Befreiung? Die Ostdeutschen und 1945

Mit dem Einmarsch der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs brach über die Ostdeutschen nicht nur die schiere Not herein, weil sie den Siegern hilflos ausgeliefert waren. Rasch wurden sie auch in eine tiefgreifende Gefühlsverwirrung gestürzt, weil der gefühlte „Untergang“ plötzlich als „Befreiung“ galt, weil aus den gefürchteten „Untermenschen“ nun „die Freunde“ wurden.

„Der Handschlag zwischen Siegern und Besiegten wurde von oben befohlen und war natürlich für beide Seiten eine Herausforderung“, konstatiert PD Dr. Silke Satjukow. Die Historikerin von der Friedrich-Schiller-Universität hat jetzt das Buch „Befreiung? Die Ostdeutschen und 1945“ herausgegeben. Darin geht sie der Frage nach, was es bedeutet, ein halbes Jahrhundert lang mit den Feinden von einst Tür an Tür zu leben. Satjukow sagt, der Mythos der Befreiung ziehe sich seit 1945 durch die Gesellschaft, von der Kinderzeitschrift „Bummi“ über Schullektüre bis zur Gesellschaft der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF).

Verschriebene Vergebung

Mit der bereits 1947 gegründeten DSF sei die beiderseitige Zumutung institutionalisiert worden. Tenor: „Ihr tragt Schuld, aber wir vergeben euch!“ Jedoch sei, so Satjukow, die angebotene Vergebung nicht ernst gemeint gewesen. Mehrmals im Jahr wurden die Ostdeutschen an die Gräber gefallener Rotarmisten befohlen, von denen es im Land unzählige gab. „Damit wurde den Menschen vor Augen geführt, dass es eine Erbsünde gibt, die über die Generationen weitergereicht wird“, sagt Satjukow. Zeichen dessen seien zum Beispiel die Patenschaften gewesen, die Schulklassen über Gräber von Rotarmisten übernahmen.

Silke Satjukow ging der Frage nach, wie sich dennoch eine Annäherung vollzogen hat, es im Alltag zu Gesten der Versöhnung gekommen ist. Begegnungen zwischen Siegern und Besiegten gab es ja zuhauf: Sowjetische Soldaten wurden als Erntehelfer eingesetzt, sie waren Handelspartner bei Tauschgeschäften aller Art, und sie kamen bei den zahlreichen Manövern der Armee mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt.

Wechsel des Russen-Bildes

Die Autorin PD Dr. Silke Satjukow von der Universität Jena; Foto: privat

Zwischen 2003 und 2008 führte Satjukow 200 Interviews mit Zeitzeugen und sichtete umfangreiches Quellenmaterial wie Lehrpläne, Dissertationen, die nie veröffentlicht wurden, und Entwicklungsberichte. Als Referenzorte dienten der Historikerin die Städte Weimar und Dresden sowie die Gemeinde Nohra. Dort in Nohra kamen 10.000 Russen auf 500 Einwohner – eine besonders krasse Voraussetzung für den täglichen Umgang beider Gruppen.

Zu den Erkenntnissen der Zeitzeugen-Befragung gehört, dass sich das Bild von den Russen über die Jahre mehrfach gewandelt hat. So waren die Besatzer nach dem politischen Umbruch von 1989/90 und nach dem Abzug der Roten Armee 1994 plötzlich beliebte Sündenböcke, die für die Zustände in der DDR verantwortlich gemacht wurden. Doch Anfang 2000 änderte sich das wieder. Mit der Besinnung auf sich selbst hieß es bei den Ostdeutschen auf einmal: „Die Russen sind doch unsere Russen‘ gewesen.“ Dieser Wandel zeige sich an Postkarten oder T-Shirts mit Aufschriften wie „Wer das nicht lesen kann, ist ein dummer Wessi“, in kyrillischen Buchstaben, sagt Silke Satjukow. Das wäre dann ein später ironischer Triumph der Geschichte: Rangierte doch der Russischunterricht gleich hinter „Einführung in die sozialistische Produktion“ in der Rangliste der unbeliebtesten Schulfächer der DDR.

Die Historikerin von der Universität Jena hat ein spannendes Buch vorgelegt, das den Lesern erstaunliche Einblicke in den Alltag der DDR erlaubt oder ihnen Momente der Erinnerung an selbst gelebtes Leben verschafft. Je nachdem, auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs der jeweilige Leser aufgewachsen ist.

Silke Satjukow

Befreiung? Die Ostdeutschen und 1945
Leipziger Universitätsverlag
288 Seiten
29 Euro

Titelbild: © www.archive.org, Stand Mai 2009

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