Bayern München – Big Money – Berechnete Meister

Neulich traf ich einen Freund zum Mittagessen. Sein Büro ist normaler Weise rot-weiß geflaggt und vollgestopft mit Bayern-München-Devotionalien. Er selbst hat mal behauptet, er wäre nur Rechtsanwalt geworden, weil die dicken Gesetzesbücher rote Einbände mit weißen Seiten hätten.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Er hat eine Dauerkarte für die Allianzarena, die er regelmäßig mit seiner neunjährige Tochter zu den wichtigen Spielen des Vereins besucht. Wenn die Bayern mal ausnahmsweise verloren haben, sollte man ihm die nächsten zwei Wochen besser nicht begegnen. Bemerkungen wie: „Na was machte die Dilettantentruppe?!“ gefährden die Freundschaft und müssen lange abgebüßt werden. Als ich also diesmal sein Büro betrat, brauchte ich nur kurze Zeit, um zu kapieren, was sich verändert hatte: Alle Bayern-München Fan-Utensilien waren verschwunden! Was war geschehen? Lag es an Uli? Weit gefehlt…

Die kurze schmallippige Antwort meines Freundes lautete: „Das macht doch keinen Sinn mehr, zu jemanden zu halten, der sich seine Siege kauft.“ Seltsam, dass die Bayern auf der Höhe ihres Erfolges, als amtierende Triple-Meister und hochwahrscheinliche Schon-wieder-Meister, einen so eingefleischten Fan verlieren.  Oder steht dieser Fall vielleicht für ein beispielgebendes Dilemma unseres modernen westlichen Lebens? 

Fußball ist eines der Felder in unserer durchrationalisierten Welt, das für die Emotionen zuständig ist. So wie Love-Romances für viele Frauen heute ein steuerbares, verlässliches Wohlbefinden aufrufen, ist für Männer der Sieg der eigenen Mannschaft, ein Sieg der Lustempfindungen über den Alltagsfrust. Damit lässt sich sehr viel Geld verdienen. Und damit diese Geldquelle – als Maß der Dinge in unserer kapitalistischen Welt – nicht abreist, müssen möglichst viele Gewinne her. Bei den Love-Romances setzt man dabei auf beliebte männliche Schauspieler (mit Waschbrettbauch und Jungencharme). Im Fußball sind es die Torjäger (mit Waschbrettbauch und seltsamen Frisuren). Doch genauso wie keine Frau mehr in einen Love-Romance-Film gehen würde, wo der übersinnliche Protagonist die unsichere, trottelige Protagonistin schon nach 5 Minuten heiraten würde, geht kein Mann gerne zu einem Fußballspiel, wo von vorneherein klar ist, wer gewinnt.

Sichere bestätigende Emotionen sind auf Dauer reizlos. Der Kick des Belohnungssystems entsteht nur nach einer Überwindung von Schwierigkeiten. Denn unsere Psyche hat uns diesen Mechanismus zur Motivation mitgegeben. Doch unser modernes Wertesystem zeigt uns immer nur Bilder vom perfekten Glück. Jede kleine Trübung würde ja den maximalen Gewinn gefährden. Und so steckt Bayern München heute in der für unsere Zeit typischen Zwickmühle: Wenn sie nicht gewinnen, rollen schnell Köpfe, weil Fans den perfekten, andauernden Selbstwert-Kick fordern, in ihrem lustlosen, unsicheren, mühevollen, kapitalistischen Alltag. Wenn sie aber immer gewinnen, stellt sich das Hochgefühl nicht mehr ein. Wer sich die besten Spieler kaufen kann, um mit ihnen immer mehr Geld zu verdienen, um weiterhin die besten Spieler zu kaufen, um immer nur zu gewinnen, hat vielleicht den Kapitalismus, aber eben nicht den Menschen verstanden. Dass beides an vielen Stellen nicht zusammen passt, merken wir in dieser Welt sehr oft. 

„Aber die Hoffnung ist die Größte unter ihnen…“ – könnte man heute auch sagen, nachdem der Glaube von kindergrabschenden Priestern enttäuscht wurde und wir in der Liebe, genauso wie im Fußball, an unseren Perfektionsansprüchen scheitern (siehe: mein Buch über Mr. Right). Der Kapitalismus muss die Hoffnungen befeuern, er darf sie aber nie erfüllen. Die beste aller Welten, das perfekte Paradies, muss ein Traum, eine Hoffnung bleiben. Wehe uns, wir erreichen sie. Wen die Götter bestrafen wollen, dessen Gebete erhören sie. Und was haben die Bayern um ein Triple gebetet! 

Aber vielleicht kann man ja durch eine Verurteilung von Uli Hoeneß wenigsten den Glauben wieder ein bisschen herstellen… 

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