Ätherische Erzählung über die Liebe: Irrlicht

Künstlerisches Talent liegt in dieser Familie: Schriftsteller Joseph O’Connor, Bruder der Sängerin Sinead O’Connor, widmet sich in seinem Roman „Irrlicht“ mit großem Talent für die Sprache dem schönsten aller Themen – der Liebe.

Bei diesen Verwandschaftsverhältnissen drängt sich der Vergleich wirklich auf: Joseph O’Connor ist der Bruder der in den Neunzigern mit „Nothing compares to you“ zu Berühmtheit gelangten glatzköpfigen Sinead O’Connor – und beide teilen einen herausragenden Sinn für Liebe, Leiden und das Erzählen davon. Während Sinead hierfür die Musik nutzte, reüssiert ihr Bruder als Romancier. Mir war der Name des Schriftstellers vorher nicht geläufig und doch scheint es so, als sei O’Connor einer der wichtigsten zeitgenössischen Erzähler von der grünen Insel Irland.

Sprachgewaltiger Erzähler

In seinem Roman „Irrlicht“ nähert er sich dem Thema der unerfüllten Liebe in Rückblenden. Die Schauspielerin Molly Allgood lebt in Irland Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in bitterer Armut und zehrt von ihren Erinnerungen an bessere Zeiten, nämlich die aus der Anfangsjahre des 19. Jahrhunderts. Damals verliebte sie sich in den älteren Theatermann und Dichter John Synges, der mit Molly eine Liason begann. 

Wer „Irrlicht“ unter dem Aspekt einer alleinigen Liebesgeschichte liest, der verpasst definitiv den Kern der Erzählung, nämlich die unglaublich dichte und stilistisch überzeugende Sprache, die an anderen großen Erzählern wie beispielsweise O’Connors Landsmann James Joyce geschult ist. Auch in der Übersetzung von Gabriele und Manfred Kempf-Allié verliert der Roman nicht an Grundmelodie und Rhythmik. Durch die geschickte Montage der zwei Zeitebenen, derer sich Joseph O’Connor bedient, erfährt der Roman Abwechslung und vermag den Leser neugierig auf Mehr zu machen.

Mehr als eine reine Liebesgeschichte

Ein Liebesroman zwar, aber von solcher Fragilität und mit einem solchen Sprachsensorium, wie ich nur wenige Bücher bisher gelesen habe. Abschrecken wird jener Roman zwar alle Leser, die „nur“ eine einschlägige Liebesgeschichte erwarten, doch die Sprache, mit welcher Joseph O’Connor seine Geschichte auskleidet, ist das eigentliche Highlight des Buches. Ätherisch, manchmal schwadronierend, manchmal todtraurig – ein souveräner Erzähler der die Aufmerksamkeit der Leser verlangt, diese aber auch belohnt!

Marius Müller, academicworld-user

Joseph O‘ Connor. Irrlicht.
19,99 Euro. S. Fischer Verlag.

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