Auf zu neuen Ufern

„To boldly go where no man has gone before” – Seit Jahrzehnten kurvt das Raumschiff USS Enterprise durch die (Fernseh-)Galaxis und macht dabei gelegentlich Halt im Kino. Jetzt landet es dort zum zwölften Mal auch auf der heimischen Mattscheibe. Ab 12. September.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

Auf zu neuen Ufern
Immer wichtig: Es gibt die Guten … © Paramount Pictures Germany

Sternen-Happening

Zwei Männer in grauen Kutten rennen durch einen roten Wald, verfolgt von weiß bemalten Wilden. Derweil versucht sich ein weiterer Mann als ’Vulkan-Flüsterer’. Zuletzt taucht aus Meeresfluten ein gewaltiges Raumschiff auf, was die Eingeborenen dazu veranlasst, sich von alten Stammesriten ab- und den neuen Technik-Göttern zuzuwenden.

Wer angesichts einer solch kruden Eröffnungssequenz nur milde grinst, kann kein Trekkie sein. Denn die werden in den ersten Filmminuten viele Elemente des 1966 von Gene Roddenberry geschaffenen Star-Trek-Universums wiederentdecken: High-End-Technologie, Culture-Clash, Human Attitude, Psychedelik-Touch, extraterrestrische Action und… na ja, lausiger Modestil sowie ein bißchen Trash. Damit man letzteres nur vage zur Kenntnis nimmt, ist das Ganze extrem rasant inszeniert, gefilmt und geschnitten sowie mit einem aufdringlichen Score von Michael Giacchino unterlegt. Die Zeichen stehen überdeutlich auf Mega-Blockbuster.

Sternen-Krieg

’Star Trek’ ist Kult. Zudem einer, der sich trotz des immer penetranter werdenden medialen Überangebotes bald 50 Jahre hält. Gleichwohl ist in dieser langen Zeit nicht jeder zum Kenner bzw. Fan geworden, bekam aber 2009 eine neue Chance. Damals klinkte sich Hollywoods Darling J.J. Abrams ins milliardenschwere Franchise ein und erzählte in dem schlicht „Star Trek“ betitelten Reboot die Vorgeschichte der Enterprise-Helden. Auch No- oder gar Never-Trekkies wurden so an Bord gehoben, zumal der Film einfach als gut gemachtes Science-Fiction-Entertainment funktionierte.

Für „Star Trek Into Darkness“, gewissermaßen das Sequel des Prequels als Relaunch (!), sind demnach die Figuren schon etabliert. Jetzt kommt es vermehrt auf die Story an. Die ist, typisch für überproduzierte Event-Movies, ebenso simpel wie umständlich. Nach einer beinahe mißglückten Forschungsexpedition verliert Captain Kirk (All-American Boy: Chris Pine) das Kommando über sein Raumschiff. Für Kummer bleibt kaum Muße, weil die Sternenflotte durch Anschläge des Terroristen John Harrison (ein interstellares Ereignis: Benedict Cumberbatch) bedroht wird. Kirk kann den Renegaten auf Kronos fangen, muß jedoch erkennen, daß hinter dessen Taten eine finstere, bis in hohe militärische Ränge reichende Verschwörung steckt. Zusammen mit Mr. Spock (würdig: Zachary Quinto), Uhura (großäugig: Zoë Saldaña) sowie dem Rest seiner loyalen, opferbereiten Crew wirft sich Kirk fortan ins Vergnügen einer Weltenrettung. 

Auf zu neuen Ufern
… und die guten Schauspieler … äh nein, die Bösen natürlich.

Sternen-Standort

Der Spaß beim Zuschauer ist während des ersten Filmdrittels allerdings begrenzt. Selbst unter Berücksichtigung eines wichtigen Kultfaktors, nämlich der Wiederholung des ikonographisch Vertrauten und Beliebten, fehlt es dem Drehbuch an kreativem Glanz. Langatmig müht es sich an ohnehin vorhersehbaren Konflikten ab, sucht statt in der Vertiefung sein Heil in Oberflächlichkeit sowie Spektakel und potenziert damit die Schwächen von Regisseur J.J. Abrams. Dessen wuchtiger Stil ist zwar imposant, außerhalb von Actionszenen jedoch teils zäh, was nur unzureichend mit flapsigen Witzchen, bissigen Wort-Scharmützeln und etwas Gefühligkeit aufgelockert wird. Zurück bleiben dramaturgische Leerstellen. Die werden übrigens gerne mal mit dem eifrigen Herumdrücken auf Touchscreens überbrückt. Davon gibt es auf der USS Enterprise bekanntlich Unmengen.

