Babyburnout

Neulich rief mich eine beunruhigte Freundin an und erzählte mir, ihr dreijähriger Sohn Leo wolle plötzlich Theresa heißen: Ob das normal sei …

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Es gibt in der Entwicklung von Kindern immer wieder Geschlechtsfindungsphasen im Rahmen der Identitätsbildung, aber dass der kleine Leo ausgerechnet Theresa heißen wollte, war etwas merkwürdig.

Ich bat meine Freundin mal zu recherchieren, ob es ein Theresa im Kindergarten gäbe. Nach zwei Tagen rief sie mich wieder an und erzählte mir folgende Geschichte: Leo, ihr Sohn spiele immer am liebsten mit Jonas, seinem besten Freund. Doch plötzlich habe die Mutter von Jonas beschlossen, Jonas sei hochbegabt und dürfe nur noch mit anderen hochbegabten Kindern spielen. Und da Theresas Mutter auch beschlossen hatte ihr Kind sei hochbegabt, durfte Jonas jetzt nur noch mit Theresa spielen. Und natürlich war der kleine Leo darüber sehr traurig und wollte deshalb gerne Theresa sein, damit Jonas wieder mit ihm spielen dürfe …

Mal davon abgesehen, dass zuverlässige Intelligenztest frühestens ab acht Jahren gemacht werden können, finde ich diese Entwicklung unserer Leistungsgesellschaft bis hin zum Kindergarten insgesamt ziemlich bedenklich. Eltern und Kinder geraten immer mehr unter Druck. Ehemalige Karrieremütter entdecken auf einmal das Projekt Kind. Väter überlegen, ob ihr Junior zuerst Chinesisch oder Russisch lernen sollte und dabei pupst der Kleine noch ganz unbedarft in seine Windeln.

Die Globalisierung schafft Panik in Klassenräumen und Kinderzimmern, es gibt immer mehr Kinder, die an einem Burnout leiden, schon im Kindergarten lesen und schreiben können, weil die Eltern gehört haben, dass die Förderung im Kleinkindalter besonders viel bringe für die Intelligenz.

Sicher ist Vernachlässigung schlimm: Kleine Kinder lange vor dem Fernseher zu parken ist Kindesmisshandlung und schadet nachweislich Intelligenz und Charakter. Die Kinder werden hyperaktiv und ecken frühzeitig in allen sozialen Ordnungen an. Aber Kinder, die sich nur geliebt fühlen, wenn sie die hohen Ansprüche erfüllen, die an sie gestellt werden, entwickeln ein mangelndes Selbstwertgefühl, begleitet von schlimmen Neurosen.

Die Maßregel für alle Eltern lautet: Nur ein Kind, dass selbständig sich gerne Dinge aneignen will, behält den Vorsprung. Sind die Kenntnisse von den Eltern instruiert, verflüchtigt sich der antrainierte Vorteil in den ersten beiden Schuljahren. Sie bleiben sogar öfter sitzen, weil ihnen die Schule von vorneherein als langweilig vorkommt und sie ein Selbstbild entwickeln, dass sie glauben lässt, sie müssten nicht lernen. Die Schlüsselstelle ist also die geistige Autonomie des Kindes – und nicht die geistige Autonomie des Kindes, die ihm von seinen Eltern angedichtet wird. Man kann den Kindern dann nur wünschen, dass der Ehrgeiz der Eltern irgendwann nachlässt.

Viel wichtiger für den “Erfolg” eines Kindes ist die Frustrationstoleranz und die ergibt sich aus der Geduld und der Zeit der Eltern und deren liebevollen, anerkennenden Umgang mit dem Kind. Wenn ein Kind beliebt ist in seiner Klasse, weil es hilfsbereit und empathisch mit den anderen Kindern umgeht, nicht grob wird oder sich immer in den Mittelpunkt spielt, dann ist das weit wichtiger für sein späteres Leben, als seine Schulnoten.

Ach ja: Ich habe dann die Mutter von Jonas angesprochen, als ich das nächste Mal Leo mit seiner Mutter vom Kindergarten abgeholt habe. Sie hat sich ziemlich aufgeplustert und mich gefragt, was mich das angehe. Ich habe ihr dann erzählt was ich beruflich mache, und dass sie ihrem Kind wirklich schade und mit Sicherheit wolle sie das nicht. Es ist eigentlich furchtbar traurig, dass man das Holzhammerargument “Psychologin” auspacken muss, um den Wahn solcher Mütter zu durchdringen (ich habe auch schon Mütter angesprochen, die im Supermarkt ihre Kinder anschrien. Ich werde das wohl auch immer weiter tun, auch wenn ich weiß, dass hinter der nächsten Ecke, die falschen Muster weitergelebt werden. Aber nur 5 Minuten nachdenken und sei es auch nur bis zur Supermarktkasse oder vom Kindergarten nach Hause, ist besser als Nichts. Hoffe ich.) 

Das Gespür, was ein Kind braucht und was es für ein Mensch ist, scheint hier völlig verloren gegangen zu sein. Wahrscheinlich hatten diese Mütter ebensolche Mütter und Väter, die ihnen nicht besonders gut vermittelt haben, was sie eigentlich für liebenswerte Menschen sein könnten, wenn sie einfach nur das werden, was in ihnen angelegt ist.

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

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