“Am Theater fragt keiner nach deiner Karriereplanung”

Die Schauspielerin Lisa Bitter (26) ist am Staatsschauspiel Stuttgart engagiert. 2009 hat sie ihr Diplom an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig gemacht, nachdem sie zuvor zwei Studiengänge abgebrochen hatte.
 
Lisa Bitter erzählt, warum sie mit klassischen Karrierethemen nichts anfangen kann, was ein Schauspieler für seinen Beruf mitbringen muss und welche Bedeutung Umwege im Leben für sie haben.

e

Schauspielerin Lisa Bitter
Lisa Bitter ©Fotograf: Tim Dobrovolny

Lassen Sie uns über Geld reden.
Warum?  

Weil es für viele Menschen ein wichtiger Antrieb ist.
Wofür?  

Um Karriere zu machen.

Karriere … das ist wirklich ein Begriff, mit dem ich wenig anfangen kann. Was drückt das aus? Macht man Karriere, weil man etwas gut kann? Oder heißt Karriere, dass man belohnt wird ? in Form von Geld und Posten? Verstehen Sie, ich bin kein Gutmensch, der sagt: Mir ist es egal, wenn ich wenig verdiene, Hauptsache, die Welt gedeiht und alle sind glücklich. Aber als Antrieb, Ziele zu erreichen, sich selbst und die Welt zu entdecken, kann das doch nicht ausreichen. Der Begriff Karriere hat so etwas eindimensionales, er hat keine Tiefe. Und eigentlich wird er nur von Menschen häufig gebraucht, die Positionen in der freien Wirtschaft besetzen. Am Theater sagt keiner: Wie sieht eigentlich deine Karriereplanung im Moment aus?  

Interessieren Sie Wirtschaftsthemen?
Das tun sie. Natürlich finde ich es erstaunlich, wie schnell die Rezession wieder zu Ende gegangen ist. Ich bin gespannt, wie die Entwicklung in der EU weiter geht, ob wir den Euro behalten werden oder die Landeswährungen zurückkehren werden. Aber bei vielen öffentlichen Diskussionen zu Wirtschaftsfragen habe ich das Gefühl, dass viel Unehrliches gesagt wird. Das ist alles ein Fake, denke ich. In Wirklichkeit geht es um persönliche Bereicherung einiger Weniger.  

Aus Ihrer Schulzeit dürften Sie noch Freunde haben, die etwas Wirtschaftsnahes studiert haben.  
Klar. Ich kenne einige, die ihren Beruf nicht unbedingt aus Leidenschaft ausüben, sondern ausschließlich, um Geld zu verdienen. Das Geld wird dann benötigt für einen hedonistischen Lebensstil. Ich frage mich dann, ob man im Leben nicht zuviel Zeit mit dem Beruf verbringt, um etwas zu machen, was einen nicht wirklich befriedigt. Es ist okay, aber nicht mein Weg.  

Wie haben Sie Ihren Weg entdeckt? Bevor Sie Schauspielerin wurden, haben Sie erstmal zwei Studiengänge abgebrochen.

Erst habe ich in Düsseldorf Biologie studiert, dann in Leipzig Kulturwissenschaften. In Leipzig gibt es die Hochschule für Musik und Theater, an der ich immer vorbei kam – und an der ich die Schüler in der Ausbildung sah. Und auch Schauspielschüler kennen lernte. Sie müssen wissen, dass ich schon während der Schulzeit fasziniert von dem Beruf des Schauspielers war. Ich war auch in der Theater AG und habe selbst mit Freude gespielt ? aber als Beruf habe ich mir das nie zugetraut, weil ich gedacht habe, dafür nicht gut genug zu sein.  

Was hat diese Meinung geändert?
Es gab da einen Tag im Frühjahr, an dem schien die Sonne und es war schon sehr warm. An der Hochschule für Musik und Theater hatten sie deshalb die Fenster aufgemacht und ich sah den Schülern beim Fechtunterricht zu. In dem Moment war ich so fasziniert von dieser ganzen Vitalität und Lebenslust der Schauspielschüler, dass ich plötzlich wusste: Das ist es! Das willst du auch! Ich glaube, in dem Moment habe ich mich wirklich erst richtig frei gemacht von den gefühlten Erwartungen meiner Eltern oder meines Umfeldes, etwas Seriöses zu studieren und gleichzeitig auch von meinen Sorgen, nicht gut genug für den Beruf des Schauspielers zu sein. Das war ein befreiender Moment.

Waren die Umwege nötig, um Ihre wahre Berufung zu finden?

Vielleicht. Wenn man als 18-jährige ein ganz gutes Abitur gemacht hat, dann denkt man, es geht alles weiter leicht und unbeschwert. Dabei hat man noch keine Selbstzweifel kennengelernt, war noch gar nicht in der Situation, frei zu entscheiden. Ich habe mich gerade nach meinem ersten Studienabbruch nicht gut gefühlt, hatte ein schlechtes Gewissen und wusste wirklich nicht, was ich machen sollte. Ich habe gekellnert, bin nach New York geflogen und habe diese Wahnsinnstadt erlebt und auf einen äußeren Anstoß gewartet, der am Ende doch nur von innen kommen kann. Ja, ich denke schon, dass Umwege ein Leben bereichern, auch wenn sie am Anfang sinnlos aussehen.  

Auf der Schauspielschule angenommen zu werden gilt angesichts der Masse an Bewerbern, als äußert schwierig.
Ja, es ist nicht einfach aus dieser Masse hervorzustechen. Wie immer im Leben gehört auch eine große Portion Glück dazu: Für mich bedeutet das zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein und vor allem von den richtigen Augen gesehen worden zu sein.  

Was muss man für den Beruf des Schauspielers mitbringen?
Natürlich Talent. Leidenschaft. Aber auch Disziplin und Leidensfähigkeit. Disziplin, weil mein Körper mein Werkzeug ist und ich auf ihn jeden Abend auf der Bühne wieder zurückgreifen muss. Und Leidensfähigkeit, weil jede Rolle, die ich spiele, etwas sehr persönliches hat. Da ist immer ein Stück von mir enthalten, von meinem Leben, meinen Sorgen, meinen Freuden, meinen Abgründen. Das stelle ich zur Schau – und hoffe, es wird verstanden und akzeptiert. Jede Kritik dazu trifft mich deswegen ein Stück weit persönlich, insofern braucht man auch die Kraft, das auszuhalten.  

Setzt Ihnen Kritik zu?

Nein, glücklicherweise nicht zu sehr. Von Regisseuren und geschätzten Kollegen bedeutet sie mir viel. Und sie berührt mich auch. Die traditionelle Theaterkritik in Zeitungen macht mir überraschend wenig aus. Ich denke, ich bin glücklicherweise recht robust, was die öffentliche Meinung über mich betrifft.  

Wie viel Kritik mussten Sie einstecken?
In der Schauspielschule sicherlich mehr als heute.   

Und was ist das Schöne am Beruf?
Die Vielfalt der Rollen! Alle, auch die klassischen, haben einen Bezug zur Gegenwart. Und ich interessiere mich für so viele gesellschaftliche oder politische Themen, dass ich wirklich froh bin, über meinen Beruf Zugang dazu zu haben. Gerade beschäftigt mich sehr die Frage, warum Tyrannen so sehr an der Macht hängen ? auch in hohem Alter. Menschen wie Gaddafi oder Kim Jong-il können ohne ihre Macht anscheinend nicht leben.  

1 2
Share.