ADHS

Und natürlich gab es Schimpfe nach meinem letzten Blogbeitrag über Facebook und all die Menschen, die ständig auf ihr Smartphone schauen. Tja, wie komme ich darauf, dass diese Menschen Schwierigkeiten mit dauerhaften Beziehungen haben?

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Hab ich mir das einfach nur ausgedacht als internetfeindliche, mittelalte Psychologin, die die Jugend von heute abwertet, wie es alle Generationen vor mir schon ab einem gewissen Alter getan haben? 

Mal davon abgesehen, dass meine Kritik vor allem durch Freunde in meinem Alter begründet wurde (oder sogar Menschen, die in der Tat noch älter sind als ich), kenne ich einige Zwanzigjährige, die es ebenfalls nervt, dass ihre Freunde ständig bei privaten Treffen mit der Hälfte ihrer Neuronen im Internet hängen. Und natürlich gibt es zu unserem Umgang mit den modernen Medien und ihrer Auswirkung auf unser Hirn mittlerweile eine Menge guter Studien.

ADHS betrifft nicht nur Kinder, sondern ist zu einem Kulturphänomen geworden, bedingt eben durch das Smartphone. Aber es ist eben nicht die Technik, die Schuld an unserer zunehmenden Fahrigkeit hat, sondern unsere menschliche Dummheit, sprich: Unser unreifes, neurotisches Verhalten im Umgang mit der Technik. Und wie bei allen Neurosen handelt es sich um ein Problem des Selbstwertgefühls bzw. der Selbstbeherrschung. Wenn man Reizsüchtige an Orten beobachtet, wo es kein Netz gibt, erkennt man ihre Sucht deutlich. 

Dreijährige sitzen gerne fasziniert vor dem Fernseher, denn aus dem Apparat kommen viele tolle Reize, auf die unser Hirn positiv anspringt: Gefühle werden freigesetzt, Informationen, die das Hirn gierig aufnimmt. Nur leider muss es sie auch verarbeiten, um etwas davon zu haben, sprich einen Vorteil für das eigene Überleben zu gewinnen, der mit Belohnungsendorphinen fühlbar wird. Es muss Erkenntnismuster bilden können, Regeln erfassen im Umgang mit Dingen und Menschen. Das gelingt nur, wenn uns die Logik der kausalen Zusammenhänge klar und abgespeichert wird: Das berühmte Licht, das uns aufgeht, ist kein Flackern. Und wir müssen es in Handlungen übersetzen, die positiv rückbestätigt werden, damit wir wirklich etwas für unsere Persönlichkeit gewinnen, aus dem ganzen „Vorsichhingelebe“ …

Smartphoneabhängige sind also wie Dreijährige vor der Glotze. Leider verändert sich ihr Hirn nachweislich zu ihren Ungunsten, denn unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt. Das Hirn ist nicht auf Multitasking eingestellt. Es hätte am liebsten eine Information nach der anderen, die dann gefühlsmäßig bewertet und ordentlich in den Erfahrungen abgelegt wird, um bei zukünftigen Erfahrungen schnell darauf zuzugreifen und schnell reagieren zu können. Es braucht stabile Muster für eine stabile Psyche. Aber dieser Mechanismus wird durch die dauernde Reizüberflutung gestört oder sogar zerstört. 

Es ist wie bei Drogen oder zu viel Süßigkeiten: Es gibt einen kurzen positiven Reiz, der aber sofort Nachschub verlangt und bei mangelnder Selbstdisziplin (Frustrationstoleranz) schadet es auf Dauer dem gesamten Organismus. Und natürlich sind, wie bei allen Drogen, emotional instabile Menschen besonders anfällig: Menschen die ständig positive Reize von außen brauchen, weil ihre Persönlichkeit nicht gefestigt ist und keine Eigenreferenz (Ichstärke) besitzt. Sie verhalten sich infantil = neurotisch. Sie versuchen durch die Dauerreize zu kompensieren. Und natürlich verschlimmert sich, wie bei jeder Droge der psychische Zustand, der zum Drogenkonsum führte und man gerät immer weiter in die Abwärtsspirale hinein.

Man wird bei ständigen Süßigkeiten körperlich fett, bei ständigen mentalen Reizen psychisch sehr dünn. Das ständige kurze „Was ist los“, „Wer denk an mich“, „Was gibt’s für schöne neue Bilder“ verhindert auf Dauer die tiefe Erkenntnis und Selbsterkenntnis, die uns wirkliche Selbstsicherheit bringt, verhindert tiefe Bindung und Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, das auch nur noch oberflächlich abgespeichert wird, wie alles andere bei permanenter Reizüberflutung.

Darüber hinaus wird alles, was nicht dauernd neue Reize aussendet, langweilig: Zum Beispiel die Freundin, die man seit fünf Jahren hat. Nur dass eben diese Freundin sich verpflichtet fühlt, wenn es einem wirklich mal dreckig geht, sich um einen zu kümmern, empathisch mitfühlt und hilft und man kann mit ihr tief empfundene, voll konzentriert aufgenommene Erlebnisse immer wieder teilen. Auch alle anderen Themen können nur noch sehr schwer ganzheitlich erarbeiten werden, um die wichtigen Resultate daraus zu erfassen. 

Es ist wie ein Haus, was man sich eigentlich zum Schutz bauen möchte und man baut aber immer nur hier und da Mauerstücke – und dann fängt es an zu regnen, oder sogar zu schneien und es wird sehr sehr kalt …

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

Hier ist Platz für „Schimpfe“ oder Lob

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