Neues für diese Woche: Das Phänomen Shades of Grey

Frauen mögen phantasievollen Sex mit sehr gutaussehenden, sehr erfolgreichen Männern. Was für eine Überraschung!
Seit dem die Triologie `Shades of Gray´ der Autorin E.L. James alle Verkaufsrekorde des Buchmarktes gebrochen hat, versucht das Feuilleton der westlichen Welt sich diesen Erfolg zu erklären: Warum lesen emanzipierte Frauen, die weitestgehend Gleichberechtigung und Selbständigkeit leben, plötzlich dicke Schmöker über sexuelle Unterwefung?

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Alle bisherigen Deutungsversuche, von „Schuldgefühlen“, die Frauen angeblich wegen ihrer Emanzipation plagen, bis zu der Behauptung „Porno ist jetzt Mainstream“, zeigen in erster Linie nur die Hilflosigkeit dem Phänomen auf die Schliche zu kommen und verweisen deutlich auf die Allgegenwärtigkeit eines „politisch korrekten Denkens“, das auch hier seine Vormachtstellung zu behaupten versucht.

Sogar Max Weber und eine Reaktion auf die „puritanischen Wirtschaftskrise“ wurden beschworen, um den Rausch und das tiefe Eintauchen von erwachsenen, emanzipierten Frauen in diese Phantasiewelt intellektuell zu erfassen. Doch all diese erfahrungsfremden, moralinsauren Bemühungen machen nur allzu deutlich, wie wenig die drängende, intime Sehnsucht der Leserinnen verstanden wurde.

Daneben blieben Verunglimpfungen der `Shades of Gray´ Trilogie als „Mom´s Porn“ oder „Hühnergeschreipsel“ natürlich auch nicht aus: Was man nicht erklären kann und dem gängigen Wertekanon so massiv widerspricht, wird als minderwertige Literatur oder – einfacher noch – als „Weiberkram“ abgeharkt.

Doch was sagt diese Welle der kollektiven Realitätsflucht, die über die weibliche Bevölkerung aller modernen Gesellschaften eigentlich schon seit längerer Zeit so einheitlich hinwegrollt, wirklich aus über heutige Frauen, über ihre Gefühlswelt und ihre Vorstellungen vom Glück, die anscheinend durch die Bücher millionenfach tief berührt werden?

Von jeher konnte sich jeder Autor der allgemeinen Aufmerksamkeit sicher sein, wenn er über freizügige Sexpraktiken von Frauen ausführlich und bilderreich schrieb. Die Liste der Vorläufer ist lang und reicht vom Schutzheiligen der literarischen sexuellen Exzesse `Marquis de Sade´, über die Erlebnisse der `Funny Hill´, `Die Geschichte der O.´ oder `Das sexuelle Leben der Catherine M.´,  bis in unsere Gegenwart zu eben jener Anastasia aus `Shades of Gray´.

Man kann sich quasi sicher sein: Wenn man irgendeinen Buchstaben des Alphabetes als Synonym für einen Frauennamen nimmt und seine Heldin durch einen exzessiven, sexuellen Erlebnispark schickt, wird sich zwangsläufig die Rezipientenwelt auf dieses Werk fokussieren – einschließlich moralischem Aufschrei und späterem Verkauf von Filmrechten.

Als emanzipierte Frau kann man sich eigentlich erst mal nur darüber wundern, dass sich überhaupt noch einer wundert darüber, dass Frauen eine eigene, selbstbestimmte, variantenreiche Sexinszenierung interessant finden oder sogar leben. Weibliche Vorstellungen von gutem Sex haben wenig zu tun mit den gängigen männlichen Sexphantasien der Pornoindustrie. Auch das ist schon länger bekannt.

Warum ist das für unsere Kultur eigentlich immer noch so schwer hinzunehmen, dass solche eigenwilligen Erotikwelten millionenfach Frauenträume spiegeln, ohne gleich irgendeinen Verfall der Sitten heraufzubeschwören? Schließlich kaufen Männer völlig unbehelligt jeden Monat millionenfach den Playboy  und das eben nicht nur wegen der guten Reportagen. Sie laden sich täglich tausende von Sexfilmen aus dem Internet herunter, die in ihrer Dramaturgie wenig variieren und niemand hinterfragt deshalb ihren Anspruch oder ihre Rolle in der modernen Welt.

Anscheinend ist die weibliche Sexualität, jenseits der Löffelchenstellung, immer noch etwas, dass Sittenwächter sämtlicher Couleur auf den Plan ruft, sobald sie sich öffentlich zeigt. Man hofft und wartet darauf, dass die Tatsache, dass Frauen wilden Sex mögen, doch endlich zum allgemeingültigen Selbstverständnis wird, bevor die Autoren mit ihren ganzen sexuellen Abenteuern der As und Os mit dem Alphabet am Ende sind.

Es handelt sich bei dem Phänomen `Shades of Gray´ also weniger um einen „Tabubruch in Zeiten der Emanzipation“, als vielmehr um das hoffentlich letzte Gefecht im Kampf um eine selbstverständliche, selbstbestimmte weibliche Sexualität: Die Befreiung vom Diktat männlicher Phantasien – aber auch von dem des Feminismus und der Political Correctness. Letztere haben der Emanzipation sicher über lange Strecken einen großen Dienst erwiesen, doch laufen sie gerade Gefahr sich in ihr Gegenteil zu verkehren – und das betrifft nicht nur die weibliche Sexualität, sondern das Bild von der leistungsstarken Frauen im allgemeinen.

Denn gerade die sexuelle Phantasie der Unterwerfung und Kontrollabgabe und der Wunsch nach einem dominanten Mr. Perfekt ergeben sich aus den überhohen Ansprüchen, die die Emanzipationsbewegung heute an die Frauen stellt.
Der interessante Aspekt bei dem Phänomen `Shades of Gray´ ist deshalb eigentlich nicht der Sex, sondern die universale Sehnsucht nach einem Mann, der jenseits der Fesselspiele und BDSM-Praktiken als dominanter, umsorgender Seelentröster und Leistungsträger beschrieben wird. (Ich werde hier nicht mehr erklären, was BDSM bedeutet, denn es wurde wirklich in jedem Artikel von der Bildzeitung bis zum Spiegel, von der New York Times bis zur Gala genauestens wiedergegeben – als würde dieser Fachjargon alleine schon dem voyeuristischen Leser seinen höchsteigene Lust bereiten, nämlich die des sicheren Blickes von außen auf eine extravagante, sexuelle Handlung, der immer noch etwas „verbotenes“ anhängt.)

Das Spannende und Untersuchenswerte an dieser Geschichte und ihren zahlreichen modernen Vorläufern, die in den letzten Jahren ähnliche Begeisterungsstürme bei jungen, emanzipierten Großstadtsinglefrauen und mittelalten, verheirateten Kleinstadtfrauen auslöste, sind die fast identischen weiblichen Hauptfiguren und die immergleiche Figur des Mr. RIGHT!

Fortsetzung folgt….

Katharina Ohana

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