Tatsächlich liegt eine große Faszination in dem phänomenalen Production-Design von Scott Chambliss. Die perfekt auf Künstlichkeit getrimmten, innen wie außen blinkenden Raumschiffe sind Ausdruck einer rational durchstrukturierten Zivilisation im 23. Jahrhundert. Zumindest auf der friedfertigen Erde ist alles klar, sauber, hochtechnisiert. In Städten wie London oder San Francisco fügen sich architektonische Relikte virtuos ins futuristische Gesamtbild. Im All hingegen lauert die Herausforderung in Form von unkultiviertem Extremismus und ethischer Rohheit, die sich auch optisch niederschlägt. Kronos etwa, Heimatplanet der aggressiven Klingonen, erscheint als elaborierter Schrottplatz.

Sternen-Rausch

Raum meint in ’Star Trek’ immer auch Weltraum, denn: „Space – The final frontier“. Dem wird Daniel Mindel mit seiner extrem beweglichen Kamera gerecht. Daß sich im Kosmos die Wahrnehmung von Formen verschiebt, akzentuiert er wie nebenbei mit verkanteten Einstellungen. Daß zudem die Dimensionen ins Unendliche entrücken, nimmt er zum Anlass für artistisches Lichtdesign. Leuchtende Unschärfen im Hintergrund drängen auf Weite, Lens Flares verfremden den Raum und entziehen ihn der physischen Faßbarkeit. Da hätte es der guten, wenn auch keine narrativen Akzente setzenden 3D-Technik kaum bedurft.

Sie dient allein der Betonung von zahlreichen, krachenden Actionszenen. Atemlos, rastlos, bedenkenlos wird durchs Weltall gehetzt, gekämpft, geprügelt. Ohne Rücksicht auf Material, Moral, Männer. Soweit also nichts Neues. Gleichwohl beeindruckt diese hochmodern-brachiale SFX-/VFX-/CGI-Show, ist sie doch erstklassig präsentiert und die große Kinoleinwand für solche überwältigenden Exzesse einfach gemacht. Identitätsstiftend sind sie allerdings selten. Würde das Sci-Fi-Abenteuer nicht indirekt vom ’Star Trek’-Mythos zehren, wäre es nur ein bunt-belangloses Gepolter unter vielen. Wenn auch ein besonders spannendes und unterhaltsames.

Sternen-Helden

Freilich hat sich ’Star Trek’ noch nie über Technik-Orgien definiert. Umso angemessener, daß auch die aktuelle Verfilmung eine wahre Sensation zu bieten hat. Mit hochkontrollierter Mimik und (All-)umfassendem Charisma sprengt Benedict Cumberbatch seine eigentlich limitierte Bad-Boy-Rolle, um die Flamme britischer Theater-Schauspielkunst ins popkulturelle ’Star Trek’-Universum zu tragen. Allein seine Stimme besitzt machtvolle Substanz; dunkel, sonor, ausdrucksstark gebietet sie selbst über Worthülsen und stellt jeden Soundeffekt in den Schatten. Einst war sein John Harrison ein Sternflotten-Offizier, jetzt ist er der genial-gefährliche, genetisch manipulierte Super-Verbrecher, irgendwann einmal wird er in der ’Star Trek’-Historie als wohlbekannter Erzfeind wiederauftauchen. Manche Schurken haben halt eine zweite Chance verdient.

Neben Cumberbatchs durchdringender Performance vertraut „Star Trek Into Darkness“ auf das populäre Stammpersonal, bewährt gespielt und einem Buddy-Movie ähnlich in Szene gesetzt. Wie liebevoll der Film mit seinen Nebendarstellern umgeht, offenbart das allererste Close-up. Es gehört nämlich weder Kirk noch Spock, sondern Karl Urban alias Dr. ’Pille’ McCoy. Ehre, wem Ehre gebührt. Was wäre ’Star Trek’ auch ohne ihn und die anderen, ohne Sulu (ernsthaft: John Cho), Chekov (engagiert: Anton Yelchin) oder Scotty (sympathisch kauzig: Simon Pegg)? Sie sind das menschelnde Herzstück einer gigantischen Franchise-Maschinerie mit der Option auf Fortsetzung.

Trekkies wird es freuen. Zusammen mit Scotty dürfen sie ein übermütiges „Holy Shit!“ murmeln, wobei das verräterische ’Sh…’ ins Zischen einer sich öffnenden Raumschiffluke übergeht. Ein definitiv charmanter Filmschnitt. Es gibt ihn also doch, den intergalaktischen Humor.


AUf zu neuen Ufern

STAR TREK INTO DARKNESS

Regie: J.J. Abrams
Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Benedict Cumberbatch, Zoe Saldana, Alice Eve, Simon Pegg, Karl Urban, John Cho, Anton Yelchin u.a.

Im Vertrieb von Paramount Pictures Germany 

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