Barbara: Am Fluchtpunkt

Eine Frau versucht fieberhaft, der begrenzten Welt der DDR-Diktatur zu entkommen und findet stattdessen einen völlig neuen Lebensentwurf für sich: „Barbara“, ab 8.3. im Kino.

Barbara, ab 8.3. im Kino

Eingeschlossen

Fünfmal hat Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold bislang mit Nina Hoss zusammengearbeitet. Gemeinsam haben sie in Filmen wie „Toter Mann“ (2002) oder „Yella“ (2007) diffizile Portraits von Frauen entworfen, die an der Grenze, gar schon auf ihr leben. Auch Barbara ist eine solche ebenso entschlossene wie verstörende Persönlichkeit, nur dass sie bereit ist, diese Grenze konkret zu überschreiten. Sie will aus der DDR in die Freiheit fliehen.

Anfang der 1980er Jahre, Ostdeutschland: Nachdem ihr Ausreiseantrag abgelehnt wurde, wird die Ärztin Barbara Wolff (Nina Hoss) von der Berliner Charité in ein Provinzkrankenhaus nahe der Ostsee strafversetzt. Aufopfernd kümmert sie sich in der dortigen Kinderchirurgie um jugendliche Patienten, vor allem um die wiederholt aus einem Jugendwerkhof geflohene, schwangere Stella (Jasna Fritzi Bauer). Während Barbara unter strenger Beobachtung des örtlichen Stasimitarbeiters Klaus Schütz (Rainer Bock) und liebevoller Betrachtung ihres Chefs Andre Reiser (Ronald Zehrfeld) steht, arbeitet sie mit Hilfe ihres westdeutschen Freundes Jörg (Mark Waschke) weiterhin an der Flucht in die BRD.

Beobachtet

„Barbara“ ist ein ‚period piece‘, verdichtet zum menschlichen Drama, in dem abstrakte Historie auf den privaten Erfahrungshorizont heruntergebrochen wird. Was begrifflich unter Überwachungsstaat firmiert, erlebt Barbara buchstäblich am eigenen Leibe als permanente Kontrolle durch unangekündigte Wohnungsinspektionen der Stasi, entwürdigende Leibesvisitation oder forschende Blicke der Hausmeisterin. Längst hat sich ihr lebensnotwendiges Mißtrauen zur existenziellen Verzweiflung ausgewachsen. Abweisend und unnahbar wie Barbara sich gibt, offenbart sie allein im Umgang mit den Patienten Mitgefühl sowie jene Wärme, die ganz aus ihrem jetzigen Dasein verbannt zu sein scheint. Leben wird erst nach der Flucht für sie beginnen – glaubt sie.

Und doch spürt sie Irritationen, etwa wenn ihr Geliebter verspricht, im Westen müsse sie nicht mehr arbeiten. Sein Geld reiche für beide. Auch jenseits der Staatsgrenze soll sie also bevormundet werden, sie, die Freiheit als Autarkie versteht. Eindrucksvoll, wie Nina Hoss dieser vom Widerstand aufgeriebenen Frau ein ernst-verschlossenes Gesicht gibt, das durch pausenlose Anspannung ins Mürrische spielt. Für sie, die schon lange keinem mehr trauen kann, ist alles Bedrohung, selbst der einfühlsam-sympathische Andre. Gleichwohl ist sie von seiner unaufdringlichen Achtung ihr gegenüber berührt.

Umzingelt

„Barbara“, ganz dem Realismus verpflichtet, ist kunstvoll unspektakuläres Kino, wobei gerade die filmdramaturgische Ökonomie und -ästhetische Konsequenz den emotionalen Kern der Geschichte freilegen. Die Spannung ergibt sich aus der intensiven Atmosphäre pausenloser Bespitzelung. Freund läßt sich von Feind nicht mehr unterscheiden, Neugier von Schnüffelei, Zuneigung von Belauern. Kein Wunder, dass Barbara diese sich durch Spitzeltum moralisch selbst zersetzende Gesellschaft als Gefängnis empfindet und Gefühle, ihre eigenen wie die ihr entgegengebrachten, zurückdrängt.

Wenn Worte Lügen bedeuten und Taten Verrat bringen können, bleiben nur noch Blicke, um die Wahrheit hinter der Täuschung zu vermitteln. Ihnen verleiht Christian Petzold in seiner präzis klaren Inszenierung eine vitale Unmittelbarkeit. Obwohl Barbara lange nicht zu unterscheiden vermag, ob ihr Andre ein Vertrauter werden kann oder doch nur ein Stasi-Informant ist, entwickelt die sacht-zärtliche Art, wie er sie ansieht, längst eine eigene Sprache. Und Ronald Zehrfeld, dessen bullige Statur von sublimer Sanftheit transzendiert wird, spricht sie voll Feinsinn. Bei ihm wird ein schlichtes „Ich freue mich so, dass du da bist“ zur ergreifenden Liebeserklärung.

Befreit?

Fern von revisionistischem Nostalgieflair gewinnt „Barbara“ seinen dramatischen Druck aus der Kollision zwischen politisch-ideologischer Beengtheit und persönlichem Freiheitsdrang. Die sich daraus ergebenden Konflikte äußern sich nicht in Aktion, sondern ballen sich zu implosionsgefährdeter Spannung zusammen, akzentuiert von kluger Raumpoetik. Hier Barbaras kleine, schäbige, bedrückende Wohnung, Teil einer zwar farbigen, dennoch trostlosen DDR-Architektur, dort die sommerliche, winddurchwehte, lebendig rauschende Natur. Wenn Barbara sie mit dem Fahrrad durchstreift, löst sich die erstarrte, nur von diegetischer Musik begleitete Beklemmung innerhalb der Gebäude auf, macht Platz für eine evokative Geräuschkulisse. Freiheit und Individualität haben offensichtlich auch akustische Qualitäten.

Indem es in „Barbara“ weniger um Systemkritik, denn um Systempräsentation geht, verschiebt sich der Fokus vom Diskursiven zum Menschlichen. Es entsteht eine Studie über den Verlust von Vertrauen und die Möglichkeiten, dieses höchst fragile Gut zurückzugewinnen. Dafür braucht es, wie die finale Szene andeutet, vielleicht nicht einmal mehr Worte.

Barbara

Regie: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock
Kinostart: 8. März 2012

Im Verleih von PIFFL MEDIEN

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

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