Der Marktwert der Liebe Teil III

Die heutige Arbeitswelt und unsere materialistisch-dominierte Werteordnung widersprechen unserer menschlichen Natur. Unser Bedürfnis nach Bindung, gelebten tiefen Gefühlen, nach Ruhe, gegenseitiger Bestätigung, Zuwendung und Anerkennung kommt ständig zu kurz – zugunsten einer sehr einseitigen, karriereorientierten Selbstsuche.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Selbstverwirklichung und Bindungsbedürfnisse (diese zwei großen, grundsätzlichen Komponenten unserer menschlichen Existenz) stehen sich in der modernen, kapitalistischen Kultur immer stärker gegenseitig im Wege (anstatt sich zu ergänzen und so zu einem zufriedenen Lebensgefühl zu führen). Alles gerät aus dem Gleichgewicht.

Das „richtige Maß“ zu finden verbietet aber unser Leistungssystem mit seinem Anspruch an einen hohen materiellen Wohlstand, dem ständig steigenden Arbeitsaufwand und dem Versuch so viel wie möglich aus diesem einen Leben herauszuholen. Das (jenseitige) Paradies ist abgeschafft: Es lebe das (weltliche) Paradies mit all seinen materiellen Verlockungen im hier und jetzt! Dabei verlieren wir immer mehr die Zufriedenheit mit uns selbst, Zeit und Raum für gelebte, positive Gefühle mit Menschen, die uns wichtig sind.

Es gibt eigentlich keinen Platz mehr in unserem Leben für die große Liebe, tiefe, liebevolle, rücksichtsvolle, selbstvergessene Gefühle, für die wir gleichzeitig all die Anstrengungen unternehmen, Raum und Zeit opfern, um uns für sie bestmöglichst zu empfehlen. Und die Kluft wird immer größer, da wir für unseren Wohlstand immer weiter materielles Wachstum garantieren müssen. 

Besonders in den „guten“ (gut bezahlten, machtrelevanten) Jobs  wird „voller Einsatz“, Opferbereitschaft, Hingabe an die Firma erwartet und das alles natürlich auch noch mit großer Begeisterung. Dabei sind es aber auch und gerade die anderen Menschen, mit denen wir in tiefer emotionaler Verbindung stehen, die unserem Leben einen Sinn geben. 

Unsere Sehnsucht nach Bindung muss mit dem Streben nach Selbstverwirklichung gleichberechtigt im Einklang sein, um uns Menschen glücklich zu machen. Diese für uns wichtigen Beziehungen zu anderen, also die Hälfte von dem, was unser menschliches Dasein ausmacht, wird von unserem Wirtschaftssystem negiert, stetig geschwächt oder sogar unmöglich gemacht. 

Durch das falsche, fordernde Leistungsideal, materielle Erfolgsbilanzen, eine statusorientierte Selbstverwirklichung und unsere stetig angeheizten Konsumwünsche geraten wir immer weiter ins Hintertreffen mit unseren emotionalen Bindungen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben werden durch unsere eigenen Ansprüche und die der Arbeitgeber immer weiter aufgelöst: Wir beuten uns aus, für unseren Traum vom perfekten Leben, für die Shareholder (unsere eigenen Rentenfonds) und den Traum von Sicherheit auf dem Designersofa. Die Firma ersetzt Familie und Freunde, immer mehr Menschen sind mit ihrer Arbeit „verheiratet“.

Loyalität und Teamgeist sind zu „Firmenphilosophie-Floskeln“, zu Worthülsen geworden. Denn bei der geringsten Leistungsschwäche (des Unternehmens oder der eigenen) werden Mitarbeiter gekündigt oder durch Leiharbeiter ersetzt. Verunsicherung und ein „hohles Werte-Blabla“ (zu finden auf jeder Firmen-Web-Seite), mangelnde Erfahrung mit wirklicher Wertschätzung und Solidarität, machen es immer schwerer zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Wir verlernen wie Loyalität und gegenseitiges „Füreinandereinstehen“, Teamgeist und Rücksicht in der Praxis wirklich aussehen. Ein „latentes Unbehagen“ gehört zur Tagesordnung. Und trotzdem glauben wir in dem ganzen Erfolgsdruck, dass wir selbst daran schuld sind, an den Enttäuschungen und Rückschlägen, und alle anderen es viel besser schaffen. 

Doch das, was für uns Menschen unbedingt nötig ist, um uns immer (und immer wieder) wirkliche Zufriedenheit und ein Sicherheitsgefühl zu verschaffen, sind die tiefen Bindungen: Positiven Gefühle (Liebe) zu anderen Menschen, wirkliches Vertrauen und gemeinsame glückliche Erfahrungen. Denn nur das schafft wirkliches Selbstvertrauen und eine „Firewall“ gegen all die Selbstzweifel (die fatale Ursache hinter all der Selbstausbeutung und den Kompensationssehnsüchten).

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