Einstein unscharf

Neulich erzählte mir eine alte Freundin von der Rückkehr in die Kleinstadt unserer Kindheit. Sie ist ihrer alten Jugendliebe wieder begegnet und seither – glücklich neuverliebt – geht es ihr, als hätte man sie in eine Maschine gesetzt, die sie 23 Jahre in die Vergangenheit katapultiert, wo zwar alle älter aussehen als damals, sich sonst aber nix verändert hat.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Ein seltsames Phänomen der Unveränderbarkeit von Raum, bei  gleichzeitigem Zeitsprung – von der Physik bisher vernachlässigt. Man kennt den Effekt von Klassentreffen, wo man alle 10 Jahre Menschen sieht, mit denen man jahrelang in stickigen Räumen zusammen mehr oder weniger langweilige (und in meiner Generation noch völlig analoge) Sachen lernen musste, die man dann nie wieder brauchte (Integralrechnung zum Beispiel  oder den chemischen Aufbau von Methylirgendwas…). Bei solchen Begegnungen begreift man, wie Einstein (der einem damals ziemlich auf den Nerv ging)auf seine Relativitätstheorie kam: Man erkennt, was Zeit ist und das sie sich im Raum biegt, besonders an den Hüften der ehemaligen Mitschüler.

Meine Freundin begegnet also in den letzten Wochen immer wieder Menschen, die sie mal aus sehr intimen Momenten kannte (Rumgeknutsche, heimliches Jointgerauche, Schnapsklau in irgendeinem elterlichen Keller, Entleerung des Mageninhaltes in einem VW-Käfer auf dem Rückweg von der Disco, etc.) Ihre alte Jugendliebe ist immer in der Region ihrer Herkunft geblieben und hatte die Freundschaften der Jugend weiter gepflegt. Und nun sitzt sie ab und an in den selbsterrichteten Wohnzimmern, mit teilweise (der einfacheren Heimespflege wegen) gekachelten Böden dieser Menschen, die jetzt Kinder haben, die fast so alt sind, wie sie alle damals und diese Kinder sagen zu den alten Freunden, die damals auf Tanzflächen zu der Musik von Annie Lennox  sich Hemden vom Leib rissen: „Papa, ich spiel noch Warrior.“ Und der Papa sagt: „Aber nicht zu lange, Du weißt morgen ist Schule.“ 

Nicht dass es nicht abzusehen war, dass es so kommen würde. Selbst mit der Weltsicht von 20 Jährigen („Ich bleib immer jung – Altsein ist die Schuld der anderen…“) hätte man schon die genetische Veranlagung zu Alessi-Küche, Ecksofawelt und rosa Marmorgästeklo erkennen können (wobei nicht klar ist, ob das wirklich immer nur Prägung ist – ich würde behaupten, es gibt einen Vitrinenschrank-mit-Riedelweingläser-Gen). Es war also schon immer alles vorbestimmt: Wir hatten eigentlich keine Chance. Das Schicksaal hatte schon, in dem Moment, wo wir das Licht der Welt erblickten, beschlossen: Du wirst mal jemand, der im Mai zum „Angrillen“ in den eigenen Garten lädt, nachdem Du Deinen Rollrasen mit dem Wolf-Elektromäher auf exakt 2,5 cm gestutzt hast (genauso wie Du damals jeden Samstagnachmittag den Rasen Deiner Eltern gemäht hast, um das Geld für den abendlichen Discobesuch zu verdienen). Und Du wirst eine Frau heiraten, der nach der Geburt des ersten Kindes sämtliche anderen Hirninhalte gelöscht werden, die vergessen wird, dass sie mal Wale retten wollte und stundenlang Vorträge hielt über Papua-Neuguinea, so wie heute über die Charaktereigenschaften ihres Nachwuchses (durch alle Altersstufen hindurch in Halbjahresschritten gegliedert). 

Die Heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass wir mit der Fragestellung schon das Ergebnis des Experimentes, das die Frage beantworten soll, beeinflussen. Betrachtet man sich und seine Freunde damals, war das Lebensexperiment schon entschieden durch die Frage: Wo wurdest Du geboren? Oder gab es da nicht doch noch die Möglichkeit einer Unschärfe in Bezug auf das Ergebnis (also Heisenberg umgekehrt)?! Ich würde mich freiwillig hergeben für den Namen dieses lebensphysikalischen Phänomens, das erwägt, dass unser Werdegang doch nicht 100% festgelegt war durch die Automarke, die unsere Eltern fuhren. Nennen wir es doch: den  Ohanischen Unschärfe-Fatalismus.

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