Adolphsen: Das Herz des Urpferds

Peter Adolphsen beschreibt die Entwicklung eines Urpferdherzens hin zu Öl, das schließlich Benzin wird und in einem Automotor im Jahre 1975 verbrannt wird. Und dabei dem Leben einer Frau eine schlimme Wendung gibt.

Inhalt

Vor 55 Millionen Jahren legt sich ein kleines Urpferdchen zum Sterben hin. Bald schon verwest das kleine Geschöpf und aus dem Herzen des Urpferds entwickelt sich über Millionen Jahre Öl.

Dschamolidin Hasanov wird 1948 in Aserbaidschan geboren. Seine große Leidenschaft ist das Radfahren. Als seine sportlichen Fähigkeiten bald an ihre Leistungsgrenzen stoßen und ihm das Fahrradfahren keinen Spaß mehr macht, beschließt er, Aserbaidschan zu verlassen. Er macht sich auf den Weg in die amerikanische Botschaft nach Teheran um Asyl in den USA zu beantragen.

Von nun an heißt Hasanov Jimmy Nash. Er beginnt die englische Sprache zu sprechen und arbeitet für eine amerikanische Ölbohrfirma. Eines Tages ist er unvorsichtig und sein Arm gerät in das Zahnrad der Ölpumpe. Nash verliert seinen Arm.

Clarissa Sanders, eine junge Biologielaborantin, tankt gedankenverloren ihren Wagen voll. Anschließend macht sie sich mit ihrem Ford, Baujahr 1970, auf den Weg. Unterwegs begegnet sie dem einarmigen Jimmy Nash und nimmt ihn in ihrem Wagen mit. Während der Fahrt versuchen sich die beiden an LSD. Nach einer Pause, in der sie den Trip von sich Besitz ergreifen lassen, beschließen die beiden nach Hause zu fahren. Im Tank des Ford befindet sich das Herz des Urpferds nun in flüssiger Form als Benzin. Bei einer Zündung entschwindet ein Rußteil aus dem Auspuff des Ford und setzt sich wenig später wieder fest – in der Lunge von Clarissa Sanders. Jahre später wird dieses Partikel Krebs bei Clarissa auslösen.

Formulierungen und Lesbarkeit

Peter Adolphsen hat sich mit Das Herz des Urpferds Großes vorgenommen: Die Geschichte der Welt vom Urknall bis heute zu erzählen. Auf 110 Seiten. Zeitraffendes Erzählen nennt man das wohl. Diesem Anspruch versucht Adolphsen gerecht zu werden, indem er seine Sätze durchweg wissenschaftlich formuliert. Jedes Detail wird genau betrachtet und erklärt. Sei es die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors, oder die Zusammensetzung der Volksstämme der Sowjetunion. Dieser scheinbar modernistische Ansatz soll den Leser von der Fiktionalität des Textes  ablenken und ihm den wissenschaftlichen Gedanken der Entwicklung des Urpferdherzens suggerieren.

Das ist ein interessanter Ansatz, allerdings hat er Einfluss auf die Lesbarkeit des Textes. Der Leser wird gefordert – was ja nicht schlecht sein muss – allerdings an manchen Stellen auch etwas überfordert. So gibt es Stellen innerhalb der Geschichte, in denen Adolphsen die detailgenaue, wissenschaftliche Formulierung etwas übertreibt. Es bleibt allerdings festzustellen, dass der interessierte Leser in Das Herz des Urpferds noch einiges lernen kann.

An anderer Stelle – dem LSD-Trip von Jimmy und Clarissa – erscheinen die kommalosen, absatzlosen Formulierungen zwar nicht minder anstrengend, passen aber besser zur Handlung des Textes, als so mancher überinformativer Exkurs.

Interpretationsmöglichkeit

Wirklich gelungen ist Adolphsens Intention, die Geschichte der Menschheit mit der Entwicklung des Urpferdherzens von einem lebendigen Organ zu Öl, Benzin, Partikel und schließlich Karzinom, gleichzusetzen. Eine Abhandlung über Entwicklung, Ursache und Folgen. Die Interpretation bleibt dabei offen. Sie kann aber durchaus als leise Kritik an der Entwicklung verstanden werden, die die Menschheit in letzter Zeit genommen hat.

Florian Jetzlsperger

Peter Adolphsen
Das Herz des Urpferds
110 Seiten
12, 90 Euro

Nagel & Kimche

Stand Dezember 2008
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