Ritterschlag ins Ungewisse

Jedes Jahr erwerben fast eine halbe Million Schüler das Abitur. Zwölf Jahre gab es nicht viel nachzudenken, man musste nur funktionieren. Aufstehen, in die Schule gehen, Klausuren schreiben, Hausaufgaben machen. Und nun stehen sie plötzlich vor der ziemlich einsamen Entscheidung, was das Beste für sie ist und welchen Weg sie einschlagen sollen.

von Lucas S. Orengo

 

After-Abi: Aufbruch ins Ungewisse

Ein jedes Leben wird in der Regel von Zielen und Wünschen bestimmt. Beruf, Familie, Freunde … Dinge, die uns antreiben und uns jeden Morgen das Gefühl geben, dass das Leben einen Sinn hat. Eigentlich soll man dadurch die nötige Portion Motivation und Antrieb bekommen, um den Alltag erfolgreich und zufrieden zu bestreiten.

Leider ist das nicht immer so. Ich spreche vom Abitur, dem großen Ziel eines jeden Schülers. Junge Menschen nehmen Qualen und Strapazen auf sich und kämpfen Jahre lang, um die Hochschulreife zu erhalten. Hier überwiegt oftmals mehr Angst und Ungewissheit als Motivation und Antrieb. Doch wohin führt der Weg nach dem Erlangen des Objekts der Begierde?

Studieren, Reisen, freiwilliges soziales Jahr, Arbeiten … Genügend Möglichkeiten, das Leben nach dem Abitur sinnvoll fortzusetzen gibt es ja. Doch wissen nur die wenigsten mit Überzeugung, was der richtige Schritt in die ungewisse Zukunft ist. Eigentlich völlig normal, wenn man überlegt, dass seit dem man denken kann, das Leben bereits vorgeplant ist. Kindergarten, Grundschule, Gymnasium. Aber dann? Zum ersten Mal steht man vor der Entscheidung, sich selber darum kümmern zu müssen, was das Beste für einen ist und welchen Weg man einschlagen möchte.

Leben leben

Doch zunächst werden die Tage nach der offiziellen Entlassung aus der Schule geprägt von der Obsession, sich möglichst frei und fern von jeglichen Normen und Regeln treiben zu lassen. Hört sich erst mal ganz nett an und mit viel Fantasie reicht es sogar dazu, einen philosophisch-romantischen Hintergedanken ausfindig zu machen. Nüchtern betrachtet ist es jedoch einfach nur trinken, feiern, sonnen, entspannen und vor allem eins: nichts-tun.

Blickwinkel

Ich selber war nie ein guter Schüler. Genauso wenig gehörte ich zu denen, die schon in der Oberstufe wussten, was sie studieren möchten und welchen Abi-Schnitt sie dazu benötigen. Mir ging es eher darum, irgendwie durch die Schulzeit zu kommen und am Ende dieses Abitur zu haben. Man kriegt ja im Laufe der Zeit mit, dass das nicht ganz unnütz zu sein scheint. Doch mit Parolen von überengagierten Studienberaterinnen zum Studium bzw. über das harte Berufsleben unserer Zeit konnte ich wenig anfangen. Was interessiert mich das denn, wenn ich nicht einmal mit der Schule fertig bin?

Bestimmt ist es wichtig, dass man früh damit beginnt, sich im Leben zu orientieren und anfängt, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Trotzdem schadet es mit Sicherheit nicht, sich in diesem Alter auch mal vom Bauchgefühl leiten zu lassen, ein bisschen zumindest. Ich meine, wann im Leben hat man sonst noch die Möglichkeit dazu?

Nach elend langen neun Jahren (ja, richtig erkannt, ich durfte zwischendurch eine Ehrenrunde drehen) hatte ich dann schließlich im Sommer mein Abitur. Wie von einem Tag auf den anderen ist sie also vorbei, die Schulzeit. Eine ganze Epoche im Leben geht zu Ende – das Glücksgefühl könnte kaum größer sein.

Deshalb sehen viele die Übergabe des Zeugnisses auch in der Regel als eine Art Lizenz zum zwangslosen Feiern und Sich-Gehen-Lassen. Absolut zu Recht, wie ich meine. Einfach mal alles raus lassen, ungehemmt machen, was man will. Ganz ohne im Hinterkopf ständig diese Prüfungen zu haben, auf die man so gut wie immer zu wenig gelernt hat. Absolut klar, dass man diesen einmaligen Moment ausnutzen muss, um sich voll und ganz dem Leben mit all seinen Möglichkeiten hinzugeben.

