Amos Oz – Geschichten aus Tel Ilan

Die Altstadt von Jerusalem © Chmuel, CC BY-SA 3.0

In seinem neuesten Werk „Geschichen aus Tel Ilan“ erzählt Amos Oz in acht kurzen Geschichten von der Welt verschiedener israelischer Provinzbewohner.  Seine anrührende und überraschenden Beschreibungen widmen sich zwar dem ganz normalen Alltag der Dorfbewohner,  wirken aber schon nach wenigen Zeilen wie aus einem Paralleluniversum gegriffen. Der Schauplatz, das fiktive Dorf Tel Ilan, hat alle Eigenschaften perfekter ländlicher Idylle: Obstgärten, ruhige Plätze und Gässchen, Wochenendtoruisten und einen beliebten Bürgermeister.

Ruhelose Figuren

Dennoch gelingt es Oz, aus dem grundsätzlichen provinziellen Rhythmus über die liebevollen und schrulligen Charaktere etwas ganz Besonderes zu schaffen.

Die verschiedenen Dorfbewohner, die der Leser im Laufe der Erzählung kennenlernt, haben alle ihre eigenen kleinen Hürden zu meistern, die nur für sie selbst bestimmt sind und für niemand sonst. Eines jedoch haben Sie alle gemeinsam: Sie sind ruhelose, rastlose Existenzen, der eine mehr, der andere weniger. Und in jeder von Oz magischen Geschichten läuft irgendetwas ziemlich schief.

Hörst du sie graben?

Da ist zum Beispiel, gleich zu Beginn, die fast 50-jährige Lehrerin des Gymnasiums, Rachel Franco. Die lebensfrohe Person kümmert sich mal pragmatisch, mal liebevoll um ihren verbitterten, schrulligen Vater Pessach Kedem. Der Vater, ein ehemaliges Mitglied der Knesset, des israelischen Parlaments, ist der Stereotyp des verbitterten Ex-Politikers. Seine wüsten Beschimpfungen über „Genosse Mies und Genosse Fies“,  seine Vorurteile gegenüber dem jungen Araber, der sich um den Garten kümmert, und seine Abneigung gegenüber jeglichen elektronischen Neuerungen begleiten seinen Alltag und den seiner Tochter.

Der Araber ist schuld

Der Höhepunkt seiner Exzentrität scheint erreicht, als er es eines Nachts plötzlich „ein Graben“ unter dem Fußboden hört.  Er entwickelt in seinem Kopf eine Verschwörungstheorie, und ist fortan überzeugt davon, dass jemand (vermutlich ist der Araber beteiligt) unter seinem Fußboden graben würden, um ihn und Rachel Franco das Haus wegzunehmen. Die ohnehin schon wenig harmonische Stimmung im Haus gerät ins Wanken.

Ein vermisster Neffe

Ein anderes Problem hat Gili Steiner, die Ärztin des Dorfes. Ihr Neffe, der mit dem Bus aus Tel Aviv kommen sollte, um sie ein paar Tage zu besuchen, kommt nicht an. In ihrem Kopf überschlagen sich die Theorien über seinen möglichen Verbleib, und Oz gelingt es, mit einer ihm eigenen Sensibilität auch die Nerven des Lesers bis zum Zerreissen zu spannen.

Warten

Das Warten als solches bildet einen großen Bestandteil von den „Geschichten aus Tel Ilan“. Es ist eines der immer wiederkehrenden Motive der Ruhelosigkeit. Genauso wie ihnen das Gefühl des Wartens vertraut ist, haben die meisten Charaktere in Oz‘ Erzählung ein Gefühl, als müssten sie gerade woanders sein,  sei es in einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort.

Sie wissen, dass das, was sie getan haben oder tun werden, nicht das ist, was sie tun wollten oder was das Richtige ist. Das Rätsel darum, was denn das Richtige zu tun wäre,  können sie jedoch nicht lösen.

Das größte Problem, dass Sie dabei zu bewältigen haben:  Sie sind alleine. Die Familie, wie Amos Oz sie zeigt, ist immer die  verwundete Familie, ein zurückgebliebenes Bruchstück, weil ein Teil von ihr fehlt.

Nähe durch Sprache

Amos Oz bedient sich zur Veranschaulichung seiner lebensechten Darstellungen dem Mittel der Distanzlosigkeit.  Trotz, oder gerade wegen seiner einfachen Sprache, erhalten seine Erzählungen ein Maß an natürlicher Schönheit, die bei anderen Beschreibungen oftmals verloren geht.  Amos Oz braucht keine Ausschweifungen, um die Gefühle über den Tod eines geliebten Sohnes verständlich zu machen, oder dem Leser die unerwiderte Liebe eines 17-Jährigen zu einer fast doppelt so alten Frau nahe zu bringen.  Die Einfachheit seiner Worte bilden seine eigene Poesie, die,  geschickt ins Deutsche übersetzt von Mirjam Pressler, seine Charaktere zum Leben erweckt.

„Geschichten aus Tel Ilan“ ist ein Buch, das man am Besten lesen sollte, wenn man auf irgendetwas wartet.

Theresa Hein

Amos Oz
Geschichten aus Tel Ilan
187 Seiten
16,80 Euro

Suhrkamp

Stand November 2009
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