Bahn frei auf italienische Art

Tim Parks erlebt „Italien in vollen Zügen“ und blickt aus dem Bahnwaggon in das Herz der Nation.

Von Nathalie Mispagel

 

 

Italien ist nicht nur ein Land. Italien ist Lebensgefühl und Lebensart zugleich. Diesen spürt Tim Parks seit 1981 nach, als er seine Heimat Good Old England verließ, um sich in Bella Italia niederzulassen. Seither hat er eine Universitätskarriere in Mailand als Professor für literarisches Übersetzen gemacht und zahlreiche Romane sowie Sachbücher verfasst. Viele davon stehen im Kontext von Italien. Dieses Land, das er seine ’Adoptivheimat’ nennt, interessiert, berührt, bewegt ihn.

Letzteres hat er für sein aktuelles Werk mit dem Originaltitel „Italian Ways: On and Off the Rails from Milan to Palermo“ wörtlich genommen. Freilich strebt er keine klassische Reisereportage an: „Es ist kein Buch über Italien vom Zugfenster aus betrachtet (…). Kein Reisebericht. Und auch kein Buch über Züge als solche. (…) Nun, ich bin der Meinung, dass eine Kultur, ein System (…) sich in allem manifestiert, was die Menschen aus diesem Kulturkreis tun.“ Tim Parks schreibt also über das Bahnfahren in Italien, um nationalen Charakter und gesellschaftliche Normen zu durchleuchten, denn: „(…) das Geheimnis liegt immer im Detail verborgen, und darin, wie ein Detail mit einem anderen verknüpft ist.“

Tatsächlich lässt bereits der Erwerb einer Zugfahrkarte tiefe Einblicke in die italienische Mentalität zu. Ein furbo (Schlitzohr) etwa, der sich an der Menschenschlange am Ticketschalter vorbeimogelt, zieht nicht notgedrungen den Zorn der Wartenden auf sich: „Es lohnt sich in diesem Land immer, es zu versuchen.“ In einer Kultur der uneindeutigen Regeln gibt es zwar Gesetz und Recht, doch sie müssen erkämpft werden. Im gleichen Maße entsteht ein Gefühl von ungerechter Behandlung sowie Misstrauen gegenüber dem Staat, zumal die Gesetzlosigkeit der herrschenden Klasse allgemein bekannt ist. Kein Wunder auch, dass gerade sie wiederum als Ausrede für kleinere Verfehlungen dient. Und irgendwo dazwischen hat es sich eben der furbo bequem gemacht. Der Trickster als Rebell! – oder so ähnlich, denn eindeutig ist in Italien offenbar wenig.

Selbst die jahrzehntelange routinemäßige Pendelei zwischen seinem Wohnort Verona und seinem Arbeitsplatz in Mailand mit dem ’Zug der lebenden Toten’ hält für Tim Parks immer wieder Überraschungen bereit: „Ich fing an zu glauben, dass jemand, der Italien verstehen möchte, damit anfangen könnte, das Fahrkartensystem der Bahn zu verstehen oder die Ansagen auf den Bahnsteigen in Venezia Santa Lucia und Roma Termini, die seltsame Betonung bestimmter Namen und die vollkommen unlogische Reihenfolge, in der die Informationen gegeben werden.“ Ohne italienischem Hang zum Dramatisieren, dafür aber mit britischer Distinguiertheit, geht der Autor solchen und ähnlichen Phänomenen nach, bezieht die Nationalgeschichte samt Garibaldi, Mussolini, Berlusconi mit ein, diskutiert soziale Strukturen, macht sich Gedanken über die vielen Immigranten heutzutage oder erläutert politische Veränderungen. Dazwischen beobachtet bzw. charakterisiert er seine vielgestaltigen Mitreisenden und schaut buchstäblich immer wieder aus dem Fenster des Zugabteils, um den Leser an den landschaftlichen wie architektonischen Feinheiten Italiens teilhaben zu lassen. Als er schließlich eine Tour in den Süden bis nach Sizilien antritt, zeigt er sich zudem vom kunsthistorischen Erbe überwältigt. 

Solche Verschiebungen motivischer Schwerpunkte und leichte Stilmodifikationen, etwa die im letzten Buchdrittel vermehrt eingestreuten Zitate anderer (Reise-)Autoren oder der Hang zum Philosophischen wie Meditativen, rühren daher, dass sich Tim Parks seit den 1990er Jahren mit dem Thema ’Eisenbahn/Italien’ beschäftigt, Notizen macht und schon 2005 einen Zeitschriftenartikel darüber verfasste. Zweifellos ist er ein Kenner der Szene, fuhr mit Interregionale (später Regionale Veloce), Eurostar, Intercity, selbst dem modernen Frecce durchs Land und sammelte unzählige Einzeleindrücke. Dass solche Momentaufnahmen vom Alltag, die keine illustrierenden Photos brauchen, in Erkenntnisse über die gesellschaftliche Mentalität eines Staates überführt werden können, ist spannend. Dass sie aber bei einem Land wie Italien der Beschäftigung mit dem bzw. der Reflexion über das Transportwesen auf Schienen entspringen, überrascht. 

Zugfahren ist zumindest in Europa mittlerweile bar jeglicher Exotik – freilich nicht des Humors, wie Steffen Möllers „Expedition zu den Polen: Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express“ beweist! – und vielleicht auf dem asiatischen oder südamerikanischen Kontinent noch als Abenteuer denkbar. Tim Parks jedoch wendet sich bewusst jenem scheinbar Gewöhnlichen, Banalen zu, um dort das Besondere zu entdecken: das in Zeiten von EU-Hype gerne ignorierte Individuelle eines Nationalcharakters. Diesen gibt es nämlich wirklich, und er ist auch auf abstrakt-politischer Ebene keineswegs vernachlässigbar. Allein die italienische Wettbewerbsfeindlichkeit als „Teil eines eingefleischten Ethos“ oder die Tatsache, dass kein Gesetz absolut wasserdicht ist und genauso wenig konsequent durchgesetzt wird, mag nachdenklich stimmen.

Keine Frage, die ’kleinen Unterschiede’ sind verflixt groß. Aber in ihrer verwirrenden Buntheit, die manchmal nervt und meistens zum Lächeln bringt, auch faszinierend. Daran lässt Tim Parks keinen Zweifel in seinem unterhaltsam-klugen Buch, das leichtfüßig die analytische Schärfe eines Essays mit der Detailgenauigkeit eines Reiseführers verbindet und sie in den angenehmen Fluss einer Erlebnisreportage bringt. Eine, die nicht nur authentisch ist, sondern auch Definitives zu sagen hat. Beispielsweise über einen Schlüsselaspekt italienischer Denkweise: „(…) dass die Italiener als Nation bestens mit der Diskrepanz zwischen Realität und Ideal zurechtkommen. Die Menschen hier stehen über dem, was wir Heuchelei nennen. Sie nehmen den Gegensatz zwischen Rhetorik und Verhalten schlicht nicht wahr. Das ist eine beneidenswerte Geisteshaltung.“ Ist hier der Autor gar dem Geheimnis des Dolce Vita auf die Spur gekommen? Ist ein Hang zur Paradoxie der Weg zum Glück? Dergleichen ließe sich sicherlich gut während einer Zugfahrt diskutieren. Buon Viaggio!

Tim Parks: Italien in vollen Zügen

19,95 Euro. Verlag Antje Kunstmann

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