August. Ein bürgerliches Puppentrauerspiel.

Ein Leben im „Dazwischen“ führte August von Goethe, von der unehelichen Geburt bis zum Tod in der Ferne. Anne Weber findet eine ganz eigene Darstellungsform für sein tragisches Schicksal.

Rezension zu: Anne Weber "August. Ein Puppentrauerspiel"

Manchmal fällt der Apfel eben weiter vom Stamm als man denkt

Anne Weber ist eine Grenzgängerin. Geboren in Deutschland, seit ihrem 18. Lebensjahr in Frankreich lebend, schreibt sie sowohl in der Muttersprache Deutsch, als auch in Französisch – und sie übersetzt sich selbst in die jeweils andere Sprache, pendelt zwischen den Sprachen, wie auch zwischen Schreiben und Übersetzen. Kein Wunder also, dass sie zum Mittelpunkt und Titelhelden ihres neuen Buches ebenfalls einen Grenzgänger wählt und dessen Geschichte dann auch noch stilistisch zweigespalten präsentiert.

Der lange Schatten der Eltern

Wenn man so überlebensgroße Elternfiguren hat wie August von Goethe, dann fällt der Schritt in ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben schwer. Hineingeboren in eine Zeit voller Standesdünkel, geprägt von althergebrachten Moralvorstellungen findet der unehelich geborene Sohn eines berühmten Vaters und einer nicht standesgemäßen Mutter nur schwer einen eigenen Platz im Leben.

Johann Wolfgang von Goethe setzt hohe Erwartungen in seinen einzigen Sohn August, bleibt aber weitestgehend blind für dessen Sorgen und Nöte. Stets sieht er nur die eigenen Projektionen in den Filius, nicht aber dessen eigenes, wahres Ich. Von der Gesellschaft wie die Mutter stets misstrauisch beäugt wächst er zu einem unselbstständigen jungen Mann heran, der nichts rechtes mit sich anzufangen weiß. So heiratet er eine Frau, die ihn nicht will – sie verehrt zwar den Vater, verachtet aber den Sohn – und laufend betrügt und lässt sich vom Vater für die unangenehmen Seiten der eigenen Arbeit einspannend. So kann man kaum ein langes, erfülltes Leben führen…

Kopftheater

Anne Weber schildert die tragische Existenz des August von Goethe, passend zur Thematik, in einer künstlerisch vielfältigen Art und Weise. Wechselnd zwischen Erzähl- und Dialogphasen, zwischen Prosa und Lyrik lässt sie die Protagonisten quasi von den Toten auferstehen und marionettengleich den eigenen Lebensweg erneut beschreiten. Dem Chor der griechischen Dramen setzt sie einen Chor der Weimarer Nachbarschaft entgegen. Den, der den großen Schatten auf Augusts Leben wirft – Vater Johann Wolfgang – spart sie aus, lediglich indirekt bevölkert er die Szenerie.

Im ungewissen Raum des „Dazwischen“ beschwört die Autorin ein beeindruckendes Porträt des ewigen Sohnes August hervor. Durch die Zerrissenheit der Erzählform gelingt es ihr den Zwiespalt zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung, der sein Leben prägte, einzufangen.

 

144 Seiten

Fischer (10. März 2011)

16,95 Euro

 

 

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