Alpenterror

Terrorangriffe sind immer wieder ein großes Thema, vor allem in den Medien, aber auch in Romanen tauchen die verschiedensten Formen von Terrorismus auf. In seinem Thriller „Kreuzzug“ beleuchtet Marc Ritter die verschiedenen Seiten eines Terrorangriffs: Opfer, Terrorristen sowie Politiker und Polizei, die die Situation zu entschärfen versuchen.

Bernd Deschauer/pixelio.de
Bernd Deschauer/pixelio.de
Rezension "Kreuzzug"

Am 6. Januar 2012 gibt es zwei Explosionen im Tunnel der Zugspitzbahn, wodurch zwei Züge mit insgesamt 200 Menschen eingesperrt werden. Als die Behörden versuchen, die 5.000 Skifahrer und Touristen von Gipfel zu befördern, stürzt eine Seilbahn ab. Sowohl die Menschen im Zug als auch die auf dem Gipfel sind als Geiseln eingesperrt. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Niemand weiß, was die Terroristen planen …

Viele Teile eines Puzzles

In vielen kleinen Kapiteln beschreibt Marc Ritter, was auf den unterschiedlichen Seiten nach den Explosionen passiert. Ort- sowie Zeitangaben ermöglichen es zusammen mit der Karte der Region, die sich auf der Innenseite des Covers befindet, sich das Geschehen besser vorzustellen und Abläufe zeitlich einzuordnen.

Ritter gelingt es, die unterschiedlichen Atmosphären sehr eindrucksvoll darzustellen. Auf der einen Seite sind die Geiseln im Zug, die panisch und ängstlich reagieren. Auf der anderen Seite beschreibt er das Agieren von Polizei und Bahnmitarbeitern, die der Situation zunächst hilflos gegenüberstehen und auf Anweisungen warten. Dann gibt es die Politiker, die eigentlich schnellstmöglich eine Lösung suchen sollten, stattdessen aber vor allem darum konkurrieren, in den Medien das beste Ansehen zu erlangen oder für ihre Karriere beziehungsweise ihren Amtsbereich Vorteile herauszuschlagen.

Darüber hin aus gibt es immer wieder Einblicke in die Vergangenheit der Täter, in denen nach und nach deren Motive aufgedeckt werden. Insgesamt gibt es sehr viele handelnde Personen, was nicht zuletzt durch die vielen Hilfskräfte bedingt ist, trotzdem bleibt das Geschehen überschaubar.

Attentat mit Hintergründen

Der Text ist sehr flüssig und leicht verständlich geschrieben. Es gibt einen Glossar, der einige Begriffe, Örtlichkeiten und Zusammenhänge zwischen Behörden erklärt. Besonders spannend sind die Kapitel um die Situation im und auf dem Berg. Die Szenen der streitenden Politiker, die sich nicht einigen können, wer mit welchen Medien sprechend darf und wo der beste Interviewplatz ist, sind streckenweise allerdings sehr anstrengend – nicht, weil sie uninteressant sind, sondern weil deren Verhalten so unverständlich und unpassend ist und man einfach nur wissen möchte, was zwischen Geiseln und Attentätern als nächstes passiert.

Neben dem erschreckend egoistischen Verhalten der Politiker, regen vor allem die Hintergründe des Attentates zum Nachdenken an: Junge Bolivianer beschließen, sich als Terroristen ausbilden zu lassen mit dem Ziel, ihrem Land nach jahrelanger Ausbeutung zu helfen. Sie lernen arabisch und geben sich als Islamisten aus, um in ein Ausbildungscamp von Al-Qaida zu gelangen. Was die Bolivianer nicht wissen: Tatsächlich wird dieses Camp von der CIA geleitet, die ihrerseits heimlich Terroristen ausbilden um in verdeckten Aktionen den Anschein zu erwecken, die Islamisten würden Europa angreifen. In dem speziellen Fall sollte Deutschland durch das Attentat auf die Zugspitzbahn dazu bewegt werden, die Amerikaner weiterhin im Krieg gegen Afghanistan zu unterstützen. Der Plan der CIA sah keine Verletzten vor, sie wollten nur Wachrütteln, da ihnen Deutschland mit dem Abzug von Soldaten und der Abschaffung der Wehrpflicht zu passiv wurde, allerdings übersahen sie die wahren Motive ihrer neuen Auszubildenden. Und plötzlich müssen auch die Amerikanischer zusehen, wie der ganze Plan in einer Katastrophe zu enden droht. Während also die Deutschen und Österreicher mit den vermeintlichen Islamisten verhandeln, ist die CIA gleichzeitig darum bemüht, ihre Spuren zu verwischen. Das Ergebnis ist erschreckend und wirft einige Fragen auf: Ist ein solches Szenario möglich? Sind die Ereignisse immer so, wie die Medien sie für uns präsentieren? Wie weit würden einzelne Länder gehen, um ihre Interessen durchzusetzen?

Rezension "Kreuzzug"

Nur scheinbar verworrene Handlung

So verworren die Zusammenhänge auch klingen mögen, Marc Ritter schildert sowohl die Motivationen als auch die Abläufe schlüssig und logisch durchdacht. Seine intensive Recherche und seine Ortskenntnisse werden in den detaillierten Beschreibungen deutlich und sorgen mit dafür, dass die Geschehnisse realistisch erscheinen.

Wenn ich an diesem Buch etwas kritisieren müsste, so wäre es der letzte Satz des Klappentextes:

„Sonne. Schnee. Tod.

Ein irrer Plan geht auf. 
Attentäter sprengen den Tunnel der Zugspitzbahn. 
Der Zug: mittendrin.
Dann stürzt die Seilbahn ab.
5.000 Menschen auf dem Gipfel sind Geiseln.
BKA, Bundeswehr und CIA scheitern. 
Doch niemand rechnet mit Thien Hung Baumgartner, der den Berg wie seine Westentasche kennt.“

Dieser Satz hat bei mir während des Lesens Erwartungen geweckt. Thien Hung Baumgartner ist eine der Geiseln im Zug. In den entsprechenden Kapiteln erwartete ich nun also, dass er eine besondere Leistung vollbringt. Tatsächlich kann man den Satz aber allerhöchstens auf eine sehr kleine Szene fast am Ende des Buches beziehen – so weit sollte ein Klappentext aber nicht vorgreifen. Zudem klingt es, als würde er zu dem Helden des Buches werden, den es aber im Grunde nicht gibt, da sehr viele Kräfte zusammen arbeiten.

Krimi mit Nachklang

Kreuzzug ist ein unglaublich spannender Thriller, der vor allem auf unsere Behörden kein gutes Bild wirft. Obwohl die Ereignisse sich nur auf einen kurzen Zeitraum beziehen, ist das Buch an keiner Stelle langweilig. Im Gegenteil: Die Spannung steigt mit dem Andauern der Geiselnahmen stetig an. Das Ende fügt sich wunderbar in das Buch und sorgt seinerseits erneut dafür, intensiv über die Geschehnisse und mögliche Parallelen in der Realität nachzugrübeln.

Es ist definitiv ein Buch, das einem auch einige Tage nach dem Lesen noch um Kopf rumgeistert und an das ich mich sicher während der ein oder anderen Nachrichtensendung oder bei Politikerinterviews noch mal erinnern werde.

Anja Zenker (academicworld.net-Userin)

Marc Ritter. Kreuzzug
16,99 Euro. Droemer

 

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