Architekt bis Zombie

„Traumarbeit“

Berufswahl im 21. Jahrhundert eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Das heutige Medienzeitalter verheißt: „Du kannst jederzeit alles werden!“; „Und zwar überall!“, suggeriert die Globalisierung. Gleichwohl entscheiden sich die meisten Menschen immer noch für eher konservative Karrieren. Das mag ebenso am fehlenden Wissen um die vielfältigen Jobangebote liegen wie an mangelnder Inspiration. Diese Lücke schließt Jutta Vahrson jetzt mit ihrem alternativen Ratgeber „Architekt bis Zombie – Das Jobtraumbuch-Filmbuch“.

Als Alien allein im All

Wahrscheinlich haben die wenigsten, die sich bei „Alien“ oder „Der weiße Hai“ gruselten, bemerkt, dass jene Filme subtile Jobbeschreibungen bieten… sofern man jemals Alientöterin, Fremdorganismus bzw. Hai, Haipolizist, gar Haiopfer werden wollte. Jutta Vahrson hingegen hat sich dieses bisher zu Unrecht ignorierten Themas angenommen und 85 international populäre Filme der letzten 25 Jahre dahingehend analysiert, welche Berufsbilder sie präsentieren. Ihr Ergebnis sind 132 extravagante Tätigkeiten, die allen etwas bieten, jedoch definitiv nicht für jedermann geeignet sind. Als Statue („Der Kontrakt des Zeichners“) muss man etwa mit empörend ungünstigen Arbeitszeiten rechnen, sich als Paläoklimatologe („The Day After Tomorrow“) auf letzte bewegende Telefonate während spontan auftretender Eiszeiten vorbereiten und als Pirat („Fluch der Karibik“) eine gewisse Vorliebe für Salzwasser oder Verliese kultivieren. Allen Arbeitsbereichen ist zumindest eines gemeinsam: Bewerber sollten Film-Aficionados sein.

Auch die Autorin ? sie hat das mit viel Engagement konzipierte Buch auch selbst verlegt ? beweist ihre Liebe zum Kino in jedem der konzentriert-kurzweiligen Texte, die nie überfrachtet sind und einen dynamischen Leserhythmus, spontanes Durchblättern oder verträumtes Schmökern erlauben. Jutta Vahrson, die als mittlerweile freie Journalstin selbst auf universelle Studien- sowie reichhaltige Berufserfahrungen zurückblicken kann, schreibt überaus geist- und kenntnisreich, lässt cineastischen Enthusiasmus kunstvoll mit flotter Ironie verschmelzen. Tatsächlich ist es erstaunlich, was Filme an (durchaus charmanter) Absurdität zu bieten haben, allein in der Darstellung diverser Broterwerbe.

Zwischen zitternden Zombies

Das Buch besetzt in origineller Weise eine Nische, eignet sich sowohl für bisher unentschlossene Stellungssuchende als auch unzufriedene Bürohocker mit singulärer Begabung wie der Fähigkeit als Auserwählter („Matrix“), Verkehrshindernis („Stirb Langsam 4.0“) oder Unheilverkünderin („Tannöd“). Selbst wer eher zum konventionellen Gewerbe neigt, wird auch hierüber aufgeklärt, beispielsweise, dass man als ansonsten wagemutiger Bombenentschärfer („Tödliches Kommando“) eine Konfrontation mit Frühstücksflockenschachteln im US-Supermarkt trotzdem vermeiden sollte. Alle anderen, die mit ihrer momentanen Beschäftigung zufrieden sind, dürfen „Architekt bis Zombie“ als Film(ver)führer verstehen, um die erwähnten Werke neu oder mit neuen Augen zu sehen.

Das Buch ist in sich rund; nicht nur, weil die abschließende Darstellung des anstrengenden Zombiepostens („Shaun of the Dead“) wieder zum Amt des Architekten („Schlaflos in Seattle“) zurückführt. Überhaupt: Nach der Lektüre gibt es für den Leser schlichtweg keine Ausreden mehr für monotone Nine to Five-Jobs. Stattdessen werden viele einen Wechsel ihres beruflichen Metiers konkret anstreben oder wenigstens in Erwägung ziehen, vielleicht, um als Faultier („Ice Age 3 – Die Dinosaurier sind los“), Australier („Crocodile Dundee“) oder Arbeitsloser/Stripper („Ganz oder gar nicht“) zu reüssieren. Auch ich verlasse nun Schreibtisch samt Notebook, drücke meinen Indiana Jones-Hut in die Stirn und gehe ein bisschen mit der Peitsche üben. Das ist man dem Kino und Jutta Vahrsons unwiderstehlichem Buch einfach schuldig.

Nathalie Mispagel


Stand April 2010
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