Auf der Suche …

Mit „Der Bogenschütze“ eröffnet Bernhard Cornwell seine Trilogie „Die Bücher vom heiligen Gral“. Liebhaber von historischen Romanen dürfen gespannt sein. Sie werden zurückversetzt in die Zeit des Hundertjährigen Krieges.

Schwur am Totenbett

England 1342: Der kleine Küstenort Hookton wird von den Franzosen angegriffen. Sie töten die Dorfbevölkerung, brennen die Häuser nieder und stehlen eine heilige Reliquie: die Lanze des Sankt Georg. Der 18-jährige Thomas bleibt als einer der wenigen Überlebenden zurück. Er verspricht seinem sterbenden Vater, dem Pfarrer, Hookton zu rächen und die Lanze zurückzuerobern. Alles, was Thomas weiß, ist, dass er sich auf die Suche nach seinem Vetter machen muss und nach einem bestimmten Wappen.

Blutiger Kampf

Als Bogenschütze zieht Thomas gegen Frankreich in den Krieg. Von nun an begleitet der Leser ihn durch verschiedene Schlachten und einige Abenteuer, die er abseits des Kriegsgeschehens bestreiten muss. Doch nichts kann ihn aufhalten auf der Suche nach dem Mann, der seinen Vater getötet hat und mit dem er verwandt zu sein scheint. Dabei findet er Freunde, sowohl im eigenen wie auch im feindlichen Lager. Allerdings macht er sich aber auch unter den Engländern Feinde, denen er „zufällig“ an den verschiedensten Orten Frankreichs immer wieder begegnet und sich mit ihnen auseinandersetzen muss.

 

Geschichte wird lebendig

Cornwell gelingt es, die Geschehnisse des Hundertjährigen Krieges für den Leser greifbar zu machen, indem er den Krieg aus Sicht des einfachen Volkes und der Soldaten beschreibt. Blutige Gemetzel, Plündereien, Hunger und Vergewaltigungen sind dabei an der Tagesordnung und werden mal mehr mal weniger ausgeschmückt dargestellt. Bis auf einige wenige Ausnahmen hält Cornwell sich in der Beschreibung von Kriegsschauplätzen, Daten und beteiligten Personen an die historische Überlieferung, wie er auch in seinem Nachwort betont. Dabei wird die Erzählung leider teilweise etwas langatmig, wenn seitenlang Schlachten oder Funktionsweisen der Kanonen beschrieben werden.

Klarer Fokus

Ohnehin stehen die historischen Ereignisse sehr im Mittelpunkt. Zwar ist Thomas der klare Protagonist des Buches, aber die Handlung um ihn und seine zu erledigende Aufgabe rückt in Anbetracht der blutigen Kämpfen oft in den Hintergrund. Das Ende ist dann etwas ernüchternd. Zwar ist Thomas mit sich zufrieden, für den Leser hat die angedeutete Suche um den heiligen Gral aber eigentlich noch gar nicht richtig begonnen. Auch wenn dies der erste Band einer Trilogie ist, hätte ich mir einen klareren Abschluss gewünscht. 

 

Ambivalente Charaktäre

Die Darstellung von Thomas weckte sehr gemischte Gefühle in mir. Auf der einen Seite hat er sehr sympathische Züge: Er zeigt eine sehr gefühlvolle Seite, wenn er einem Mädchen begegnet, das er mag. Er ist klug, teils listig, achtet im Gegenzug zu seinen Kriegsgefährten auf Sauberkeit und sein Äußeres und rettet ein junges Mädchen vor der Vergewaltigung druch einen Landsmann – den er allerdings dafür tötet. Und dies macht die andere Seite aus: Er ist ein Mörder, der, wenn er es für nötig hält, auch vor dem eigenen Volk nicht halt macht, beteiligt sich an Beutezügen und gibt eine ganze Reihe von Versprechen, die er nicht zu erfüllen weiß oder bei denen er sich keine Mühe bei der Erfüllung geben will. Er erlebt einen Schicksalsschlag nach dem anderen, wehrt sich aber kaum dagegen. Thomas lässt sich eine Zeitlang einfach treiben, was ihn sehr ziellos erscheinen lässt, obwohl der Weg, den er gehen sollte, eigentlich klar ist. Ich hätte erwartet, dass sich Thomas im Laufe der Geschichte deutlich weiterentwickelt, was in meinen Augen aber nur in geringem Ausmaß geschehen ist.

Inkonsequente Jeanette

Auch Jeanette erweckt diese ambivalenten Gefühle. Sie ist mal stark und selbstbewusst, dann wird sie wahnsinnig vor Sorge um ihren Sohn, um im nächsten Moment zu ihrem überheblichen Standesgehabe zurückzukehren. Einige andere Personen werden dagegen sehr einseitig dargestellt – entweder nur gut oder durchweg böse.

 

Er geht ins Detail …

Der Schreibstil ist angenehm leicht und flüssig zu lesen, ohne dabei anspruchslos zu sein. Die Beschreibungen sind sehr anschaulich, wobei Cornwell auch vor detaillierten Beschreibungen von Kriegswunden nicht zurückschreckt.

 

Anregungen

Schön wäre eine Karte Frankreichs gewesen, auf der man die Route der Truppen und wichtige Handlungsplätze hätte nachvollziehen können. Ohne Karte fiel mir die räumliche Zuordnung und das Abschätzen von Entfernungen teilweise schwer.

Fazit: Insgesamt ist „Der Bogenschütze“ ein interessanter Auftakt der Trilogie, der bereits einige Andeutungen auf die folgende Handlung gibt und damit auch die Neugier weckt. Wird sich Thomas den kommenden Herausforderungen stellen oder versucht er ihnen lieber weiter auszuweichen? Die historischen Darstellungen überzeugen durch ihre Lebendigkeit und die ungeschönte Darstellung dieser grausamen Zeit. Im Laufe des Buches entwickelte ich vor allem ein Interesse an den Geschichten um die handelnden Personen, welche leider inmitten der großen Schlachten zugunsten von Kriegstechnik und -taktik viel zu oft in den Hintergrund rückten. Cornwell gelingt es aber dennoch neben dem Kriegsgeschehen auch zwischenmenschliche Beziehungen und deren Entwicklung auf gefühlvolle (mal liebevolle, mal hasserfüllte) Weise darzustellen. Allerdings hätte ich noch gerne mehr aus dem persönlichen Leben von Thomas und seinen Freunden erfahren, aber vielleicht bieten die folgenden Bücher eine Gelegenheit dazu.

Anja Zenker (academicworld-User)


Bernard Cornwell. Der Bogenschütze
9,99 Euro. rororo

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