Weihnachtshorror

Weihnachtszeit ist für viele Leute der Horror. Für mich ist es der alljährliche Versuch, sich aktiv diesem Horror entgegen zu stellen, das heißt vier Wochen lang gegen den Strom zu schwimmen.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Seltsamerweise muss man ja auf einmal noch Berge von Zeug erledigen, zum einen weil das von außen erwartet wird, zum anderen weil man es selbst nicht ins neue Jahr mitschleppen möchte. Für mich ist die Weihnachtszeit deshalb seit ein paar Jahren zur „Nein-sage“ Zeit geworden: Nein, ich mache mein neues Buchskript nicht bis Januar fertig, fragt doch bitte mal irgendwann Ende Januar nach, wo der Stand der Dinge ist. Nein, ich werde nicht noch vor Weihnachten für das neue Projekt nach Dresden fahren und es ist mir auch völlig egal, dass der Weihnachtsmarkt in Dresden, von dem ich dann in dem ganzen Stress eh nix mitbekomme, auch so besonders schön sein soll. Nein, ich werde diese psychologische Beratung nicht mehr annehmen, das kann auch bis Neujahr warten, bitte dann noch mal melden. Und vor allen Dingen: Nein, Hinz und Kunz bekommt nix von mir geschenkt, ich werde nicht irgendeinen Blödsinn kaufen, nur um was in der Hand zu haben. Und ganz wichtig: Nein, von mir bekommt niemand eine Weihnachtskarte und ich will auch keine scheinglücklichen Familienfotos mit gequälten Kindern in rotweißen Zipfelmützen auf Ektorb bekommen!

Ich hatte mir mal überlegt, Gutscheine zu verschenken, für längere Telefonate oder Kinderbetreuung oder zukünftige Gartenpartys. Aber das scheiterte daran, dass die Leute sowieso anrufen, wenn sie einen Rat brauchen oder ihre Kinder mal bespielt haben möchten, oder dass ich sie ohnehin einlade zu meinem Gartenfest. Ich habe mit meiner Familie beschlossen, wer irgendwas über 20 Euro schenkt, muss ein Weihnachtslied singen, alleine, ohne Blockflötenbegleitung – damit sich dieser Fehltritt möglichst tief ins Schamgefühl eingräbt. Wer nix schenkt ist auch o.k.: Da wir alle wissen, was wir voneinander halten, muss auch keinerlei Liebe mehr vorgetäuscht werden. Und die Liebe hält sogar über die Feiertage besser, wenn keiner vor lauter Geschenkestress kurz vor der Explosion steht. 

Es sind natürlich einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um nicht doch noch in den Sog der Allgemeinheit zu geraten: Unbedingt Innenstädte am Samstag und nach 16 Uhr auch unter der Woche meiden. Unbedingt schon so gegen den 20.12. in Richtung Heimat fahren, so am späten Vormittag.

Unbedingt mal ein Geschäft ausgucken mit guten Weihnachtsplätzchen, die man selber schachtelweise essen würde: Dort dann Mitte November 20 Schachteln kaufen und selber futtern oder den Restposten ab 23. zur absoluten Notration an Freunde mit Kindern verschenken (Kinder sind ja immun gegen Zuckerschocks und Plastikberge von Spielzeug sind noch viel schädlicher für die Umwelt und die Zukunft der Kleinen). 

Was auch der Entspannung am Jahresende dienlich ist: Einmal Weihnachtsmarkt in unmittelbarer Nähe, aber dann richtig. Nach fünf Glühwein eine Schokobanane und 200 Gramm gebrannten Mandeln heim takeln, möglichst Anfang Dezember schon. Dann gerät man nämlich nicht in den Druck folgenden Gedankens: „Mist, jetzt ist schon fast wieder der 24. und ich war noch nicht einmal….“

Und was ich auch sehr gerne in der Weihnachtszeit mache: Ich fahre in der frühen Dämmerung am Nachmittag, wenn es das Wetter zulässt, dick eingepackt mit dem Fahrrad durch München, durch die Wohngebiete, wo überall die beleuchteten Bäume in den Vorgärten stehen und lade mich auf mit positivem Weihnachtsgefühlen. 

Und nächste Woche erzähle ich meinen geneigten Lesern, wie man am besten mit dem anderen Jahresendhorror umgeht, d.h. der Frage: Was machst Du denn an Silvester?

von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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