Schwarzer Humor

Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen. Viel gibt es dieser Tage dazu zu lesen. Dass sie bisher die einzige prominente Steuersünder-In ist, scheint keinem aufgefallen zu sein. Wer dachte Frauen seinen besser als Männer, würden ihre Macht und Verdienstmöglichkeiten – sofern sie endlich erkämpft sind bzw. zugestanden – redlicher verwalten, der wird jetzt endgültig vom Gegenteil überzeugt.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Frauen lieben Geld genauso wie Männer, besonders wenn es ihr Geld ist. Und sie wollen es genauso wenig teilen mit einer unpersönlichen Gemeinschaft, für die sie ohnehin „schon ständig viel zu hohe Steuern zahlen“ von ihrem selbstverdienten Geld, das endlich Höhen erreicht hat, dass sich Steuerhinterziehung überhaupt mal lohnt – in ganz wenigen Fällen wenigstens. Seltsam eigentlich, dass Alice Schwarzer das nicht als Argument vorgebracht hat: Männer hinterziehen in Massen seit Ewigkeiten Steuern, warum gibt es gerade jetzt plötzlich Strafen, wo es sich erstmal auch für Frauen lohnt?! Sollten Frauen nicht erstmal steuerfrei verdienen können (oder zumindest straffrei hinterziehen), um die Jahrhunderte der ungerechten Ungleichheit wenigstens ein bisschen auszugleichen?!

Lange gab es Gerüchte über Alice Schwarzers Selbstherrlichkeit – pardon Selbstfraulichkeit (oder heißt es richtig: Selbstdämlichkeit?!)  – gegenüber ihren weiblichen Mitarbeitern, über Hungerlöhne und stimmgewaltige Abmahnungen. Menschen, die mit ihr zu tun hatten, behaupten durchweg: Befehlen liegt ihr, Kritik nicht. Dabei ist sie auch noch dem schnöden Luxus durchaus zugewandt, liebt gutes Essen (das sieht man) und gute Designer („das sieht man nicht“ – könnte ich jetzt schreiben, oder: „die braucht man dann auch“…. aber das wäre typisch machohaft, oberflächlich, unfair auf äußere Schwachstellen gezielt und ein typischer Schlag unter die Gürtellinie, den normalerweise gekränkte Männer gegen Frauen austeilen, wenn ihnen die Argumente fehlen. Und wir Frauen wollen doch besser sein als die Männer – auch wenn das bei Alice, unserer alten Frontfrau, offensichtlich nicht der Fall ist….). Alice Schwarzer scheint sich in Ego und Auftritt jedenfalls nicht von all den Männern zu unterscheiden, die sie seit Jahrzehnten als Hauptgegner hat.

Und so scheint Alice Schwarzer neben ihrem Alpha-Frauen-Gehabe nun mit der Steuerhinterziehung endgültig zur Patriarchin geworden zu sein (und zwar im wahrsten Sinne dieser verqueren Wortgleichstellungs-Konstruktion). Der kleine Unterschied hatte hier leider keine großen Folgen (jedenfalls keine positiven) und beschränkt sich auf zwei lächerliche Buchstaben.  Viele andere Frauen bescheißen die Steuer übrigens auch, so wie viele Männer, sofern sie als SelbstverdienerInnen diese Möglichkeit des moralischen Versagens überhaupt haben – mit Bewirtungsquittungen, Kilometergeldabrechnungen und der steuerfreien Putzfrau. Und gäbe es eine Untersuchung dazu, könnte ich wetten: Hier brauchen wir keine Gleichstellungsquote. Dabei haben wir Frauen sogar die besseren moralisch getünchten Ausreden: Ich tue es für meine Kinder, oder: Wenn sich mein Mann von mir trennt, habe ich ohnehin die schlechtere Rente…. Den jungen Geliebten mit Luxus-Ansprüchen und die Protzkarre traut man uns ja zum Glück immer noch nicht flächendeckend zu.  Aber vielleicht gibt uns Alice Schwarzer demnächst ja auch noch hier ein unmoralisches Vorbild ab.

Ich sehr die Schlagzeile schon vor mir: Alice bei Koks-Orgie mit mehreren jungen osteuropäischen Männern erwischt… Alice im Wunderland… Alice selbst dazu: „Ist der Ruf erst ruiniert…“, oder: „Jahre lang habe ich als moralische Instanz nur Spott und Undankbarkeit geerntet und die Prostitution ist schlimmer, denn je in Deutschland. Ich versuch jetzt mit `ner anderen Masche… macht auch viel mehr Spaß…“

Tja: Gleichstellung ist ein dehnbarer Begriff.

Share.