Im freien Fall der Phantasie

Jede Woche eine besondere Filmempfehlung von Academicworld-Filmexpertin Nathalie Mispagel – für alle, die richtig gute Filme lieben und genau deshalb gerne mal ratlos in der Videothek stehen.

“Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung.” (Eugène Ionesco)

Vom Sanatorium zum Orient

Wahrlich kühn ist Tarsem Singhs Meisterwerk, ein grandioses Fantasy-Drama mit poetisch-raunendem Flair und der ungebändigten Ästhetik extravaganter Schönheit. Edel, gar luftig perlt diese wundervolle Reflexion über die Tradition des Geschichtenerzählens von der Leinwand hinab, bezwingt Geist, Gefühl und Sinne, um tief zu dem vorzudringen, was Kino, was Leben überhaupt ausmacht: Phantasie als existenzielle Kraft.

In einem Krankenhaus 1915 in Los Angeles treffen ein schwerverletzter, zukünftig wohl querschnittsgelähmter Stuntman und ein kleines rumänisches Mädchen mit gebrochenem Arm aufeinander. Roy avanciert für Alexandria zum Märchenerzähler, sie wiederum soll zum Handlanger seines geplanten Selbstmordes werden und ihm Morphiumtabletten stehlen. Einander näher kommen sie über die von Roy entworfene, durch seine Voice-over strukturierte Abenteuergeschichte, die sich im Kopf von Alexandria ihrer kindlichen Wahrnehmung anpaßt und visualisiert, allerdings immer mehr von den Einbrüchen der Realität zerstört zu werden droht.

Während Roy in der Vorstellung Alexandrias als verwegener Desperado durch seine erfundene Mär vagabundiert, verliert er in der Realität stetig an Lebensmut. Langsam mutiert seine Story zum düsteren Spiegel des eigenen Elends, zum Fanal der Todessehnsucht. In dieser aussichtslosen Lage wird sich die wahre Bedeutung der rührenden Freundschaft zwischen ihm und Alexandria erweisen.

Vom Licht zur Farbe

Die im schattigen, durch dunkle Gelb-, Grün-, Braun- sowie milde Cremetöne sehr still, warm und refugienhaft wirkenden Hospital situierte Rahmenhandlung wird von einer atemberaubenden, Roys Geschichten illustrierenden Phantasiewelt kontrastiert. Gleich einer Fata Morgana unter gleisender Sonne erhebt sich eine im orientalisch-indischen Ambiente angesiedelte Szenerie, nicht nur sicht-, sondern auch sinnlich fühlbar, von monumentaler Weite, Höhe und Tiefe.

Bemerkenswerterweise wurde bei der Gestaltung jener Tableaus fast komplett auf Special-Effects verzichtet, dafür weltweit an rund 20 herausragenden Originalschauplätzen gedreht, unter anderem in Indien, Südafrika, Ägypten, Griechenland sowie auf Bali. Unendliche Wüsten, einsame Atolle, filigrane Paläste, zauberhafte Gartenanlagen, verwinkelte Städte, an M.C. Escher erinnernde raffinierte Treppenlabyrinthe: Sie sind weder der ‘l’art pour l’art’ geschuldet, noch als reine Seelenlandschaft zu verstehen, sondern zugleich gewaltige exotische Kulisse und hypnotisches Sinnbild einer fürwahr grenzenlosen menschlichen Phantasie.

Die fünf, später sechs tapferen Helden der Fabel tragen Kleidung in kräftigen Primärfarben, gehören den unterschiedlichsten Kulturen an und scheinen ebenso wie ihre klassisch-kreativen Kostüme aus divergenten Epochen zu stammen. Ost und West, Zeit und Ort vermischen sich in ihren Charakteren. Was sie eint, ist allein der Rachefeldzug gegen einen bösen, in aller Dasein leidvolle Spuren hinterlassenden Gouverneur, der sie über sämtliche Kontinente führt. Tarsem Singh inszeniert diese zunächst unkomplizierte, später packende mystische Binnengeschichte gleich einem epischen ‘Theater im Kopf’, läßt etwa seine edlen Protagonisten manchmal mit dem sie umgebenden Raum zu aparten Posen verschmelzen und versteht ihre farblich auffällige Kleidung jederzeit als Ergänzung wie Kontrapunkt zur Landschaft.

Auch die Kamera unterstützt jenen Eindruck, indem sie sich nicht in Detailaufnahmen verliert, sondern weite Einstellungen für die Bebilderung der Märchenvisionen bevorzugt. Antithetisch hierzu wird die schläfrige Krankenhausumgebung als enger Schauplatz präsentiert, der sich nicht aus wildwuchernder Phantasie, stattdessen aus Wirklichkeit nährt.

Von Freundschaft zu Vertrauen

Emotionaler Kern von “The Fall” ist die Beziehung zwischen Roy und Alexandria, explizit der vertraute, rücksichtsvolle Umgang der beiden so unterschiedlichen Schauspieler miteinander. Die kleine Catinca Untaru verkörpert mit vollkommen glaubwürdiger, drollig-unbefangener Authentizität die Naivität eines Kindes, das (noch) nichts vom Ernst des Lebens versteht, aber ihn vielleicht schon spürt. Lee Pace ist ihr an eben diesem Leben verzweifelnder erwachsener Gegenpart, den zwar eine Ahnung von Unschuld umgibt, der aber genug überzeugende Entschiedenheit ausstrahlt, um Alexandria manipulieren zu können.

