A Horse, a Horse! A Kingdom for my Horse!

Stets hat sich der Mensch für seine Kriegszüge auch animalischer Helfer bedient. Während des Ersten Weltkrieges etwa kam Pferden neben ihres Kavallerieeinsatzes eine entscheidende Rolle als Trag-/Zugtier von Infanterie und Artillerie zu. In „War Horse“, ab 16.2. im Kino, versucht Steven Spielberg, einem dieser ‚vierbeinigen Soldaten‘ ein Denkmal zu setzen.

Die Gefährten von Steven „Wendy“ Spielberg: Ab 16.2.2012 Im Kino

Pferd im Krieg

Dass der Erste Weltkrieg rund 17 Millionen Menschen den Tod brachte, ist allgemein bekannt; weniger hingegen, dass zwischen vier bis acht Millionen Pferde mit in den Untergang gerissen wurden. Auch wenn ihr Los zu jenen häufig ignorierten ‚Kollateralschäden‘ zählt, die der Mensch in seinem (Selbst-)Zerstörungswahn bedenkenlos hinnimmt, sind sie dennoch nicht weniger bedeutsam. Mit seinem Kinder-/Jugendroman „War Horse“ von 1982 hat der britische Autor Michael Morpurgo diesen Tieren gewissermaßen eine Stimme verliehen, indem er aus der subjektiven Perspektive eines Pferdes dessen Kriegserlebnisse schildert. Für die Leinwand ist das bewegende Buch zu einem ambitionierten, indes banalen Riesenabenteuer aufgeblasen worden.

Auf der Farm der rechtschaffenen, freilich armen Narracotts (Peter Mullan, Emily Watson) im ländlichen Devon entwickelt sich zwischen Sohn Albert (Jeremy Irvine) und Wallach Joey eine innige Vertrautheit. Aus finanziellen Gründen muß Joey zu Beginn des Ersten Weltkrieges an einen britischen Kavallerieoffizier (Tom Hiddleston) verkauft werden. Das Pferd erlebt eine Odyssee über die Schlachtfelder, ihm widerfährt Leid und Zuneigung, er geht durch die Hände von Armeeangehörigen und Zivilisten, von Engländern, Deutschen und Franzosen… nur um zuletzt zu seinem geliebten Albert zurückzufinden.

Schön, oder? © Dreamworks Distribution LLC

Pferd mit Symbolkraft

Bleischwer senkt sich der orchestrale Score von John Williams auf die nicht minder (melo-)dramatische Story, die in ihrer Überraschungslosigkeit trivial anmutet, in ihrer Didaktik naiv. Es mag durchaus begrüßenswert sein, Leben dort zu feiern, wo es zerstört wird: im Krieg; und Charakter da, wo er kaum anerkannt wird: bei Tieren. Gleichwohl läßt die narrative Konstruktion des Filmes nur schwer Anteilnahme aufkommen. Im Fokus steht allein Joeys Schicksal, die menschlichen Protagonisten um ihn herum kommen und gehen, ohne nennenswerte Eindrücke zu hinterlassen. Dafür sind ihre Auftritte zu kurz, ihre Figuren zu klischeegebunden. So bleibt nur Joey als Identifikationsfigur, der zwar ein netter Kerl zu sein scheint, außer gelegentlichem Wiehern oder Schnauben jedoch nichts zu sagen hat. Er ist hübsch, aber monoton – wie der Film.

Darüber können weder das tolle Sounddesign noch die die beachtliche Kameraarbeit von Janusz Kaminski hinwegtäuschen, der Frieden wie Krieg in adäquat ausgeleuchtete und kadrierte Bilder zu rücken versteht. Zwischendurch blickt er immer mal wieder in leichter Untersicht auf Joey, betont so dessen Erhabenheit. Kein Zweifel, Joey ist ein besonders edles Exemplar seiner Rasse. Wo er auch hinkommt, an die Front oder ins Lazarett, zu desertierten Soldaten oder zu friedlichen Bürgern, überall wirkt sich seine Anwesenheit positiv auf die Kriegsbeteiligten aus. So betrachtet avanciert ein Pferd zum Symbol für Menschlichkeit während einer Zeit, in der ein Menschen- wie Tierleben wenig bedeutet.

Pferd als Hoffnungsträger

In der zentralen Sequenz von „War Horse“ geht Joey durch, rennt verschreckt vor dem Kriegsdröhnen weg, springt durch Schützengräben, hetzt über Schlachtfelder, bis er im zerstörten Niemandsland zwischen den Fronten in Stacheldraht verheddert zusammenbricht. Was dann geschieht, ist fast ebenso unerwartet wie unwirklich: Die verfeindeten Seiten verständigen sich, schicken jeweils einen deutschen bzw. englischen Soldaten über die Gefechtslinie, die zusammen das schwer verwundete Pferd aus den spitzen Drähten herausschneiden. Eine Ahnung von Barmherzigkeit und Güte dringt in eine Welt der Waffen und Gewalt.

Immer wieder plädiert der Film für solch hoffnungsfrohe Einmütigkeit auf dem moralisch unberechenbaren Kriegsterrain; doch achtbare Absichten allein füllen nicht rund zweieinhalb Stunden Kino(über)länge. Es fragt sich, was Regiemeister Steven Spielberg an dem Stoff gereizt haben mag. Schließlich ist „War Horse“ für einen mitreißenden Kinderfilm zu gewalttätig, für ein ernstzunehmendes Kriegsdrama zu flach geraten. Auch hat Spielberg die für ihn immer wichtiger werdenden Ideale des Humanismus zuvor schon weitaus subtiler verhandelt, genauso sein Interesse an historischen Sujets, und seiner Freude am transzendierend-verspielten Abenteuer wäre ein ‚ziviler‘ Handlungsrahmen eher entgegengekommen. Von Beginn an scheint der Film zwischen den Stühlen zu sitzen, bleibt dort bedauerlicherweise nicht, sondern vergaloppiert sich in überbordendes Pathos – meist das Ende aller schlauen Unterhaltung.

Pferd vor Sonnenuntergang

Ausgerechnet Lee Hall („Billy Elliot“) und Richard Curtis („Radio Rock Revolution“), zwei ansonsten versierte Autoren, sind für die schwache Drehbuchadaption verantwortlich, deren Mangel an unverfälschten Emotionen auffällt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine in ihrer aufdringlichen Sentimentalität teils töricht-dumpfe Inszenierung. Angelegt als Kino der Überwältigung will „War Horse“ offenbar den Weg zum klassischen, auf der Leinwand inzwischen (leider) unterrepräsentierten Hollywood-Epos einschlagen, doch besitzt der Film nicht die Größe echter Gefühle. Nur ihr Abglanz liegt auf der in einem gewaltig rührseligen Sundown-Panorama mündenden Story.

Damit wird der Film keinem gerecht, schon gar nicht jenen zahllosen im Krieg ausgebeuteten Tieren. Ihr wahres Schicksal läßt sich in einem traurigen Satz zusammenfassen, jener prägnanten Inschrift des „Animals in War Memorial“ am Londoner Hyde Park: „They had no choice“.


Die Gefährten


Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Jeremy Irvine,     Peter Mullan, Emily Watson, David Thewlis
Kinostart: 16. Februar 2012

Im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

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