Aus dem Leben eines Butlers

Stevens ist seit ewigen Zeiten Butler in Darlington Hall. Doch die glanzvollen Jahre sind vorbei. Mr. Farrady, der neue Besitzer, pendelt ständig zwischen Amerika und England. Daher bietet sich Stevens eine Chance, die er seit Jahren nicht hatte – er kann Urlaub machen. Sogar das Auto seines Dienstherren darf er nutzen. Stevens beschließt, nach Cornwall zu fahren. Dort lebt Miss Kenton, die frühere Haushälterin von Darlington Hall. Sie ist unglücklich in ihrer Ehe und vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, sie für Darlington Hall zurück zu gewinnen. Stevens macht sich auf die Reise und lässt dabei sein früheres Leben Revue passieren.

Aus dem Leben eines Butlers

„Was vom Tage übrigblieb“ ist ein Weltklassiker aus der Feder von Kazuo Ishiguro, der nicht nur verfilmt wurde, sondern auch 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Man kann es kaum einem Genre zuordnen, da es ein sehr vielschichtiger Roman ist.

Ein Bild von einem Butler

Ishiguro ist es gelungen, ein lebendiges Bild eines englischen Butlers, so wie man ihn sich oftmals vorstellt, zu entwerfen. Stevens ist konservativ, pflichtbewusst, und loyal seinem Arbeitgeber gegenüber. Persönliche Gefühle und Belange müssen dem hinten an stehen. Er strebt danach, seinen  seine Position stets mit der angemessenen Würde auszufüllen. Dies gelingt ihm tadellos, zu Lasten seiner wahren Befindlichkeiten. So steht es für ihn im Vordergrund, seine Arbeit bei einer wichtigen Konferenz in Darlington Hall zu aller Zufriedenheit zu erfüllen, während sein Vater ein paar Stockwerke höher im Sterben liegt.

Auch Miss Kenton lässt er nicht an sich heran, obwohl man als Leser meint herauszulesen, dass er doch ein bisschen in sie verliebt ist. Stevens würde das aber vor sich selbst (geschweige denn vor anderen) nie zugeben. Sehr zum Missfallen der Haushälterin, die ähnlich fühlt und ihn mehrmals aus der Reserve zu locken versucht.

Ein Stück Zeitgeschichte

Neben der herausragenden Charakterisierung seiner Protagonisten, lässt der Autor den Leser aber auch an einem Stück Zeitgeschichte teilhaben. Der Roman spielt in den 30iger Jahren (Rückblick) und in den 50igern. Lord Darlington war ein Anhänger der Appeasement-Politik, die sich gegen die harten Auflagen des Versailler Vertrages nach Beendigung des 1. Weltkriegs Deutschland gegenüber, einsetzte. Dadurch wird, wenn auch indirekt, der Aufstieg der Nazis in Deutschland aufgezeigt. Viele englische Adlige und damit Teile der damaligen britischen Regierung zeigten Verständnis für den aufkommenden Nationalsozialismus. Treffen mit Vertretern aus aller Welt lässt der Autor in Darlington Hall stattfinden, und durch die Berichte Stevens, der eigentlich nur seinen Arbeitsalltag beschreibt, wird der Leser darüber in Kenntnis gesetzt. Dabei wird auch klar, das der Butler in politischen Fragen seinem Dienstherren bedingungslos folgt. Eine eigene Meinung hat er nicht (oder will sie nicht haben). Als er auf der Reise nach Cornwall, damit konfrontiert wird, dass auch der normale Bürger ein Mitspracherecht bei wichtigen politischen Entscheidungen haben möchte, ist er irritiert, da er die Regierung niemals in Frage stellte.

Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz. Manchmal ist er offensichtlich. Etwas wenn Stevens von Lord Darlington damit beauftragt wird, seinen Patensohn aufzuklären. Stevens versucht es mit Metaphern aus der Natur, die der Patensohn aber nicht als Metaphern auffasst. So entspannt sich ein  (mehrmals unterbrochenes Gespräch), in dem beide aneinander vorbei reden. Ob es Stevens aber gelingt, dem jungen Mann die „Herrlichkeit der Natur“ doch noch näher zu bringen, bleibt aber offen. An anderer Stelle ist es eher der trockene englische Humor, der meist erst auf den 2. Blick sichtbar wird.

Diese ganzen Dinge machen das Buch schon zu einen überaus lesenswerten Roman, aber es trägt auch eine universelle Botschaft: „Carpe Diem – Nutze den Tag“. Stevens ertappt sich bei den Rückblicken immer öfter dabei, die Dinge anders zu bewerten als in der jeweiligen Situation. Er gibt es zwar nicht zu, aber ich glaube, er wünscht sich, in der einen oder andern Situation anders gehandelt zu haben. Im Glauben darauf, dass er das aber auch noch später machen kann, unterließ er es oder war zu pflichtversessen. Am Schluss bleibt ihm nur, das beste aus dem zu machen „was vom Tage übrigblieb.“

Ines Kubatzki (academicworld.net-Userin)

Kazuo Ishiguro. Was vom Tage übrigblieb
9,99 Euro. btb
 

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