Alltags(liebes)leben in Japan

Eine Existenz zwischen den Welten kann sehr bereichernd, manchmal aber auch schwierig sein. Amélie Nothomb hat in ihrem Buch „Der japanische Verlobte“ ihre privaten Erlebnisse aus zwei Jahren Japan in literarischer Form verarbeitet.

Vieles ist noch heute traditionell in Japan. Bild: bildpixel  / pixelio.de
Vieles ist noch heute traditionell in Japan. Bild: bildpixel / pixelio.de

Zu nett um gut zu sein

Schon als sich Amélie und Rinri zum ersten Mal in einem Cafe gegenüber sitzen, ist der Umgang der beiden miteinander sehr respektvoll. Auch als sie später die Rolle von Lehrerin und Schüler ablegen – Rinri nimmt private Stunden in Französisch bei der jungen belgischen Diplomatentochter – bleibt dies kennzeichnend für die Beziehung. Obwohl Amélie bis zu ihrem fünften Lebensjahr in Japan aufwuchs, mit einem japanischen Kindermädchen und der japanischen Sprache, lernt sie viele Eigenheiten des Inselstaats erst durch den erneuten Aufenthalt zum Studium und durch die Beziehung zu Rinri kennen. 

Soweit man das von einem Japaner, der, wie es die Kultur verlangt, seinen Gefühlen nicht eben freien Lauf lässt, sagen kann, liebt er sie sehr. Will sie sogar heiraten. Sie hat ihn schon gerne, meint auch, dass sie sich mit ihm wohler fühlt als mit irgendeinem anderen vorher, doch Liebe? Nein. Sie genießt seine Gesellschaft, aber wenn er nicht zugegen ist, fehlt er eigentlich auch nicht. Nach Rinri wird auch der „gemeinsam“ bestiegene Fuji Amélies Freund. Und wie der japanische Student, wird auch der Berg sie nach ersten Sympathiebekundungen ordentlich fordern. Nach einer dramatischen Bergtour verändert sich Amélies Sicht auf sich und ihr Leben und Rinris Drängen auf die Festlegung eines Hochzeitstermins kommt ihr auch nicht eben gelegen …

Wo ist der Haken?

Obwohl  der junge Kerl immer lieb und freundlich zu ihr ist, kann sie ihn am Ende nicht genug lieben, um bei ihm zu bleiben. Sie meint schließlich: „Manchmal ist eine Flucht auch ein Akt der Liebe. Um zu lieben muss ich frei sein.“ Und so verlässt sie ihn. Ohne Drama, ohne Krise, ohne Abschied – einfach so steigt sie in den Flieger zurück nach Belgien. 

Rezension "Der japanische Verlobte"

Letzlich, da ist sie sich sicher, für beide der richtige Schritt, denn: „Flucht ist also unehrenhaft? Immer noch besser als sich fangen zu lassen. Unfreiheit ist die einzige Schande.“

Dramatisches klingt bei Nothomb ohnehin nur in ironisch überzeichneten Randbemerkungen durch. Leichthin und stets flüssig erzählt sie von den großen Entscheidungen des Lebens, als wären sie nicht bedeutender, als die Frage, was esse ich heute zu Mittag. Ihr ganz eigener Stil macht das Buch auf jeden Fall zu einer Erfahrung. Man will am liebsten gleich mehr lesen von dieser Stilistin der Ironie und dabei noch mehr erfahren über das Leben in ihrer Wahlheimat – jenseits dessen, was man als Tourist jemals sehen und erleben würde.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Amélie Nothomb. Der japanische Verlobte
8,90 Euro. Diogenes

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