Anfängerglück

Sex, Leben, Gesundheit, Sonnenschein, Natur, Kunst/Magie, Harmonie, Geist – Die ursprünglich acht Farben der Regenbogenflagge, Symbol der Gay Community, stehen für all das, was menschliches Dasein ausmachen kann. Aber dies sind keine Gaben ohne Verpflichtung; es gilt, darüber zu grübeln, danach zu streben, darum zu werben, daran zu wachsen. Und um damit anzufangen ist es nie zu spät. Das zeigt sich auch im aktuellen Kinofilm „Beginners“.

Anfängerglück, Filmkritik "Beginners"
Vater und Sohn verstehen sich gut. © Universal Pictures

Zweibeiner und Vierbeiner

Oliver (Ewan McGregor) ist ein trauriger Mann mit einem traurigen Hund. Kürzlich verstarb des einen Vater und des anderen Herrchen, weshalb beide nun ein wenig desorientiert wirken. Der geradezu unverschämt putzige Jack Russell Terrier rappelt sich allerdings wieder auf, indem er eine rührende Zuneigung zu Oliver entwickelt, während jener nicht nur mit dem persönlichen Verlust, sondern auch mit einer neuen Liebe zurecht kommen muß, die ihn in Gestalt der impulsiven Französin Anna (Mélanie Laurent) findet. Die Beziehung zu ihr bringt frischen Schwung in Olivers beschauliche Existenz als Graphikdesigner, wühlt in Kombination mit seiner Trauer gleichzeitig die Erinnerungen an seine Eltern, explizit an die letzten Jahre mit Vater Hal (Christopher Plummer) auf.

Als der nach 45 Jahren Ehe Witwer wurde, bekannte er sich überraschenderweise zu seiner Homosexualität und stürzte sich voll unbändiger Aufregung ins frische schwule Dasein. Bald war mit dem wesentlich jüngeren Andy (Goran Visnjic) ein netter Lover mit Vaterkomplex gefunden, der an seiner Seite blieb, selbst nachdem Hal wenige Jahre später unheilbar an Krebs erkrankte. Auch wenn Hals zweiter stürmischer Frühling den bedachtsamen Oliver überrumpelte, änderte das nichts an ihrem engen, von tiefer Verbundenheit und Vertrauen geprägten Verhältnis; vielmehr schweißte die schwere Krankheit beide derart zusammen, daß des Vaters Tod den Sohn in eine kleine Lebenskrise stürzt. Zum Glück steht der vierbeinige Arthur bei Fuß mit pfiffiger Aufmerksamkeit, klagendem Jaulen oder verspielter Anhänglichkeit, je nach Seelenlage.

Anfängerglück, Filmkritik "Beginners"
Oliver (Ewan McGregor) hat Schwierigkeiten mit dem Leben. © Universal Pictures

Leben und Tod

„Beginners“ wagt sich an die großen Themen, an Leben und Tod, an Liebe und Trauer, an Mut und Angst, an Offenheit und Lüge, an Hoffnung und Verlust, ohne deshalb zur großen Geste greifen zu wollen. Stattdessen setzt Regisseur und Drehbuchautor Mike Mills, der in seinem Spielfilmdebüt „Thumbsucker“ noch verhalten mit der Satire flirtete, auf eine betont ruhige Inszenierung. Sachte und behutsam erzählt er seine Geschichte, die teilweise autobiographischen Erfahrungen entspringt, explizit jenes aufgeschobene Coming Out des Vaters, wobei er gerade diesen Handlungsstrang dank einfühlsamen Geschicks vor möglicher Lächerlichkeit bewahrt. Wenn Hal nach seinem ersten Discobesuch nachts Oliver aus dem Schlaf klingelt, um sich telefonisch Musiktips geben zu lassen, entsteht nicht das Bild eines Mannes, der sich verzweifelt ans Jungsein klammert, sondern das sympathische Portrait eines Menschen, der gerade neue Welten entdeckt. Und wenn es denn „House Music“ (!) sein muß.

Der Vater ein „newcomer“, der Sohn ein „late bloomer“ ? oder umgekehrt. Zunächst bleibt Olivers Trauerarbeit in einer selbstreferenziellen Schleife aus Gram stecken; doch durch die Begegnung mit Anna werden die heranflutenden Erinnerungen an den Vater zu einem Spiegel seiner eigenen Gegenwart. Das Einstige verfängt sich im Heute, macht es erst sichtbar und läßt es in einem anderen Licht erscheinen. Langsam fühlt Oliver, eben noch von Abschiedsschmerz überwältigt, sich durch Hals späte Lebenslust inspiriert, um schließlich zu verstehen, was für ein Glück es bedeutet, ein Anfänger, ein Neugieriger, ein Suchender zu bleiben. Das Risiko mag hoch sein, der Gewinn auch.

