Aufstand der Doktoranden

Die Affäre um die Doktorarbeit des nunmehr ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg hat hohe Wellen geschlagen. Wir haben dazu mit Frederik Trettin, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz und einer der Initiatoren des offenen Briefes an Dr. Angela Merkel, gesprochen.

Foto: Kai Mörk Lizenz: CC BY 3.0

Sie haben ja mit Ihrem offenen Brief an Dr. Angela Merkel im Internet ganz schön Staub aufgewirbelt. Wie kam es dazu?
Für uns geht es nicht so sehr um die Person Guttenberg an sich. Dass ein Minister zurücktritt, wenn er lügt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Unser Hauptanliegen, und auch der Grund warum viele so erzürnt sind, ist der Umgang der Bundeskanzlerin mit der Affäre. Sie hat das Ganze als Lappalie abgetan, die Wissenschaftler massiv verhöhnt und nicht ernst genommen, obwohl es ja um einen der Grundpfeiler des wissenschaftlichen Arbeitens geht.
Anlass für uns war auch, dass sich die Vertreter der Wissenschaftsorganisationen, die Großen der Wissenschaft nicht geäußert haben – die meisten bis jetzt nicht. Da mussten das dann eben die Kleinen in die Hand nehmen.

Warum haben Sie und Ihre Mitinitiatoren die Form der Online-Liste gewählt?
Das hat sich so entwickelt. Wir haben den Brief nachts bei Facebook online gestellt und waren vom Erfolg am nächsten Morgen selbst überrascht. Grundsätzlich war es für uns naheliegend den Brief erst einmal über das Internet an ein paar Freunde zu schicken – dann hat sich die Geschichte irgendwie verselbständigt. Ein Faktor für den Erfolg ist sicher, dass jeder innerhalb von fünf Sekunden teilnehmen kann.

Haben Sie mit so einem Echo in der gesamten Bevölkerung gerechnet?

Die Hauptzielgruppe waren am Anfang natürlich Doktoranden – wie wir selbst. Schnell haben wir aber gemerkt, dass unser Anliegen weitere Unterstützung findet, etwa bei Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern, aber auch bei anderen Bürgern, die dann auch Rentner oder Bäckermeister hinter ihrem Namen vermerken. Das hat uns durchaus überrascht, denn eigentlich betrifft unser Anliegen ja in erster Linie die Wissenschaft.

Wie hat die Initiative sich organisiert?
Wir sind bis heute eine sehr kleine Gruppe von sieben Leuten. Der Großteil sitzt in Berlin, ich selbst in München und Konstanz. Fachlich sind wir bunt gemischt, schließlich wird die Empörung über alle Fachbereiche hinweg geteilt. Durch das Netz ist eine dezentrale Organisation natürlich beträchtlich einfacher.

Welche Konsequenzen hat das Ganze für den Wissenschaftsstandort Deutschland?
Die Konsequenzen sind durchaus gravierend. Wir bekommen weltweite Rückmeldungen, etwa von einem Professor aus Neuseeland, der selbst schon auf die Geschichte angesprochen wurde und meinte: „Toll, dass ihr diese Aktion macht.“ Für die Außendarstellung des Wissenschaftsstandorts Deutschland ist es katastrophal und steht in krassem Gegensatz zu der von Frau Merkel ausgerufenen Bildungsrepublik.
Das Problem ist einfach, dass ein Großteil der Bevölkerung die Bedeutung für den Wissenschaftsbetrieb nicht wirklich nachvollziehen kann. Genau an dieser Stelle wären eigentlich die Wissenschaftsorganisationen und die Großen des Wissenschaftsbetriebes gefragt.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Hochschule und des Doktorvaters, auch im Hinblick auf die Zukunft?
Ich glaube gerne, dass niemand peinlicher betroffen ist als der Doktorvater von Herrn zu Guttenberg selbst, dessen Vertrauen hier anscheinend nicht angebracht war. Wir hatten uns einfach mehr Professoren gewünscht, die in der Öffentlichkeit Stellung beziehen. Grundsätzlich muss wohl jede Hochschule mit sich selbst ausmachen, wie sie in Zukunft vorgehen will. Ob die bestehende Vorgehensweise, die einfach ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Promovierendem und Doktorvater als Grundlage hat, noch ein Modell für die Zukunft ist, muss sich zeigen. In anderen Ländern gibt es ganze Kommissionen oder zumindest mehrere Professoren, die die Dissertationen unabhängig voneinander bewerten.

Was meinen Sie zum Zeitpunkt des Rücktritts?
Eindeutig zu spät. Da wurden ganz klar die Tatsachen verkannt und die Lage unterschätzt.

Denken Sie, dass sich Frau Dr. Merkel noch zu Ihrem Brief äußern wird?
Wir erwarten das zumindest. Ansonsten macht sie sich vollkommen unglaubwürdig. Wenn man schon die Bildungsrepublik ausruft, dann sollte man so etwas nicht derartig bagatellisieren.

Was glauben Sie, warum die Bundeskanzlerin zwischen „Mensch“ beziehungsweise „Minister“ und „Wissenschaftler“ so deutlich unterscheidet?
Angesichts der zahlreichen anstehenden Landtagswahlen braucht man da nur eins und eins zusammenzuzählen. Zu Guttenberg war sicher eine der schillerndsten Figuren im Kabinett, der Trumpf für die nächsten Wahlen. So jemanden will man natürlich im Kabinett behalten, schließlich sind die meisten anderen doch eher farblose Gestalten. Aber die Doppelstrategie Person und Amt zu trennen, ist gescheitert, denn die Person bleibt ja dieselbe – auch im Amt. Da hat sie sich eiskalt verrechnet.


Foto: Privat

Frederik Trettin studierte Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz und arbeitete für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Brüssel. Anschließend erwarb er einen Master of Public Affairs and Politics an der Edward J. Bloustein School of Planning and Public Policy der Rutgers University und war Gaststudent an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs der Princeton University. Nach einem Aufenthalt als Gastwissenschaftler am Liechtenstein Institute on Self-Determination an der Princeton University im Sommer 2009, bearbeitet er nun an der Universität Konstanz.


Stand April 2011

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