals mag man eine Organisation gegründet haben, um Genies zu entdecken. Heute geht man zum Foodsharing, kümmert sich um Flüchtlinge, liest vermeintlich wertvolle Literatur oder geht mit Tierheimhunden spazieren. Ein Leben im Dämmerschlaf oder hart in der Realität verankert – was meint ihr?

Bettina Riedel (academicworld.net)

Edith Wharton. Dämmerschlaf.
btb. 11,99 Euro.

PS: Für die Kurzfassung könnte man theoretisch auch „Der Graf“ von den Ärzten hören …

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