Farben und Formen

Der ausgezeichnete Trailer von „Beginners“ offenbart hohes Potential: dezent komplizierte, gleichwohl gewinnende Charaktere, eine tiefgründige Story mit zärtlicher Liebesgeschichte, lebensnahe und kluge Dialoge mit humoriger Note, phantasievolle Inszenierungseinfälle, all das durchzogen von luftiger Ernsthaftigkeit. Leider kann dieses künstlerische Versprechen nicht über die gesamte Spielfilmlänge gehalten werden. Dem Potpourri aus Alltagsimpressionen fehlt schlichtweg die dramatische Zugkraft. Während die Absenz leerer Oberflächenreize anfangs noch entzückt, gleitet sie kontinuierlich in zwar sorgfältig arrangierte, doch langatmige Gemächlichkeit ab. Da hilft es auch wenig, daß als Handlungsorte reizvolle Gebiete von Los Angeles gewählt wurden, beispielsweise das Silver Lake District oder der Griffith Park.

Als Graphiker nimmt Oliver die Welt als ein Mosaik aus Formen und Farben wahr. Wenn er seine eigene Situation im 21. Jahrhundert (irritierenderweise spielt der Film 2003) mit der des Vaters von früher vergleicht, sieht er eine Kette aus jeweils zeittypischen Photos, Objekten oder Symbolen und hat so in wenigen Augenblicken etwa die Gay Pride-Bewegung rekapituliert. Fülle und Facetten des Seins finden dieserart eine originelle filmische Entsprechung, geschichtliche Entwicklung offenbart sich als (medialer) Wechsel der Chiffren, und gleichzeitig wird akzentuiert, welch weiten Weg Hals Generation gegangen ist.

Allerdings greifen diese illustrativen Kapriolen, die prägnant Olivers assoziative Wahrnehmung abbilden, nie sehr weit. Wie andere findige Ideen – Arthurs höchst beredtes Mienen-, besser: Schnäuzchenspiel wird teilweise mit dessen (möglichen) Gedanken untertitelt – verlieren sie sich im betulich-kraftlosen Fluß der Erzählung.

Anfängerglück, Filmkritik "Beginners"
© Universal Pictures

Charaktere und Charmebolzen

Mike Mills, auch als Musikvideo-/Werbespot-Regisseur, Graphikdesigner und Bildender Künstler tätig, legt in „Beginners“ deutlich mehr Wert auf Stimmungen als auf Dynamik. Das gereicht der Tragikomödie zwar zum Nachteil, trotzdem funktioniert die innewohnende Charakterstudie aufgrund guter Schauspielerleistungen. Wunderbar, wie Christopher Plummer sich auf verschmitzt-reife Art neu erfindet, elegant aus der sozialen Rolle fällt und sogar im Angesicht eigener Sterblichkeit die Würde des Wissenden bewahrt. Mélanie Laurent wiederum, ganz französische Anmut im Gewand salopper Zwanglosigkeit, läßt sich nie völlig greifen in ihrer Ungebundenheit, die jedoch kaum merklich von egozentrischer Unsicherheit durchzogen ist.

Dazwischen Ewan McGregor als Oliver, freundlich, bescheiden, zurückhaltend, ein Mensch, der im Zögern seine Bestimmung zu finden sucht. Er ist ein Beobachter, wankt neben dem Leben her und wagt dann doch noch den zaghaften Aufbruch, weil er das Vermächtnis seines Vaters, sich dem prallen Dasein zu stellen, annimmt. Mit feinfühligem Understatement deutet McGregor, ein Meister unaufdringlicher Beseeltheit, diese emotionale Wandlung an, legt im Umgang mit seinem Vater aufrechte Zuneigung in Blick und Geste, liebevolle Hingabe bei Anna, verständnisvolle Warmherzigkeit bei Arthur. Überhaupt stehen die beiden sich in entwaffnendem Charme wenig nach. Wenn sie eigentlich Gassi gehen wollen, dann aber mitten unter den weitaus muntereren Artgenossen eng und zaudernd beieinander sitzen, geben sie ein herrliches Debütanten-Paar ab. Noch sind sie verunsichert. Doch das ist nur der Anfang von etwas Neuem: Wer eh kaum weiß, wo es hingeht, kann sich im Grunde genommen nicht mehr verlaufen.

(Autorin: Nathalie Mispagel, academicworld-Kinoexpertin)

Regie und Drehbuch: Mike Mills

Hauptdarsteller: Christopher Plummer, Ewan McGregor, Mélanie Laurent, Goran Visnjic

 

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