Sobald er als Hauptfigur seiner eigenen Erzählung, nämlich als maskierter Schwarzer Bandit auftaucht, läßt er ein leicht ironisches Moment in sein Spiel einfließen, ist doch die von ihm fabulierte Abenteuerstory nicht nur wegen des Wechsels der Erzählebenen vielfach humorvoll gebrochen. Tatsächlich wird das ganze Binnengeschehen, im Prinzip der gesamte Film aus der Sicht Alexandrias dargestellt. Sie ist es, die durch ihre Wünsche sowie Erinnerungen die Handlung beeinflußt, und sie bevölkert das daraus entstehende fiktive Wunderland mit jenen Personen und Dingen, die ihr aus dem Alltag bekannt sind.

Von der Realität zur Imagination

Wie ein Kaleidoskop justiert sich “The Fall” immer wieder neu. Das narrativ und optisch mühelose Ineinandergleiten von Realität und Fiktion ist ebenso der ruhigen, einem elegant fließenden Duktus folgenden Regie zu verdanken wie der symphonischen Musik, dem maßvoll-harmonischen Schnitt und der bedachtsamen, mit atmosphärischen Einfärbungen arbeitenden Kamera.

Nicht Fantasy- oder Actioneffekte überwältigen, sondern die suggestiven Bilder in ihrer traumhaften, teils traumartigen Schönheit, die zwar sorgfältig ästhetisch komponiert sind, aber keineswegs in lebloser Stilisierung erstarren. Vielmehr wertet Tarsem Singh jenseits von Genremustern, gängigen Stilen oder kommerziellen Erwägungen die Welt mythisch auf und gewinnt selbst bekannten Impressionen, etwa im Ozean schwimmenden Elefanten, eine neue lyrische Anmut ab.

Mal werden nostalgische Postkartenmotive nachgestellt und Camera-Obscura-Effekte präsentiert, mal wird dem Schwarz-Weiß-Stummfilm gehuldigt oder gar zum Puppentheater übergewechselt. Freilich liegt in dieser ausgereift-beziehungsreichen Bildsprache etwas Surreales, gelegentlich Bizarres, das der faszinierenden Optik ein Moment der Verstörung verleiht. Eben jener inneren Dramatik folgt die Handlung konsequent, bis sie an die finsteren Grenzen der Imagination gelangt und dort von der tragischen Wirklichkeit eingeholt wird.

Von Verzweiflung zu Hoffnung

Roy, den nach seinem schweren Unfall auch noch die Geliebte verließ, sind Rücken und Herz gebrochen. Wie seine fiktiven Märchenhelden leidet er an einer verletzten Seele, an den Beschränkungen des Seins, die nur Alexandria in ihrer kindlichen Arglosigkeit und unerschütterlichen Zuneigung überwinden kann. Dennoch gibt es kein typisches Happy-End, weil sich zuletzt die Ambivalenz von Phantasie offenbart.

Zwar besitzt sie ein vitalisierendes, transzendierendes Potenzial, ist Hoffnungsgeber und Erkenntnisbringer, vermag aber die Realität schlußendlich nicht umzukehren. Für ?The Fall? meint dies, dass Vorstellungskraft den Tod überwinden, zumindest verhindern kann, jedoch nicht den Schmerz. Allein in Alexandrias unbedarfter Weltbetrachtung wendet sich alles zum Guten. Gleichwohl hat das seine Berechtigung, denn eine Geschichte gehört immer zweien: demjenigen, der sie erlebt und erzählt sowie demjenigen, der sie hört und deutet.

“The Fall” ist keine postmoderne Spielerei, kein Film für die visuelle Kunstgalerie, stattdessen eine cineastische Metamorphose, welche die magische Kraft der Phantasie über betörende Bilder vor Augen führt, um dann in einer zartbitteren Volte dem realen Leben Tribut zu zollen. Bezogen auf die lange komplizierte Entstehungsgeschichte hat Regisseur, Produzent und Mitautor Tarsem Singh sein Werk als “meine eine, große Wahnsinnstat im Leben” bezeichnet; ebenfalls trifft dies für dessen künstlerische Qualität zu.

Mit Hilfe brillanter Filmvirtuosität auf höchstem Niveau wird der Seidenschleier zwischen den Welten gelüftet, eine Balance zwischen Wirklichkeit und Imagination geschaffen, die sich zu einer eigenwilligen Hymne auf das Kino verdichtet… auf epische Geschichten über Liebe und Rache, über Leben und Tod im freien Fall.

The Fall

Indien, Großbritannien, USA 2006
Regie: Tarsem Singh
Darsteller: Catinca Untaru, Lee Pace, Justine Waddell, Kim Uylenbroek


Nathalie Mispagel lebt in Hassloch bei Frankfurt und studierte Jura, Allgemeine und Vergleichende Literatur- sowie Filmwissenschaft. Sie promovierte in Komparatistik und hat mit “New York in der europäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts” (erschienen bei Königshausen & Neumann) jüngst ihr erstes Buch veröffentlicht.

Die leidenschaftliche Cineastin schreibt seit zwei Jahren für academicworld.net.


Stand November 2011

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