Einen-an-der Latte-Mütter

Zunehmend gerät für mich eine Gesellschaftsgruppe in den Fokus meiner negativen Aufmerksamkeit. Nur: Auf diese Menschen darf man eigentlich nicht sauer zu sein, jedenfalls nicht öffentlich. Die Rede ist von Müttern – oder vielmehr einigen Müttern. Doch hinter vorgehaltener Hand vernehme ich immer häufiger auch andere heimliche Kritiker.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Allgemein werden diese sich schlecht benehmenden Mütter auch Latte Macchiato Mütter genannt, aber ich finde, da tut man dem unschuldigen Heißgetränk, das ich selbst sehr liebe, eigentlich Unrecht. Denn diese Frauen, die rücksichtslos ihre Kinderwägen wie Panzer über Bordsteine schieben (so dass man häufig keine Zeit mehr hat, seine Schuhspitzen in Sicherheit zu bringen), die Geschäftseingänge und ganze Kaffeegasträume blockieren, benutzen ihre Kinder (die zurecht öffentlichen Schutz einfordern dürfen), um ihren eigenen zu kurz gekommenen Egos nun endlich die Befriedigung zu verschaffen, von der sie schon immer geträumt haben.

Ich habe viele Mütter in meinem Freundeskreis und auffälliger Weise sind gerade die Mütter gute Mütter, die sich oft über ihre Fehler Gedanken machen. Seltsamer Weise arbeiten sie alle (manche bis zu 12 Stunden am Tag) und sie sehen ihre Kinder als Menschen, denen sie beim Großwerden helfen. Nicht mehr und nicht weniger. D.h. sie sehen ihre Kinder nicht als Hochbegabte oder Lebenssinn, Wunderwesen, die schon unglaublich einzigartig ihre Windel vollscheißen, deren geringfügigste körperliche Fortentwicklung bei Facebook gepostet werden muss, die mal Modell werden sollen oder Nobelpreisträger oder beides, deren erste Schulnoten man per Rundschreiben in die Welt schicken muss, samt Foto vom Belohnungsgeschenk mit zwanghaft unsicher grinsendem vorgeführten Empfänger und der Unterschrift: „Hier unsre Natalie, stolz mit ihrem Hallo-Kitty-Schulranzen, den sie für die 2 in Mathe bekommen hat. Wenn sie das nächste Mal noch etwas früher anfängt zu lernen, wird es wohl endlich ein `sehr gut´ und dann gibt es auch die ersehnte Diddel-Maus-Justin-Bieber-Jeans…“.

Kritisiert man Mütter in unserer Kindermangelgesellschaft, macht man sich am Mutterinstinkt schuldig. Nur gibt es den Mutterinstinkt gar nicht. Er ist eine Erfindung des Biedermeier, um die bürgerlichen Frauen vollends an Kinder und Haushalt zu koppeln, ihnen Schuld und Schande in die Schuhe zu schieben, wenn sie etwas anderes wollen. Ich weiß das. Und was noch viel besser ist: Ich darf das sagen! Ich bin nämlich so eine studierte Psychotante, die neben der Paartherapie vor allem die Kinder und Jugendpsychologie als Schwerpunkt hatte im Examen und in meiner Arbeit seit nunmehr 25 Jahren. Und gerade weil ich in der Paarberatung die zerbrechenden Familien sehe und die Probleme höre weiß ich, dass Frauen als Mutter so oft glauben, jetzt könnten sie wegen der Kinder und ihrer Mutterschaft von Vater und Gesellschaft endlich fordern, was sie schon immer entbehrten: Rücksicht und Aufmerksamkeit. Und da man sie offiziell nicht kritisieren und bremsen darf (eine Mutter gilt ja bei uns als opferbereite Naturinstinkt-Heilige), toben sich hier all die psychischen Schwächen aus (wie überall, wo Menschen keiner offiziellen Korrekturinstanz mehr unterliegen)  – bis der Mann genug hat und geht, bis die Kinder groß werden und Schwierigkeiten machen und irgendwann immer ihre eigenen Wege gehen und sich nicht mehr manipulieren lassen und keiner mehr auf die verletzten inneren Kinderseelen der Mütter reagiert.

In unserer heutigen Welt gibt es kein Gebiet mehr, wo ungestraft Neurosen ausgelebt werden können. Männer müssen nicht mehr bei ihren Frauen bleiben, bis dass der Tod sie scheidet (und umgekehrt), Kinder haben nicht mehr die Pflicht, Vater und Mutter zu ehren, wenn diese sich unreif und neurotisch verhalten. Irgendwann bekommen wir die Quittung, wenn wir glauben, rücksichtslos (selbst mit einem Kinderwagen vor sich) die eigenen Befindlichkeiten durch die Welt schieben zu können und endlich mal am längeren Hebel zu sitzen: So Welt! Jetzt müsst ihr hier alle mal Platz machen für mich, äh für mein Kind (die Zukunft der Gesellschaft), jetzt bin ich endlich mal jemand der Forderungen stellen kann, unter dem Schutzmantel der Mutterschaft. Und natürlich weiß nur ich, was das Beste ist (für mein Kind)!

Liebe Mütter, die ihr selbst noch gerne Kinder wärt, die für sich als Einzige auf dieser Welt das Recht einfordern können, dass ihnen Liebe und Anerkennung zu Teil werden: Einfach so, von Natur aus. Irgendwann ist jede Mutterschaft zu Ende und spätestens dann ist Schluss mit renitent eingeforderter Rücksicht. Vergesst das nicht. Oder wie eine sehr gute Freundin und mehrfache Mutter und Steuerkanzleibesitzerin neulich bemerkte: Ich will nicht, dass meine Kinder glauben, sie wären alleine auf der Welt und alles würde sich nur um sie drehen.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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