Liebe Kritiker,

wie kommen Sie immer wieder darauf, dass ich prinzipiell unglücklich bin, weil ich mich über die Zustände in dieser Welt aufrege und dagegen anschreibe? Wie kommen Sie dazu mir immer wieder mal diesen Satz zu schreiben: Ist doch egal, was die anderen tun oder denken – Hauptsache man selbst weiß wie es wirklich ist und wird glücklich damit (oder so ähnlich)?! Nein! Mit Verlaub: Das ist kompletter bauernpsychologischer Stuss.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin.

Genau an dieser Einstellung – Hauptsache ich komme zurecht – krankt unsere Welt. Dieser Satz mag für die kurze Zeitspanne der Pubertät in gewissen Bereichen seine Gültigkeit haben, darüber hinaus ist es eine infantile und egomane Einstellung. Es ist uns auch nie egal was andere von uns denken, denn wir sind Gruppenwesen, die existentiell davon abhängig sind, dass andere positiv von uns denken, damit sie uns notfalls helfen. Gerade Menschen die behaupten, es wäre ihnen egal, was andere von ihnen denken, tun dies wie trotzige Kinder, weil sie oftmals tief gekränkt wurden von der Meinung anderer.

Wieso sagen und schreiben mir besonders männliche Leser immer wieder diesen dämlich Satz: Du hast doch alles, warum machst Du es Dir so schwer? – Warum sollte ich es mir leicht machen und mit der gewonnenen Langeweile und Gleichgültigkeit mein Leben vergeuden?! Für mich ist es in keinster Weise ein Ziel ein leichtes Leben zu haben. Wieso auch, warum sollte das besser sein, als ein Leben, dass sich ständig an schwierigen Erfahrungen reibt?! Ich bin kein verzweifeltes kleines Mädchen, was seufzend vorm Computer sitzt und die böse Welt nicht versteht.

Es ist nicht hinzunehmen, dass man selbst ein glücklicher Mensch ist und seinen Platz im Leben gefunden hat und dadurch einem die Welt in ihren schädlichen Vorstellungen egal wird. Wenn ich nicht mehr an den Missständen dieser Welt Anstoß nehme und mich über die von mir erkannten Irrwege aufrege, bin ich tot. Das wird sicher irgendwann eintreten, aber im Moment fände ich es sehr schade.

Es ist absolut nicht hinzunehmen, wenn die Menschen um einen herum subtile Komplexe entwickeln, weil sie nicht den Standardmaßen von Models gewachsen sind oder den Körper der eigenen Freundin oder des eigenen Freundes verwünschen. Es ist nicht hinzunehmen, wenn die Mehrheit annimmt Herr zu Guttenberg ist ein hervorragender Politiker, wenn er vom ersten Tag an eigentlich ganz offensichtlich nur ein Blender war, viele aber an diesen falschen Messias glauben wollten (wohin das führt, sollten neben uns Deutschen auch mittlerweile alle anderen wissen). Ob Models dämliche Interviews geben und noch schwachsinnigere Zeitungen das abdrucken und in ästhetischer Oberflächlichkeit das Heil der Menschheit preisen oder Herr Guttenberg als gegelter Betrüger der Kanzler der Herzen war, finde ich persönlich besonders erschreckend, weil ich in diesen „Paradiesesvorstellungen“ das Betäubungsmittel für die Eigenverantwortung sehe – das höchste Gut der Menschen.

Wir leben in einer Kultur und in einer Zeit, in der nicht mehr der Feind in einer großen politischen Gegenmacht und in klaren Grenzen zu finden ist (nicht nur die Amerikaner spüren das gerade sehr deutlich). Es ist nicht mehr so einfach Gut und Böse auseinander zu halten. Die Grenze verläuft in unserem eigenen Denken und besonders in unserem Verhalten, unserem Selbstbild, unserem alltäglichen Handeln: Der Krieg findet in unseren eigenen Köpfen statt. Wachsender Wohlstand ist nicht mehr das Ziel der Zukunft, weder für die Welt noch für uns selbst. Doch wir sind nach wie vor im Alltag unserer hochindustriellen kapitalgesteuerten Wertewelt diesen Glaubensgrundsätzen ausgesetzt. Sie hängen uns wie falsche Götter täglich vor der Nase: Ganze Häuserwände sind mit neuen futuristischen Autobildern verhüllt, jede Strumpfhose die wir kaufen schickt ein langbeiniges Vorbild in unser Unterbewusstsein. Wir sollen immer noch all das kaufen, brauchen für all das Öl, was aus Ländern kommt, die all das gerne in die Luft sprengen würde (aus Neid oder aus religiöser Besserwisserei, was auch nichts anderes als Neid ist). Es ist als säßen wir hungrig vor einem vollgedeckten Tisch und wüssten, dass die Speisen alle vergiftet sind. Und dann kommt noch ein Schlaumeier von einem Kellner vorbei und sagt einem: Sei einfach Du selbst!

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

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