Allein & in der Welt zuhause

Ein unbeliebtes Kapitel in der amerikanischen Geschichte mischt sich mit dem gegenwärtigen Schicksal eines jungen Mädchens. In den 30ern wurden verwaiste Kinder scharenweise in Zügen hinaus aufs Land gebracht – des guten Lebens wegen. Vivian war eine von ihnen. Ein ideales Leben? Mitnichten.

Molly lebt in der Gegenwart. Sie ist ein Waisenkind, das von Familie zu Familie wandert. Bis sie bei ihren aktuellen Pflegeeltern ankommt. Nicht, dass sie nun im Himmel lebt, nein – die Pflegemutter ist gegen ihren Vegetarismus, recht konservativ und nicht geneigt, Molly eine große Chance zu geben. Nach einem vermeintlichen Diebstahl wird sie vom Jugendgericht zu Sozialstunden verdonnert. Besser als der Jugendknast ist das allemal. Über ihren Freund erhält sie die Chance, die Stunden bei der Arbeitgeberin seiner Mutter abzuleisten. Vivian Daly ist eine alte und gebrechliche Frau, die ein bewegtes Leben hinter sich hat. Ihr soll Molly beim Ausmisten des Dachbodens helfen.

Dabei kommen einige Dinge ans Licht, die Molly ziemlich überraschen – und sie für die alte Lady einnehmen. Als Niamh geboren (Nieve gesprochen), wandert sie in jungen Jahren mit ihrer Familie von Irland in die Staaten aus. Nicht lang drauf stirbt ihre Familie bei einem großen Brand. Kurzerhand wird sie mit anderen Waisenkindern von der Childrens Aid Society in einen Zug gepackt und raus aufs Land gefahren – der Zug der Waisen. Familien auf dem Land sollen den Kindern eine Zukunft und ein Zuhause geben. Oftmals werden sie jedoch nur als billige Arbeitskräfte missbraucht. Ein Schicksal, dass aus der jungen Niamh erst eine Dorothy macht und letztendlich eine Vivian, die irgendwann einen Daly heiratet.

Zusammen arbeiten die beiden an ihrer Vergangenheit, der Gegenwart und ihrer Zukunft – zwei Seelen, die sich gegenseitig brauchen.

Die Kritik

Die Childrens Aud Society gibt es wirklich! Gegründet 1853 war es tatsächlich diese Organisation, die in den 1920ern die Kinder aus der Stadt einsammelten wie Streuner und aufs Land brachten – komme, was wolle. Ein an sich nobles Ziel und von der Grundlogik nicht falsch gedacht, aber leider nicht auf Einzelschicksäle ausgelegt, die wir Menschen nun mal sind. Wie schief es gehen kann, zeigt die fiktive Geschichte von Vivian Daly. Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das aktueller kaum sein könnte. Jede Station in dem Umfeld der Children’s Aid Society presst dem jungen Mädchen eine neue Identität auf. Die muss sie sich anziehen wie eine künstliche Haut, auch wenn sie so gar nicht zu ihr passen. Akzeptiert werden, wie sie ist? Weit gefehlt! Jeder will das Mädchen so formen, wie er/ sie  es gerne hätte. Nirgendwo kommt sie wirklich an. Wie Molly, die überall gegen Widerstand läuft und ihren Platz in der Welt nicht finden kann.

Die Umsetzung als Hörbuch ist spitze. 2 Figuren, 2 Stimmen, die diese überzeugend verkörpern (Beate Himmelstoß und Susanne Schroeder). Die Handlung springt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, aber immer chronologisch. Zusammen mit den Erinnerungen der alten Frau entwickelt sich die Handlung und das Selbstverständnis einer jungen Frau – und das unsere. Ein Buch, das man in seinem Leben gelesen oder angehört haben sollte!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Christina Baker Kline. Der Zug der Waisen.
Der Hörverlag. 13,95 Euro.

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