Ich habe damals erst mal den Sommer in München genossen und bin dann im August in den Süden geflogen. Also die volle Portion Sonne, Ruhe und Spaß.

Schnittstelle

Wie alles im Leben endet aber dann auch diese Zeit, ob man will oder nicht. Die Realität klopft vorsichtig an und versucht, Präsenz zu zeigen. Nachdem man sie mehrmals lachend nicht rein gelassen hat, drängt sie sich jedes Mal konsequenter und entschlossener rein, bis sie es schließlich Mitte/Ende September geschafft hat. Hallo, Alltag – Tschüss, Traumwelt!

Auf einmal wird einem mehr und mehr bewusst, dass eine neue Etappe beginnt, für die man erstmals selber etwas tun muss, und vor allem wissen muss, was man denn überhaupt tun möchte. Viele meiner Freunde haben direkt angefangen zu studieren. Weil sie wussten, was sie möchten, oder zumindest wussten, dass sie gleich studieren wollen. Oder weil ihre Eltern es „geraten“ haben. Ich bin der Meinung, jeder sollte das tun, was er für richtig hält und worauf er Lust hat. Auch begründet durch die eben beendete Schulzeit, in der nur wenig Platz für eigene Entscheidungen und Interessen ist. Klar, Sinn sollte es schon machen, und den Lebensstil des Sommers einfach fortzusetzten ist auch keine Lösung, aber einen gewissen Rhythmus sollte der Alltag schon haben.

Entdeckungsreise

Der eine beginnt das Studium, der andere fährt für mehrere Monate ins Ausland, einige bleiben auch zu Hause, während der nächste ein freiwilliges soziales Jahr macht oder sich in einem Praktikum versucht.

Ich entschied mich dazu, Geld zu verdienen und fing an zu arbeiten, drei Tage die Woche. Durch die Tatsache, dass ich nicht im Ansatz wusste, wohin mit mir, war das die vernünftigste Idee, um die Wochen zu füllen. Mehr und mehr kommt man also in einen improvisierten Alltag, in einer Welt die auf der einen Seite verlockend schön zu sein scheint, weil man in ihr viel Zeit, Freizeit und Freiheit hat. Auf der anderen Seite aber scheint diese Zeit kein Fundament zu haben, was beispielsweise die Schule in Übermaßen bot. Mir hat die Erfahrung, im Lager eines großen Kaufhauses zu arbeiten zwei Dinge offenbart: Erstens, ich möchte niemals auf diese Art und Weise mein täglich Brot verdienen müssen, denn der Anblick der Menschen, die tag-täglich harte, physische Arbeit verrichten müssen, weil Ihnen das Leben keine Chance gegeben hat, sich weiterzubilden und mehr zu erreichen, hat mir imponiert. Und zweitens, um das zu verhindern, muss ich etwas lernen. Auch eine Möglichkeit, Motivation für das Studium zu schöpfen.

Daneben kann die Gelegenheit, endlich mal Zeit für einen selber zu haben und nicht ständig Termine, Fristen oder Regeln einhalten zu müssen sehr inspirierend wirken, auch wenn es uns heutzutage schwer fällt, tatsächlich einmal Nichts zu tun.

Reflexion

 Ständige Informationszufuhr und überall Struktur – das Gefühl, frei von gesellschaftlichem Druck, und frei von jeglicher Form von Medien sich selber zu widmen, geht immer mehr verloren. Ich frage mich nur, warum. Warum ist es schlecht, sich gegen den Strom zu stemmen und auf „Stop“ zu drücken. Genau diese Zeit nach dem Abitur bietet die optimale Gelegenheit dazu. Ich meine damit nicht, sich ein Jahr auf den faulen Hintern zu setzen, sondern sich in seinen Entscheidungen einfach Zeit zu lassen. Man braucht kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich dabei erwischt mal wieder mit Genuss RTL zu schauen oder mal drei Tage gar nichts macht. Solange man im Hinterkopf stets überlegt und sich orientiert ist das alles mehr als legitim. Denn im Endeffekt findet jeder seinen Platz in dieser Welt. Vor allem wenn man die Schulzeit mit dem Ritterschlag Abitur gemeistert hat.

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