Alt-Stimmen

Singende Senioren sind glücklicher als mundfaule Rentner. So oder so ähnlich lautet die schlichte Botschaft der Rock’ n’ Roll(ator)-Tragikomödie „Song for Marion“, ab 14.3. im Kino.

Rock’ n’ Roll(ator)

Warum Angejahrte singen

Arthur (Terence Stamp) liebt Marion (Vanessa Redgrave), und Marion liebt Arthur. Seit Jahrzehnten sind sie ein Ehepaar. Jetzt aber bleibt ihnen nicht mehr viel gemeinsame Zeit, denn Marion wird bald an Krebs sterben. Während sich Arthurs Beschützerinstinkt mit jedem ihrer Schwächeanfälle potenziert, kennt Marion nur eine wirksame Therapie: ihr Engagement im örtlichen Chor der Ü60-Jährigen. Dessen junge Leiterin Elizabeth (Gemma Arterton) hält die ohnehin lebenslustigen Sänger mit Cover-Versionen von Rock- und Popklassikern bei Laune. Nur der mürrische Arthur verweigert sich konsequent jeder Note. Erst als Marion gestorben ist und er immer mehr vereinsamt, erinnert er sich an das Hobby seiner Gattin. Vorsichtig tastet er sich an die Musik, die Chorgemeinschaft, schließlich sogar an eine Versöhnung mit Sohn James (Christopher Eccleston) heran.

Filme wie „Song for Marion“ sind dem demoskopischen Wandel zu verdanken. Seit der sich bis zu den Filmproduzenten herumgesprochen hat, werden die ’Best Ager’ als Kinopublikum entdeckt. Problemrelevante Dramen wie „Liebe“ von Michael Haneke scheint man ihnen bislang eher selten zumuten zu wollen, dafür vermehrt Komödien. Aber auch hier lassen sich entzückende Werke wie „Best Exotic Marigold Hotel“ entdecken. In dieser Liga würde „Song for Marion“ ebenfalls gerne mitspielen, verliert sich freilich in einer völlig vorhersehbaren Geschichte der versatzstückhaften Klischees.

Wie man altern soll

Regisseur und Drehbuchautor Paul Andrew Williams (Jahrgang 1973) hat weder Neues noch ansatzweise Originelles über das Leben von Senioren zu erzählen. Stattdessen blickt er mit der für seine Generation typischen Mischung aus großmütigem Augenzwinkern und realitätsfernem Wunschdenken auf Betagte, die sich gefälligst schräg zu benehmen haben. Sie sollen uns vorab schon einmal die Angst vor dem Rentnerdasein nehmen – oder genug Distanzierungsfläche bieten. So lächeln die rüstigen Herrschaften schelmisch, wenn sie „Let’s talk about Sex“ intonieren, malen Schlafenden Kußmünder auf, rüschen sich zur Teilnahme an einem Chorwettbewerb mit Nietenarmbändern auf und versuchen sich am Robotertanz. Dass hernach Sanitäter die verrenkten Knochen wieder richten müssen, erhöht nur den herzigen Schmunzelfaktor.

Über solch zwanghafter Heiterkeit wurde allerdings glatt vergessen, den fidelen Sängern etwas wie einen Charakter mitzugeben. Stattdessen müssen sie ihre Posten als Pausenclowns mit Hang zu altersweiser Selbstironie ausfüllen. Auch Elizabeth ist rein auf ihre Funktion als quirlige, ehrenamtliche Senioren-Animateurin reduziert, die private Krisen allein deshalb bekommt, um sich bei Arthur einmal ordentlich auszuweinen.

Was Söhne so wollen

Überhaupt quält sich die Dramaturgie mit enervierender Simplizität voran. Auch wenn es um existenzielle Altersproblematik wie Krankheit, Tod, Alleinsein geht, sind die Konflikte derart verkrampft und oberflächlich entwickelt, dass das Interesse daran schnell erlahmt. Schon die Gründe für die permanente Spannung zwischen Arthur und seinem Sohn bleiben letztendlich im Dunkeln. Einmal beschwert sich James, sein Vater wäre nie stolz auf ihn gewesen. Während man als Zuschauer noch verdattert rätselt, was an James bewundernswert sein könnte – sein Mechanikerjob, seine kaputte Ehe, seine Scheidungstochter? –, ist die Szene schon vorbei. Die Frage um die mangelnde Huldigung von James muss unbeantwortet bleiben. Gewiss ist nur, dass am Ende alles gut ausgeht.

Weil der Film aus Großbritannien und nicht aus Hollywood stammt, wird glücklicherweise auf übertriebene Sentimentalisierung verzichtet. Tatsächlich zeichnet er sich durch ein gewisses Understatement aus, das den trällernden Pensionisten bei aller aufgekratzten Frische ihre Würde zugesteht. Immerhin, denn durch unvergleichliches Sangestalent tut sich keiner hervor.

Wo der wahre Swing wohnt

„Song for Marion“ ist seichtes, kalkuliertes Kino. Nur die Besetzung der beiden Hauptfiguren mit zwei angegrauten Brit-Schauspielikonen bewahrt den Film vor dem sofortigen Vergessen. Vanessa Redgrave als empfindsame Marion und Terence Stamp als ’grumpy old man’ Arthur bringen eine Authentizität an Altersmelancholie und Tiefgründigkeit an Altersliebe ein, die weit über ihre stereotyp gezeichneten Rollen hinausreicht. Dieses hinreißende Paar hätte eine bessere Geschichte verdient.

Eine wie sie „Young@Heart“ (2008) erzählt. Stephen Walkers Dokumentarfilm über den gleichnamigen US-Laienchor, dessen Mitglieder von Ü70 bis U100 reichen, zeigt echte Menschen mit echtem Enthusiasmus bei teils echt guten Interpretationen von Rock-, Pop-, Punk-Hits. Zwar mag der (Klang-)Körper der betagten Sänger gelegentlich wanken, aber ihre Courage nie. Denn sie haben den Swing gefunden.

(von Nathalie Mispagel)

„Song for Marion“
Regie: Paul Andrew Williams
Mit Terence Stamp („Operation Wallküre: das Stauffenberg-Attentat“), Vanessa Redgrave („Anonymus“), Gemma Arterton („Immer Drama um Tamara“) und Christopher Ecclestone („G.I. Joe: Geheimauftrag Cobra“)

Kinostart: 14. März 2013 

 

 

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