Warum scheitern überragende Jugendspieler im Seniorenbereich?

Es ist für mich ein faszinierendes Thema, dass sich im Jugendbereich hoch eingeschätzte Spieler im Seniorenbereich dann am Ende doch nicht durchsetzen und andererseits Spieler, die von ihren Vereinen als Jugendliche aussortiert werden, später richtig durchstarten.

von Eduard Eschle, dem Experten für Fußball auf www.academicworld.net

Eigentlich immer noch zu klein und zu leicht: Marko Marin

Um mal ein paar aktuelle Beispiele zu nennen: Marko Marin (einst von Eintracht Frankfurt als zu leicht befunden), Marco Reus (als Jugendlicher beim BVB gescheitert), Lewis Holtby (in der Jugend von Mönchengladbach ohne Perspektive) – allen wurde von ihren Stammvereinen wenig zugetraut, heute zählen sie zu absoluten Klassespielern.

Andersrum: Michael Zepek, das deutsche Abwehrass, wollten als U19-Spieler von Bayern bis Madrid alle haben, am Ende reichte es nur zu einer Karriere im gehobenen Amateurbereich. (s.a. http://www.fussball.de/michael-zepek-das-abwehrtalent-von-einst-ist-jetzt-spielerberater-/id_62136298/index)

Oft werden die folgenden Gründe genannt, wenn Jugendspieler im Seniorenbereich ihre Erfolge nicht bestätigen können:

Einstellung: Der Spieler ist im Jugendbereich so erfolgreich, dass er dies zum Anlass nimmt, in seinem Engagement nachzulassen (Berkant Göktan).

Physis: Ein hüftsteifer Knipser kann im Jugendbereich alles in Grund und Boden ballern, aber im Seniorenbereich relativiert sich seine körperliche Überlegenheit dann (Benjamin Auer).

Trainer und Umfeld: Da gibt es eben auch Trainer und Vereine, die Jugendspieler nicht richtig vorbereiten auf eine Karriere im Seniorenbereich bzw. zu früh zu hohe Erwartungen aufbauen (Assauer im DSF-Doppelpass über den damals 16jährigen Baumjohann, den Heynckes als B-Jugendlichen zu den Profis holte: „Vom Stellenwert für den deutschen Fußball wird der Junge der neue Ballack!“.)

Psyche: Aus nächster Nähe haben wir beobachten können, was aus dem „Jahrhundert-Jugendspieler“ Sebastian Deisler geworden ist oder wie Robert Enke von seinen Depressionen in den Selbstmord getrieben worden ist. Es gibt Menschen, die mit dem Leistungsdruck in der Bundesliga nicht nur schwer umgehen können, sondern bei denen dieser Druck krankheitsverstärkend wirkt. 

Ich denke, dass es neben den genannten plausiblen Erklärungen auch noch die schicksalhafte Fügung gibt, die über eine Karriere entscheidet: Glück oder Pech, in eine Mannschaft zu kommen oder ein gutes oder schlechtes erstes Spiel im Profibereich zu machen. Es heißt zwar immer, „Qualität setzt sich überall durch“, aber natürlich bauen Dinge aufeinander auf. Wer weiß, ob Julian Korb – gänzlich unbekannter Ergänzungsspieler bei Borussia Mönchengladbach – nicht bei den Bayern heute als Rechtsverteidiger gesetzt wäre und Lahm immer noch links spielen würde, wenn er damals als 15jähriger das Angebot der Bayern angenommen hätte – und möglicherweise von Herrmann Gerland so gefördert und gepusht worden wäre, wie dieser es einst bei Lahm gemacht hat? Heute ist Korb natürlich Lichtjahre davon entfernt – aber hätte das eine (hypothetische) überragende Spiel in der Bayern U23 mit 17 ihm nicht den Kick und das Vertrauen geben können, welches seine Karriere entscheidend gepusht hätte? 

Dieser Punkt – das Glück – wird in der Bewertung über einen Spieler heute kaum als Beurteilungskriterium akzeptiert. Eben weil es immer heißt, Qualität setze sich überall durch. Aber dem ist nicht so, glaube ich.

Und was heißt das nun, wenn man der Überlegung folgen möchte? D.h., dass einzelne Vereine vielleicht viel Qualität haben, diese aber nicht zur Geltung kommt – und die Verantwortlichen dies fälschlicherweise als „mangelnde Qualität“ missinterpretieren. Wenn es an den oben genannten Punkten nicht liegt, dass ein Spieler nicht durchstartet – also bspw. die fehlende Einstellung tatsächlich keine Verhinderungskriterium ist – dann ist es die besondere Herausforderung für die Verantwortlichen, die Qualität eines Spielers zu erkennen und frei zu legen. 

Diesbezüglich hat der Fußball noch gehörigen Nachholbedarf, die geringe Akademisierung in der Branche – weil Manager, Trainer und Sportdirektoren heute auch immer noch möglichst auf aktive Erfahrung und Stallgeruch zurückgreifen sollten – wird an diesem Punkt nicht zum Vorteil. Denn mit mehr Offenheit und Interesse für wissenschaftliche Verfahren, könnten Fußballclubs bspw. an objektivierbaren Eignungstests für Fußballer arbeiten, die über Schnelligkeits- oder Laktatstests hinausgehen und beispielsweise kognitive Eignungen mit einbeziehen. Es wird immer von der Fußballintelligenz gesprochen – vielleicht lohnt es sich deshalb, einmal über einen speziellen Fußball-IQ-Test nachzudenken? Ziel solcher Überlegungen ist es nicht, den Fußball planbarer zu machen, sondern Talenten die Chance zu geben, sich ihrem Potential gemäß zu entwickeln und nicht zu früh fallen gelassen zu werden.

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