Ausgeblutet: Mönchengladbach vor einem Scherbenhaufen

Mönchengladbach – eine Geisterstadt. Die Menschen leiden still hinter grauen Fassaden. Wir schreiben das Jahr 2015, nur drei Jahre nach einem der größten Erfolge des wichtigsten Aushängeschildes der Stadt, des tragisch erloschenen Fußballvereines Borussia Mönchengladbach. Die Menschen, die noch in Mönchengladbach leben, ein paar Tausend vielleicht, haben jeden Lebensmut verloren. Auf den Straßen erinnern einzig die Haufen an Scherben hochprozentiger Alkoholika daran, dass hier irgendwo noch Menschen hausen müssen.

Auf diesem PC schrieben noch vor drei Jahren fachkundige Journalisten in Mönchengladbach ihre Reportagen über die Borussia
Bild: Tim Toppik/photocase.com

Wir erinnern uns: Im Sommer 2012 vollbrachte die Borussia ein wahres Wunder, qualifizierte sich für die Champions-League und holte in Berlin den DFB-Pokal, den ersten Titel seit fast zwei Jahrzehnten. In der Rückrunde der Saison 2011/2012 aber hatte der Aderlass des sympathischen Vereins begonnen.

Erst kündigte der hochveranlagte Stürmer Marco Reus seinen Abgang an, dann demissionierte der etwas weniger talentierte Mittelfeldspieler Neustädter. Und auch der brasilianische Abwehrchef Dante glaubte damals noch, er würde bei Bayern München glücklicher werden – ein fataler Trugschluss, wie die letzten Jahre zeigten. Als dann auch noch Torwarttrainer Uwe Kamps wegen Rückenbeschwerden um vorzeitige Vertragsauflösung bat („Nicht mal im Bett bin ich mehr geschmeidig!“) eskalierte die Situation: Cheftrainer Lucien Fave beschloss, dem Fußball ganz den Rücken zu kehren und lebt seitdem als Eremit unauffindbar irgendwo in den Schweizer Alpen.

Kapitän Filip Daems sah daraufhin den richtigen Zeitpunkt für das Karrierende gekommen: „Ich habe jetzt 49 Elfmeter in Serie verwandelt! Ich will mir diesen Rekord nicht kaputtmachen.“ Nacheinander gingen auch andere Spieler weg und am Ende gab auch Manager Max Eberl auf: „Ich habe nur noch von Spieler zu Spieler gedacht: Wer geht als nächster? Irgendwann musste ich den Bock umstossen und mich fragen, wo wir eigentlich herkommen. Von ziemlich weit unten nämlich – ich wollte da nicht mehr hin zurück“.

Am Ende formte Interims-Sportdirektor Hans Meyer für die Saison 2012/2013 zwar noch eine Mannschaft, für die er teilweise sogar den Präsidiumskollegen Rainer Bonhof als Libero reaktivieren musste („Junger Mann, habe ich zu dem Rainer gesagt, gehen Sie davon aus, dass Sie das Fußballspielen nicht verlernt haben! Und ich muss sagen, er hat dass in einer unglaublichen Art und Weise hinbekommen. Er war sogar noch mit 60 schneller als die Spieler Nielsen oder Stassin zu ihren besten Zeiten!“). Die Mannschaft war in der Champions-League natürlich völlig chancenlos, einzig das Tor von Rückkehrer Vaclav Sverkos („Ich musste zurück, als ich sah, wie es bei meiner Borussia den Bach runterging“) beim 1:9 in London bei Arsenal sorgte für einen raren Moment der Freude.

Nach dem Abstieg aus der ersten Liga, in welcher der Verein teilweise nur mit acht Spielern (und davon einigen D-Jugendlichen auflief) und dabei trotzdem zwei Spiele gegen den 1. FC Köln gewann, meldete der neue Präsident Stefan Effenberg die nicht konkurrenzfähige Mannschaft gleich in der Regionalliga an, anstatt in der zweiten Liga aufzulaufen: „Mit einem Sender, der die letzte Doku über mich gedreht hat, habe ich ein tolles Konzept entwickelt, wie wir wieder auf die Beine kommen. Ich will nicht zu viel verraten, aber der Titel ist „Hacheney reloaded!“ mit Horst Köppel als Trainer! Wir wollen da so Autotuning-Elemente mit reinnehmen und auch auf jeden Fall was mit Tattoos, damit ich da meine Sponsoren D&W, Ed Hardy und Müller-Bäckerei Straßlach abkassieren kann. Ich selbst sehe mich in der Serie als Hauptperson, so als Art Dieter Bohlen, der die Spieler bei Bedarf auch mal zur Sau macht“.

Nur zwei Monate später war Effenberg wieder weg, die Sendung nach der ersten Folge eingestellt und der Verein am Ende. Der Exodus der Stadt Mönchengladbach hatte da längst schon eingesetzt. Durch den Wegzug der reichen Fußballer brach erst der Immobilienmarkt ein, dann zogen die qualifizierten, gutausgebildeten jungen Leute aus der Stadt und am Ende machten auch die Unternehmen dicht.

Mönchengladbach, die einst stolze Stadt am Ende – nur weil ein paar Fußballer drei Jahre vorher irgendwo anders ein paar Kröten mehr verdienen wollten. Hätte man damals doch nur auf die besorgten Mahner von express oder BILD gehört, die weitsichtig den Untergang des Vereines und einer ganzen Region kommen sahen … Wer weiß, vielleicht hätte man den Niedergang stoppen können?!

Lesen Sie irgendwann in den nächsten Tagen auf academicworld.net, wie es mit Borussia Mönchengladbach wirklich weitergehen könnte.

Von Eduard Eschle, Fußball-Experte für academicworld.net

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