Am Ende springt die Spannung über die Klinge

„Schnitt“ ist das erste Werk von Marc Raabe, der sonst eher in dem Milieu arbeitet, in dem sein Buch spielt: die Fernsehproduktion. Trotzdem wollte er seinen Jugendtraum vom eigenen Buch mit Anfang 40 doch noch nachgehen – 1,5 Jahre später war „Schnitt“ fertig.

Am Ende springt die Spannung über die Klinge
Um eine Zukunft mit der verschleppten Freundin zu haben muss Gabriel sich der eigenen Vergangenheit stellen. © Peter Reinäcker / pixelio.de

Erwartungen erfüllt 

Der Klapptext ist kurz und trifft doch voll ins Schwarze: „Ein kleiner Junge beobachtet einen grausamen Mord. Und er vergisst. Dreißig Jahre lang. Bis seine Freundin in die Hände eines gefährlichen Psychopathen gerät. Nur wenn er sich erinnert, kann er sie retten. Doch das bringt ihn in tödliche Gefahr.“ Diese kurzen Sätze machten mich neugierig, weckten die Hoffnung auf ein fesselndes Buch und anschaulich beschriebene, blutige Kampf-, Folter- und Mordszenen. Die Fantasie lebe hoch!

Und plötzlich ist alles anders

Obwohl „Schnitt“ in den einzelnen Kapiteln von unterschiedlichen Charakteren erzählt wird, ist die unumstrittene Hauptfigur Gabriel Naumann. Wir lernen ihn am Anfang als kleinen Jungen kennen und treffen ihn dann nach 30 Jahren Pause wieder. Er lebt ein ruhiges, zurückgezogenes Leben ohne Freunde bei seinem Ziehvater Yuri Sarkov, arbeitet in dessen Securityfirma als Wachmann. In der Zwischenzeit scheint nicht viel Spannendes passiert zu sein.

Jetzt allerdings ist alles anders: Gabriel hat sich in Liz Anders verliebt, das Paar erwartet ein Kind. Da wird Liz überfallen und entführt, kann Gabriel aber noch per Handy alarmieren – der jedoch findet die Polizei und eine Männerleiche vor, aber keine Spur seiner Freundin. Er wird mit auf die Wache genommen, ist plötzlich ein Verdächtiger.

Brüder im Einsatz

Als zusätzliche Würze kommt nun der seit Jahren nicht kontaktierte Bruder ins Spiel. David war in der gleichen TV Produktionsfirma tätig, für die Liz oft gearbeitet hat. Nun bittet Gabriel ihn um Hilfe, weil er sonst niemanden hat. David ist zunächst begründet skeptisch, will seinem Bruder nicht recht glauben und sträubt sich alte Wunden wieder aufreißen zu lassen. Doch es ist wie so oft: Blut ist dicker als Wasser.

Wieder vereint machen sich die beiden ungleichen Brüder auf die Jagd nach dem Mann, der Liz entführt hat und der viel über ihre Vergangenheit zu wissen scheint. Weil sich Gabriel aber an nichts erinnern kann und David damals im Zimmer eingesperrt war, müssen alte Bekannte helfen, in der Vergangenheit zu wühlen: Gabriel war in der Psychatrie, es wird Kontakt zu seinem alten behandelnden Arzt aufgenommen – mit mäßigem Erfolg, aber viel Genugtuung nach all den Jahren. Es folgt ein Einbruch in die Klinik, um die alte Krankenakte durchforsten zu können.

Der Kampf des Opfers

Parallel erfahren wir zwischendurch immer wieder, wie es Liz geht. Sie wurde verschleppt, wird ruhig sowie bloß gestellt, kämpft aber tapfer für sich und ihr Baby. Gut dargestellt wird dabei auch ihre Verzweiflung, weil sie Gabriel nicht auf seinem Handy erreicht, nachdem ihr die Flucht gelungen ist. Denn nur der Leser weiß: Der Entführer hat Gabriel dazu gebracht, Liz‘ Handy zu benutzen. Doch wer ruft sich schon selber an …? Man verzweifelt mit der jungen Frau.

Auch der Enführer Val kommt zu Wort: Sein schöner Plan wurde gestört, weil Gabriel sich an nichts mehr erinnert. Das jedoch ist elementar für ihn. Eine herrlich gestörte Psyche, die der von Gabriel doch noch deutlich überlegen ist.

Nur das Finale furioso bleibt aus

Das von mir so erhoffte Finale ist dann jedoch etwas dürftig ausgefallen. Vor allem ist der Grund klischee-banal: Mal wieder hat es etwas mit alten Männern zu tun, die hochangesehen sind und in ihrer Freizeit lustige sexuelle Praktiken mit jungen attraktiven Mädchen vollziehen. Natürlich im Kreise einer illustren Sekte, an einem prunkvollen Ort und mit Masken auf. Und wieder kommt der Sohn eines der Mitglieder mit dem goldenen Löffel in den Mund nicht zurecht. *gähn*

Mit der bis dato spannenden Hinführung hatte ich auf einen etwas kreativeren Ausgang gehofft. Wobei auch dieser mir wohl etwas aus der Luft gegriffen vorgekommen wäre. Das Ende also wie gehabt: Die Wachhunde (die ärmsten) sind mal wieder bestialisch niedergemetzelt, die Bösen bekommen ihre Strafe oder sterben gleich, die Guten gehen in den Sonnenaufgang.

Am Ende springt die Spannung über die Klinge

Ein nettes Detail: Die Kapitel sind mit Ort, Datum und Uhrzeit überschrieben. Solange Liz nicht weiß, wo sie ist, ist dies entsprechend vermerkt. An anderen Stellen lässt sich in den aufeinanderfolgenden Kapiteln ein Gesamtpuzzle setzen, wer wann wo in dem Moment war und was alles gleichzeitig passiert ist – mit netten kleinen Querverweisen.

Der Blutjunkie wird bedient

Grundsätzlich ist „Schnitt“ ein fesselndes Buch, vor allem die Gewaltszenen sind sehr anschaulich beschrieben. Mir als kleinem Blutjunkie hat das sehr gefallen, ich habe die Szenen  meist 2 x gelesen, um jedes Detail aufzunehmen. Was sehr gestellt erscheint und nun wirklich ein paar Zufälle zu viele sind,  ist, dass alle Charaktere im Buch in der gleichen Firma arbeiten. Alles dreht sich um TV2, und jeder hängt mit dran: Gabriel und Yuri arbeiten für TV2 als Securityfirma, Liz und David sind Mitarbeiter, der hartherzige Vater Victor von Braunsfeld und der gestörte Sohn Valerius sind eigentlich die Besitzer der ganzen Schose. 

Ich werde das Buch auf jeden Fall meiner besten Freundin zum Lesen leihen, die immer auf der Suche nach blutigen und psychisch-abgewrackten Storys ist. Allerdings werde ich auch sie vorwarnen müssen: „Versprich Dir vom Ende nicht zu viel …“ Bleibt abzuwarten, ob Marc Raabe sich an einen 2. Teil wagt: Mich würde schon sehr interessieren, was genau Gabriel in den 30 Jahren, die uns in diesem Buch vorenthalten wurden, alles widerfahren ist. Aus den kleinen Puzzlestückchen ließe sich sicher noch ein 450 Seiten Roman zaubern …

Stefanie Janke (academicworld.net-Userin)


Marc Raabe. Schnitt

14,99 €. Ullstein
 

Share.